Und der Staat sah zu - der Fall Anis Amri und seine Kontakte nach Dortmund

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Der Attentäter vom Berliner Breitscheidplatz hielt sich oft in Dortmund auf. Als Teil einer Gruppe, die unter den Augen der Behörden junge Menschen radikalisierte –mit fatalen Folgen.

Dortmund/Berlin

, 18.12.2017, 16:01 Uhr / Lesedauer: 19 min

Der Körper ist verschollen, sie haben in Bochum stattdessen einen alten Milchzahn bestattet. Der 19-jährige Marvin, der ihn als Kind im Mund trug, starb vermutlich 2015 irgendwo im Irak. Verloren hat die Familie den Jungen deutlich früher. Ein kleiner Zahn in einem großen Grab. Ein Ort der Trauer für eine Familie.

In Berlin, am Breitscheidplatz, gibt es einen weiteren Ort für Trauer. Kerzen stehen da. Und Kreuze, die in weißen Buchsbaumtöpfen stecken. Ein Foto. Schilder. Heute wird dort ein Denkmal enthüllt. Treppenstufen mit zwölf Namen darauf. Durch den Boden, auf dem vor einem Jahr 11 Menschen starben und 67 verletzt wurden, zieht sich ein 14 Meter langer, goldener Riss.

Die Verbindung ist ein Mann aus Dortmund

Bochum und Berlin haben nichts miteinander zu tun und doch sind diese Orte miteinander verbunden. Diese Verbindung besteht aus zwei Männern. Einer ist der Attentäter von Berlin. Der andere ist ein Mann aus Dortmund. Das hier ist die Geschichte dieser folgenschweren Verbindung.

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Das Brunnenfestival 2013 in der Nordstadt

September 2013. In dem schmucklosen Klotz in einem Industriegebiet im Dortmunder Norden werden für gewöhnlich Hochzeiten gefeiert. Große Hochzeiten mit Hunderten Gästen. Event-Center steht oben in kleiner Schrift auf einem Schild an der Halle. Heute, an diesem ersten Sonntag im September 2013, wird kein Bund für das Leben zelebriert. „Brunnenfestival“ steht auf den Flyern, die für die Veranstaltung werben. Sie hängen seit Tagen in Schaufenstern im Norden. Heute ist es soweit.

Auf dem Festival geht es um Brunnen für Afrika. Es geht um eine gute Sache. Um Menschen, die gerettet werden müssen. „Vollständige Geschlechtertrennung“ ist auf den Flyern versprochen worden, daran wird sich gehalten. Rund dreihundert Männer sitzen – nach einem gemeinsamen Gebet – in einer Halle auf Stühlen vor einer Bühne. Die Frauen und Kinder, die man eben auf den Parkplätzen noch sah, sollen sich in einer Nachbarhalle aufhalten.

Es geht um das Seelenheil

Einer der Männer erzählt von Muslimen, die in Afrika kein Wasser bekämen und nicht in Krankenhäusern behandelt würden – einfach nur, weil sie Muslime sind. Muslime müssten, um behandelt zu werden oder Wasser zu bekommen, bezahlen. Oder zum Christentum übertreten. Sagt der Mann, er will seinen Namen nicht nennen. Es geht, wenn man seiner Erzählung folgt, um mehr als Menschenleben. Es geht um das Seelenheil. Die Ewigkeit.

So gesehen, ist es nur konsequent, dass auf dem Brunnenfestival Prediger auftreten. Salafistische Prediger, große Namen dieser damals schon wachsenden Szene. Sven Lau, Pierre Vogel und Abu Dujana sind auf dem Werbeflyer mit Fotos abgebildet. Ein weiterer Prediger wird dort genannt, er nennt sich Abu Walaa. Von ihm gibt es kein Bild. Walaa wird später als der salafistische „Prediger ohne Gesicht“ bekannt werden.

Unter Salafisten versteht man Muslime, die ihren Glauben leben wie zu Zeiten ihres Propheten. Ultrakonservative Muslime. Fundamentalisten.

