Umstrittener Experten-Vorschlag: Tempo 30 in der Dortmunder Innenstadt

hzMehr Sicherheit für Radfahrer

Nicht nur in Zeiten von Corona dürfen Autos Radfahrer nur noch mit 1,5 Meter Abstand überholen. Tempo 30 in der gesamten Dortmunder Innenstadt brächte noch mehr Sicherheit. Die Politik ist uneins.

Dortmund

, 14.05.2020, 04:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Über eins sind sich alle einig: Die Verkehrswende ist unvermeidlich, doch die Umsetzung bleibt in Städten wie Dortmund ein heißes Eisen. Brüssel hat dieser Tage eine Verkehrsrevolution vollzogen und die gesamte Innenstadt zur Fahrrad- und Fußgängerzone erklärt.

Davon ist Dortmund weit entfernt. Doch auch hier wird dem Radverkehr, der nach der neuesten Mobilitätsbefragung bei rund 10 Prozent liegt, in Zukunft deutlich mehr Beachtung geschenkt. Dortmund soll zum „Kopenhagen Westfalens“ werden, hieß es dazu in einer Presseerklärung der Stadt.

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Das kostet Geld. Viel Geld. Um den Radverkehrsanteil bis 2030 auf 20 Prozent zu erhöhen, sollen die Mittel dafür bis zum Jahr 2022 auf zunächst 6 Millionen Euro erhöht werden – das ist das Vierfache der bisherigen Summe, vorgesehen für den Umbau von Straßen in Fahrradstraßen. Zum Beispiel will die Stadt Ostwall- und Schwanenwall bis 2022 zum „Radwall“ mit großzügigen Radwegen und Fahrradstraßen-Abschnitten umgestalten.

„Diesen Aufwand könnte man sich sparen“

Die Bemühungen seien löblich, „doch diesen Aufwand könnte man sparen“, sagt Prof. Dr. Joachim Scheiner, Raumplaner und Verkehrsexperte mit Lehrstuhl an der TU Dortmund. „Mehr Sicherheit geht preiswerter.“

Sein Vorschlag: Tempo 30 flächendeckend in der Dortmunder Innenstadt, wie etwa im Kreuzviertel, im Kaiserstraßen- und Saarlandstraßenviertel. Statt 50 wären dann 30 km/h innerorts die normale Geschwindigkeit – alles andere müsste extra ausgewiesen werden.

Durch die geringere Geschwindigkeit, so argumentiert Scheiner, werde die Fahrzeit kaum verlängert, weil man ohnehin immer wieder an Ampeln halten müsse. Das Umweltbundesamt gibt ihm Recht: Nach Untersuchungen gingen Autofahrern auf 100 Metern durch Tempo 30 maximal vier Sekunden verloren. Oft ist das Fahrrad in der Innenstadt sogar das flottere Verkehrsmittel.

Umkehr der Regelgeschwindigkeit

„Mit einer Regelgeschwindigkeit von Tempo 30 in der Innenstadt wäre das Unfallrisiko dezimiert und man bräuchte die Investitionen für den Umbau des Straßenraums nicht mehr“, sagt Prof. Scheiner, betont aber, dass die Städte am besten hier einheitlich vorgehen müssten.

Die Bundestagsfraktionen von CDU/CSU und SPD haben bereits bei der Diskussion um die neue Straßenverkehrsordnung Tempo 30 für Städte ins Spiel gebracht. Zuspruch dazu gibt’s auch vom Deutschen Städtetag. In einem Positionspapier zur Verkehrswende fordert der kommunale Spitzenverband innerorts die versuchsweise Umkehr der Regelgeschwindigkeit von 50 auf 30 km/h, allerdings mit Ausnahme der Hauptverkehrsstraßen.

Im Grünen-Wahlprogramm

Mit dieser Forderung läuft der Deutsche Städtetag bei den Grünen in Dortmund offene Türen ein – auch ein Thema in ihrem Entwurf für das Kommunalwahlprogramm. Darin heißt es, bei Tempo 30 passierten weniger und weniger schwere Unfälle als bei Tempo 50. Der Lärm gehe zurück, die Belastung der Luft mit Schadstoffen ebenfalls. Sie stützen sich dabei auf entsprechende Pilotversuche unter anderem in Berlin.

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Da über ein flächendeckendes Tempo 30 nur der für die Straßenverkehrsordnung zuständige Bund befinden könne, wollen die Grünen sich auf Bundesebene für die entsprechende Änderung einsetzen und bis dahin „alle kommunalen

Spielräume für die Ausweisung von Tempo 30 nutzen“.

CDU: Nicht pauschal Tempo 30

Soweit will die CDU-Ratsfraktion nicht gehen. Man habe im Zuge des Lärmaktionsplans für eine Ausweitung von Tempo 30 im Stadtgebiet mitgestimmt, sagt Uwe Waßmann, verkehrspolitischer Fraktionssprecher, und sei bereit, das Thema grundsätzlich zu betrachten, doch „pauschal Tempo 30 in der Innenstadt – da sind wir zurückhaltend.“

Tempo 30 auf dem gesamten Wall, das könne er sich nicht vorstellen, so Waßmann auch mit Blick auf den Verkehrsfluss in der Rushhour. So gelte es zu beobachten, wie viel Rückstau Tempo 30 und Pförtnerampel auf der B54 erzeugten. Ob das in der Öko-Bilanz sinnvoll ist, bezweifle er, sagt der CDU-Politiker.

Verkehrsclub für Tempo 20 in sensiblen Bereichen

Auch bei der SPD-Fraktion stößt Tempo 30 für die gesamte Innenstadt auf Ablehnung. „Wenn man auf dem dreispurigen Wall mit 30 km/h fahren muss, freut sich hauptsächlich das Blitzgerät“, sagt Hendrik Berndsen, verkehrspolitischer Sprecher der SPD. „Wir wollen nicht, dass man Radfahrer gegen Autofahrer ausspielt. Hauptzufahrtsstraßen und Wälle dürfen bei 50 km/h bleiben.“ Dass Tempo 30 flächendeckend der Verkehrssicherheit helfe, glaube er eher nicht. „Auf dem Wall muss man ohnehin fast an jeder Ampel halten“, so Berndsen.

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Linke & Piraten im Rat würden sich „gegen Tempo 30 in der Innenstadt nicht wehren“, sagt Fraktionschef Utz Kowalewski, doch den fahrradfreundlichen Umbau der Straßen könne das nicht ersetzen. „Den innerstädtischen Verkehr runterzuregeln ist richtig, doch wir wollen den Autoverkehr langfristig aus der Stadt heraushalten.“

Eindeutig ist die Meinung beim Dortmunder Kreisverband des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) mit der weitestgehenden Forderung: Neben der Umverteilung des Straßenraums zugunsten von Radfahrern und Fußgängern müsse der Verkehr in Dortmund insgesamt entschleunigt werden. Dazu gehöre „Tempo 30 stadtweit und Tempo 20 in sensiblen Bereichen wie der City oder in Einkaufsstraßen.“

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