TV-Doku: Zu Besuch im Nazi-Haus in Dorstfeld

hzNeonazis in Dortmund

Wie sieht es bei Dortmunds Neonazis zuhause aus? Wie wurden sie radikalisiert? Und was würde passieren, wenn sie an die Macht kämen? Eine TV-Doku gibt seltene Einblicke in die Szene.

Dortmund

, 29.09.2020, 15:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ein Millionenpublikum sah am Montagabend (28.9.) zur besten Sendezeit eine TV-Doku zur Neuen Rechten in Deutschland. Das zweistündige Spezial auf Pro Sieben dürfte Dortmunds unrühmlichen Ruf als Nazi-Zentrum in Deutschland weiter festigen.

In „Rechts. Deutsch. Radikal“ (die Dokumentation ist in der Pro-Sieben-Mediathek zu finden) nimmt der Berliner Journalist Thilo Mischke die Zuschauer mit auf seine 18 Monate andauernde Recherche zu den bundesweiten Strukturen der rechtsextremistischen Szene. Die Reise führt ihn dabei immer wieder nach Dortmund.

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Dass Dortmund seit vielen Jahren eine sehr aktive Neonazi-Szene mit bundesweiter Strahlkraft hat, ist nichts Neues. Sehr aufschlussreich sind aber die Drehorte, zu denen Mischke und sein Filmteam die Zuschauer mitnehmen.

Etwa in die Wohnung von Alexander Deptolla. Der 36-jährige Dortmunder ist ein bundesweit bekannter Neonazi, er organisiert die größte rechte Kampfsportveranstaltung Deutschlands, den „Kampf der Nibelungen“. Auch in der Neonazi-Szene der Stadt ist er aktiv: Jüngst kandidierte er (erfolglos) für die Dortmunder Kleinstpartei „Die Rechte“ für den Stadtrat.

Draußen Reichsflaggen, drinnen Leere

Deptolla wohnt im berüchtigten „Nazi-Haus“ im Zentrum von Dorstfeld, einem heruntergekommenen Altbau an der Emscherstraße, den die Bewohner immer mal wieder mit schwarz-weiß-roten Flaggen schmücken.

Das „Nazi-Haus“ in Dorstfeld: Ein heruntergekommener Altbau an der Emscherstraße, der manchmal mit Reichsflaggen "geschmückt" ist.

Das „Nazi-Haus“ in Dorstfeld: Ein heruntergekommener Altbau an der Emscherstraße, gut zu erkennen an den schwarz-weiß-roten Flaggen, die aus den Fenstern hängen. © Stephan Schuetze (Archiv)

Im Inneren ist von der nationalen Kraftmeierei nichts zu mehr zu spüren. Deptollas Wohnung wirkt beim Interview trostlos. „Ein Stuhl an der Wand, ein Banner, das Werbung für seine Kampfsportveranstaltung macht. Mehr nicht“, so beschreibt Mischke die Räume im „Focus“. „Innen ist alles leer.“

Im Gespräch in seiner Wohnung erzählt Deptolla, wie er sich radikalisiert hat. Den ersten Kontakt in die Szene hatte er mit 13, im Stadion bei Borussia. „Ich hab die richtigen Leute kennengelernt beim Fußball, die waren alle so rechts.“ Es waren Hooligans.

„Riesen Schlägerei mit Schalkern“

Die Gewalttätigkeit in der Szene gefällt Deptolla offensichtlich. Im Gespräch mit Mischke erinnert er sich an eine „riesige Schlägerei mit Schalkern“, in die er mit 15 Jahren reingekommen sei - keine schlechte Erinnerung, das sieht man ihm beim Erzählen an. Ihn fasziniert, „dass die Leute so für ihren Verein kämpfen“.

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Wie es denn in den späten 90ern in der Szene gewesen sei, will Mischke wissen. Wieder lächelt Deptolla: „‚Landser‘ und ‚Stahlgewitter‘ hören, saufen und pöbeln“, erzählt er, „es war schon ein bisschen plump.“

Ebenso plump wie aufschlussreich ist seine Antwort auf Mischkes Frage, warum Rechts so interessant für ihn sei: „Weil es Stärke ausstrahlt, die ganze Ideologie strahlt Stärke aus.“ Links hingegen sei für ihn immer schwach gewesen „und ist es heute noch“.

Allmachtsphantasien auf den Straßen Dorstfelds

Neben Deptolla haben noch zwei andere Dortmunder Neonazis einen großen Auftritt in der TV-Doku: Michael Brück und Sascha Krolzig, zwei der politisch führenden Köpfe der Szene in der Stadt.

Die Führungskader von „Die Rechte“ – Brück ist der einzige Vertreter der rechtsextremen Splitterpartei im Dortmunder Stadtrat – dürfen sich im Gespräch mit Mischke auf den Straßen im Zentrum Dorstfelds politischen Allmachtsphantasien hingeben.

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Sollten sie an die Macht kommen, würden die, die gegen sie sind, „in diesem Deutschland nicht mehr glücklich, die werden unser Land verlassen“, sagt Brück mit einem süffisanten Lächeln. Wer trotzdem dableibe, könne sich „beispielsweise für die Meinungsfreiheit einsetzen – wenn wir die nicht sowieso gewähren, wenn wir großzügig sind.“

Brück sieht AfD als „Türöffner“

Auf dem Weg dahin sei er „dankbar“ für den Erfolg der AfD. Brück sieht die Partei als „Türöffner“ für die eigene Sache. Irgendwann werde sich die AfD nach rechts klar abgrenzen, wenn sie mehr als 12 bis 15 Prozent der Wählerstimmen erreichen wolle. „Und dann kommt der Zeitpunkt, an dem wir die Menschen aufgreifen, die durch die AfD radikalisiert wurden und für uns bereitstehen.“

Später nehmen Brück und Krolzig das Filmteam auch mit in das Lager von Brücks Internet-Versandhandel für nur halbherzig getarnte Neonazi-Fanartikel. Dort, im schummrigen Kellerlicht vor zusammengeschraubten Ikea-Holzregalen, auf denen eine Vielzahl von aufgerissenen Amazon-Paketen liegen, verwickelt der Journalist Mischke sie in ein Streitgespräch.

Wie stehen Brück und Krolzig zu „HKKRZ“-Aufdrucken?

Wie sie denn mit Anspielungen auf die Nazi-Zeit wie Jutebeuteln mit „HKKRZ“- und „I love NS“-Aufdrucken Geld machen könnten, obwohl sie doch offenkundig Bezug nehmen auf eine moralisch verwerfliche Ideologie, die so viel Leid verursacht hat, will Mischke wissen.

Brück, der Jura studiert hat, weicht aus und sagt, dass man sich „zu dieser Zeit“ nicht offen äußern könne, selbst wenn man eine andere Meinung hätte. Dann mache man sich strafbar wegen des Volksverhetzungsparagraphen: „Ich möchte diesem Staat nicht noch mehr Angriffspunkte liefern, gegen mich vorzugehen.“

Es bringe „überhaupt nichts, sich über Vorgänge, die 70, 80 Jahre zurückliegen, Gedanken zu machen“, lässt sich Sascha Krolzig, ebenfalls gelernter Jurist, immerhin entlocken.

In der Vergangenheit war Krolzig nicht immer so vorsichtig: Wegen verschiedener Vergehen wie Körperverletzung und Volksverhetzung – unter anderem hatte er einen Bielefelder Rabbi als „frechen Judenfunktionär“ bezeichnet – muss der Co-Bundesvorsitzende der Partei „Die Rechte“ ins Gefängnis.

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