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1. September 2013, Dortmunder Nordstadt: Ein Brunnenfestival in einer Veranstaltungshalle ist ein Treffpunkt für Salafisten. © Großekemper

Die „Lies“-Kampagne – 90 Anmeldungen allein in Dortmund

Lau und Vogel sind damals so etwas wie die Posterboys des Salafismus in Deutschland, Abu Dujana ist der in Bonn lebende Sohn eines arabischen Predigers und gilt zu dieser Zeit als einer der Köpfe der Missionsbewegung „Die wahre Religion“. Ursprünglich war das ein Internetportal, 2005 ging es ans Netz. Daraus wurde ein Verein, der später Korane in deutschen Fußgängerzonen verteilte. Jahrelang, auch in Dortmund: Zwischen 2014 und 2016 gab es beim Dortmunder Ordnungsamt genau 90 Anmeldungen für solche „Lies“-Stände in der Innenstadt.

Bis zum Sommer 2016 wurden laut Verfassungsschutz bundesweit 3,5 Millionen Korane verteilt. Wichtiger als die Bücher sind den Salafisten die Kontakte, die sich an solchen Ständen knüpfen lassen. Locker-flockig ins Gespräch kommen, Sinnfragen stellen und Antworten liefern. Die „Lies“-Stände sind so etwas wie der Speck in der Mausefalle für Suchende.

Im November 2016 wird der Verein „Die wahre Religion“ nach einer mehr als einjährigen Vorbereitungsphase vom Bundesinnenministerium verboten.

In der Verfügung heißt es unter anderem, die Vereinigung befürworte „den bewaffneten Dschihad und stellt ein bundesweit einzigartiges Rekrutierungs- und Sammelbecken für dschihadistische Islamisten sowie für solche Personen dar, die aus dschihadistisch-islamistischer Motivation nach Syrien beziehungsweise in den Irak ausreisen wollen“.

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Ein „Lies“-Stand in der Dortmunder Innenstadt. Zwischen 2014 und 2016 wurden solche Stände 90 mal in der Stadt aufgebaut. © Peter Bandermann

Kriegsrhetorik: Eine Schlacht zwischen Muslimen und Christen

Das Brunnenfestival in Dortmund im Jahr 2013 ist im Grunde nichts anderes als ein „Lies“-Stand. Männer mit mal mehr, mal weniger dichten Bärten, die meisten tragen lange Gewänder, die aber die Knöchel unbedeckt lassen. Vor der Halle zeigt jemand seine Narben und wird dafür bewundert. Die habe er aus dem Krieg in Syrien mitgebracht, heißt es. Drinnen predigt Abu Dujana, dass die Demokratie der Ungläubigen nichts für Muslime sei. Der nächste Prediger, ein Mann namens Abu Abdullah, wird konkreter: Er fordert die Gäste auf, sich an der entscheidenden Schlacht zu beteiligen. Die Schlacht, die kurz bevorsteht, die zwischen den Muslimen und den Christen.

Der Endkampf.

Kriegsrhetorik.

Dass da Volksverhetzung gepredigt wird, stört in dem Moment offenkundig niemanden. Nicht die Gäste, nicht die anderen Prediger. Lediglich ein WDR-Reporter wird, als er Fragen stellt, bedrängt und später im Netz als Schwein bezeichnet. Einem der Autoren dieses Textes wird auf dieser Veranstaltung ganz beiläufig mitgeteilt, dass man wisse, wo er wohne und dass er Familie habe. Vor dem Festhallengelände stehen Polizeifahrzeuge.

Wer sich im Jahr 2013 in der Stadt erkundigt, ob es radikale Salafisten in Dortmund gibt, erhält aus der Verwaltung und von der Polizei unisono folgende Aussage: Möglicherweise gebe es vereinzelt radikale Muslime. Aber eine Szene, gar ein Hotspot? Nein, so etwas gebe es hier nicht. Anders sei das in Wuppertal, Mönchengladbach oder Solingen.

Boban S. ist unter den Festivalgästen

Unter den Gästen des Brunnenfestivals, davon sind Ermittler später überzeugt, ist auch Boban S., geboren am 24. Januar 1980 in Dortmund. Seine Familie stammt aus Serbien. Heute, 2017, steht Boban S. in Celle vor dem Oberlandesgericht. In einem Hochsicherheitstrakt, in einem großen Verfahren. Boban S. ist angeklagt, weil er jahrelang in Dortmund missioniert haben soll. Er ist das Bindeglied zwischen dem toten Jungen aus Bochum und dem Attentat vom Breitscheidplatz. Und, wenn man der Anklage folgt, zu vielen weiteren Toten.

Sie stammen aus Dortmund, Castrop-Rauxel und Bochum – die meisten aber aus dem Irak.

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Vor dem Oberlandesgericht in Celle wird aktuell auch gegen Boban S. verhandelt, er wurde 1980 in Dortmund geboren. © Julian Strate

Ein Alleinstellungsmerkmal und eine Schule

Boban S. hatte, so schildern es später Menschen, die ihn noch aus Schulzeiten kennen, zunächst mit dem Islam nichts zu tun. Im Gegenteil. Partys, laute Musik, ein ganz normaler Schüler, später Student der Chemie. Dann plötzlich wird ihm die Religion wichtig. Er konvertiert laut eigener Aussage zum Islam. Lässt sich einen Bart stehen und erklärt den erstaunten Nachbarn, dass er ab jetzt „Abdul Rahman“ heiße und so zu nennen sei. Seine Freundin Nadine H. schlüpft unter einen Schleier.

Es gibt wenige Spuren von Boban S. im Internet. Einmal aber äußert er sich 2007 öffentlich in einem Zeitungsartikel. In dem Artikel geht es um die Skepsis der Gesellschaft gegenüber den Muslimen nach den Anschlägen vom 11. September 2001. Boban S. schildert der Reporterin die Schwierigkeiten, die man als Muslim habe. Spricht von der Ablehnung, die er erfährt. „Nur das Beten, das können sie uns nicht verbieten“, so zitiert ihn die Zeitung. In den folgenden Jahren hat Boban S. noch viel gebetet. Und das nicht nur alleine.

Im Jahr 2010 gibt es, so sehen das die Ermittler heute, den ersten Kontakt zwischen Boban S. und Abu Walaa. Jener „Prediger ohne Gesicht“. Er bekommt diesen Spitznamen, weil es von ihm zwar viele Filme im Internet gibt, aber auf allen nur seine Rückseite zu sehen ist. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal und gibt dem Mann eine geheimnisvolle Aura. Die Bekanntschaft der beiden Männer wird sich vertiefen.

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Laut Anklage der Kopf der insgesamt fünf Angeklagten: Abu Walaa. Auch hier ohne Gesicht. © Julian Strate

In dem Gerichtsprozess, der aktuell in Celle läuft, wird gegen fünf Männer verhandelt, unter anderem wegen des Verdachts der Unterstützung einer ausländischen terroristischen Vereinigung. Sie sollen vorwiegend junge Menschen für den Kampf des sogenannten Islamischen Staates gesucht, angeworben, indoktriniert und anschließend bei der Ausreise unterstützt haben. Junge Menschen sind leichter zu formen als ältere.

Die Anklageschrift in dem Terror-Prozess listet rund zwei Dutzend junge Männer auf, die in das Kriegsgebiet gereist sein sollen. Kopf der fünf Angeklagten soll Abu Walaa sein. Hasan C., 1966 in der Türkei geboren, und Betreiber eines Reisebüros in Duisburg, und Boban S. hatten laut Anklage die Aufgabe, junge Menschen zu radikalisieren. Die beiden weiteren Angeklagten sollen sich dann um die tatsächlichen Ausreisen gekümmert haben.

Dass sich bei Boban S. mehr verändert hatte als nur der Name und das Aussehen, merken die Nachbarn schnell. Immer donnerstags, so erzählen sie, war die Hütte voll, stets streng nach Geschlechtern getrennt. Durch das gekippte Fenster habe man immer mal wieder Satzfetzen gehört. Oft seien Worte wie Koran, IS oder „Kuffar“ (Ungläubige) gefallen. „Wir dachten, wir hätten uns verhört“, sagt ein Nachbar später unserer Zeitung. Doch die Wohnung ist nicht der einzige Ort, in der sich alles um die Religion dreht. Es gibt eine weitere Adresse, sie liegt an der Lindenhorster Straße. Hier hatte Boban S. eine Wohnung angemietet, „Madrasa“ genannt. Man kann das mit „islamische Schule“ übersetzen.

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Hier, in der Lindenhorster Straße, lag eine „islamische Schule“. Zu ihr hatte phasenweise auch der Berlin-Attentäter Anis Amri die Schlüssel. © privat

Bochum, Dortmund, Castrop-Rauxel

Schüler gab es viele. Marvin Rappe aus Bochum zum Beispiel. Der Junge, dessen Milchzahn 2015 bestattet wurde. Der Dortmunder Lucas G. Der Dortmunder Christian L. Und die Zwillinge Mark und Kevin K. aus Castrop-Rauxel. Kevin stand kurz vor dem Abschluss seines Jurastudiums, Mark war Berufssoldat und unter anderem in Afghanistan im Einsatz. SMS-Nachrichten belegen, dass einer der Zwillinge bereits im Sommer 2013 Kontakt zu Boban S. hatte. Dieser Kontakt sollte sich 2014 intensivieren, das Brüderpaar war häufiger zu Gast in Dortmund. Zu einer Zeit, in der auch Marvin Rappe viel in Dortmund gewesen sein muss.

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Marvin Rappe vor seiner Konvertierung zum Islam im Bochumer Ruhrstadion. © privat

Dass zum Beispiel Rappe Kontakt zu Boban S. hatte, davon ist nicht nur die Bundesanwaltschaft überzeugt. Das weiß auch Christian Rappe, Marvins Vater. Er fand einen entsprechenden Chatverlauf seines Sohnes, in dem der an eine Freundin schreibt. „Abdul rahman. Der ist serbe … sehr guter Bruder“. Rappe Junior schrieb das am 27. Mai 2014 um 21.26 Uhr, damals war er gerade mal seit fünf Monaten Moslem. Wenige Wochen später sollte er verschwinden.

Wenn man Christian Rappe heute fragt, wie das alles anfing, dann spricht er von einem Schulfreund seines Jungen. Der machte ihn mit dem Islam bekannt. Marvin konvertierte im Dezember 2013. „Und so merkwürdig das auch klingt, die Veränderungen an meinem Sohn habe ich damals als durchaus positiv empfunden.“ Bis dahin mussten es immer die Markenklamotten sein, die neuesten Turnschuhe, die coolste Frisur. „Das alles hat ihn nicht mehr interessiert, ich fand das gar nicht so verkehrt, dass er nicht mehr so sehr auf materielle Dinge stand.“

Stattdessen kam jetzt öfter mal Besuch in Marvins eigene Wohnung unter dem Dach des Elternhauses – bärtige Männer. „Aber die waren lieb und nett und haben freundlich gegrüßt.“

Zum Islam zu konvertieren ist eine Sache, die jeder für sich selbst entscheiden darf – das geht niemanden etwas an. Doch Marvin Rappe gerät an die radikalsalafistische Variante dieser Religion. Ihre Anhänger lehnen alle ab, die anders denken oder glauben. Auch die Mehrheit der anderen Muslime.

Dass der Sohn sich radikalisiert, bemerkt die Familie nicht. Der Vater, der den neuen Glauben für eine Phase hält, fragt seinen Jungen, ob er denn auch zum Festi Ramazan in Dortmund gehen wolle. Zehntausende Muslime feiern dort in der islamischen Fastenzeit das Fastenbrechen. Der Junge winkt ab, das sei nichts für ihn. Stattdessen begleitet der Vater seinen Sohn in eine Dortmunder Moschee. Die Takwa-Moschee, die damals in der Oesterholzstraße im Norden liegt und von Boban S. geleitet wird. Hier hatte zeitweise auch die „Lies“-Kampagne einen ihrer Stützpunkte.

„Wir haben dort zusammen gebetet und auch etwas gegessen“, sagt der Vater. Vom IS hatte er bis dahin noch nie etwas gehört. Im Sommer 2014 fährt die Familie in den Urlaub nach Spanien. Marvin, bis dahin glühender Spanien-Fan, bleibt daheim. Dann verschwindet er. Am 22. Juli 2014 wird Rappe Junior auf dem damaligen IS-Gebiet in Syrien als Kämpfer registriert.

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Marvin Rappe als Kämpfer im Nahen Osten. Das ist eins der letzten Bilder von ihm - seit dem Sommer 2015 hat seine Familie nichts mehr von ihm gehört. © privat

Endlich keine Fragen mehr

Das Jahr 2014 muss ein großes für Boban S. und die weiteren vier Angeklagten gewesen sein, sie lieferten laut Anklage kräftig: der Dortmunder Lucas G., der Bochumer Rappe, die Castroper Zwillinge. Sie alle machen sich auf nach Syrien oder in den Irak. Nicht bei allen ist klar, was aus ihnen wurde. Marvin Rappe ist vermutlich tot, den letzten Kontakt hatte er zu seiner Familie im Juni 2015. Genauso wie Christian L., der gemeinsam mit seiner Frau Yasmina 2015 ausreist. L. taucht im September 2016 in einem professionell gestalteten Propagandavideo des Islamischen Staates auf.

Er sei, so sagt er in dem Film, im Oktober 2012 zum Islam konvertiert. Er schwärmt vom Herrschaftsgebiet des IS und ruft am Ende zu Anschlägen in Europa auf. Die Leiche von L. wurde im August dieses Jahres anhand eines Fotos identifiziert. Der größte Coup für den Islamischen Staat dürften aber die Zwillinge aus Castrop-Rauxel gewesen sein. Beide blond, der eine noch dazu ein ehemaliger Bundeswehrsoldat, sie wurden medial vom IS ausgeschlachtet, nachdem sie selber geschlachtet hatten: Im März beziehungsweise April 2015 sprengten sich die Brüder bei Selbstmordanschlägen im Irak in die Luft. Mehr als 150 Menschen starben bei diesen Taten.

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© Grafik Klose

Nach dem Verschwinden von Marvin Rappe im Sommer 2014 wandte sich der Vater laut eigener Aussage an den Staatsschutz, schilderte, was mit seinem Sohn passiert war und legte offen, was er über den kurzen Radikalisierungsprozess von Marvin wusste. Spätestens ab da müssen die Behörden Boban S. auf dem Schirm gehabt haben. Auch der Vater der Zwillinge, ein Polizist, wird im Januar 2015 aussagen, dass er von einem Kollegen etwas erfahren habe. Der Kollege arbeitet beim polizeilichen Staatsschutz und ihm zufolge könnte ein gebürtiger Bosnier oder Serbe aus Dortmund mit der Ausreise seiner Söhne zu tun haben.

Es wird viel gerätselt, warum junge Menschen sich so stark radikalisieren lassen, dass sie in ein Kriegsgebiet ziehen. Schnell heißt es dann, dass es sich bei ihnen um Menschen handelt, die wenige Chancen haben und ihr Leben, wenn sie es in den Dienst einer großen Sache stellen, damit aufladen. Das kann eine starke Motivation sein. Aber sie läuft bei den Zwillingen aus Castrop-Rauxel und auch bei Marvin Rappe ins Leere. Das waren keine Verlierer-Typen.

Vermutlich ist es eine Art Sinnsuche, die junge Menschen dazu bringt, alles zurückzulassen und sich einem Glauben anzuschließen, der einen unheimlichen Sog aufbauen kann. Das ähnelt rechtsradikalem Gedankengut. Beide Ideen liefern im Grunde die gleiche und in sich geschlossene Erzählung: Die Gruppe, zu der man gefunden hat, ist bedroht. Die Gemeinschaft ist das, was zählt, sie muss geschützt werden. Als einzelne Person bedeutet man nichts, die Gruppe ist alles. Und die Regeln, die die Gemeinschaft hat, sind gott- oder von einem Führer gegeben. In einer solchen Erzählung kann man die ganze Welt in ihrer Unübersichtlichkeit verstauen. Wir gegen die, Gut gegen Böse, Schwarz gegen Weiß. Endlich ein Glauben und keine bohrenden Fragen mehr.

Wie stark dieser Glaube an die Gruppe, die Mission sein kann, erfährt Christian Rappe im Oktober 2014. Der Vater, der über das Handy in engem Kontakt zu seinem Sohn steht versucht, Marvin selbst aus Syrien zurückzuholen. Er reist an die türkisch-syrische Grenze nach Karkamis. Da steht er dann seinem Sohn sogar gegenüber, nur durch eine Mauer getrennt. Der Junge steht auf der anderen Seite in der syrischen Stadt Dscharabulus. Sie sprechen miteinander. Doch die schwer bewaffneten türkischen Grenzer öffnen die Tür in der Grenzmauer nicht. „Der Wachmann durfte das nicht“, sagt Rappe. Einen Tag später versucht der Vater es erneut. Wieder vergeblich. Rappe reist ohne Marvin zurück nach Bochum.

Amri reist nach Deutschland ein

Auf dem Polizeirevier Freiburg Nord meldet sich am 6. Juli 2015 ein junger Mann, der Asyl beantragen will. Er komme, sagt der Mann, aus Tunesien. Das stimmt. Sein Name sei Anis Amir. Das ist falsch. Vieles von dem, was dieser Mann von sich geben wird, wird sich später als falsch herausstellen. Mindestens 14 Aliasidentitäten hat der Mann bis zum Ende seines knapp anderthalbjährigen Aufenthaltes in Deutschland gesammelt. Sein tatsächlicher Name lautet Anis Amri. Er wird der Attentäter vom Berliner Breitscheidplatz werden. Und zuvor beste Kontakte in Dortmund geknüpft haben.

Als der 1992 geborene Tunesier nach Deutschland einreist, beginnen gerade hochdramatische Tage. Hunderttausende Menschen auf der Flucht kommen in ein Land, dessen Verwaltung vielleicht den Ruf hat, effizient zu sein – aber bestimmt nicht flexibel. Oder schnell. Fingerabdrücke, die genommen werden, landen in Wäschekörben und stehen dann wochenlang herum – niemand wird diese Fingerabdrücke später korrekt zuordnen können.

Amri war laut Aussage seiner eigenen Familie ein verzogener Kleinkrimineller, der sein Glück in Form von Geld in Europa suchen wollte und vier Jahre vor seiner Ankunft in Deutschland in Italien angekommen war. Mit anderen zündete er seine Flüchtlingsunterkunft, ein Kinderheim, an und saß dann vier Jahre in verschiedenen italienischen Gefängnissen. Amri hätte nach seiner Haftentlassung nie nach Deutschland einreisen dürfen. Er tat es trotzdem, meldete sich unter verschiedenen Namen in verschiedenen Städten, so auch am 30. Juli 2015 in Dortmund. In der Erstaufnahmeeinrichtung im Stadtteil Hacheney.

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Am 30. Juli 2015 kam Amri unter falschen Namen in der Erstaufnahmeeinrichtung im Stadtteil Hacheney an. © Dieter Menne

Nach wenigen Monaten in Deutschland wird Amri ein sogenannter „Prüf-Fall Islamismus“. Den initiierte die Polizei in Krefeld. Einem anderen Flüchtling war Amri in der gemeinsamen Unterkunft in Emmerich aufgefallen. Er hatte auf seinem Handy unter anderem Fotos von bewaffneten IS-Kämpfern. Das seien Verwandte, soll er gesagt haben. Amri ist damit auf dem Schirm der Behörden und fällt schnell ein weiteres Mal auf: Nachdem ihn ein Mann aus Dinslaken, 1995 geboren, an die Gruppe um Boban S. und Abu Walaa herangeführt hatte, wird eine Polizeiquelle auf diese neue Bekanntschaft aufmerksam.

Im Oktober 2015 gibt es, so schildert es die Quelle VP01 wenig später den Ermittlern, Kontakt zwischen Boban S. und Anis Amri. VP01, Vertrauensperson 01, ist ein V-Mann des Landeskriminalamtes. Im Dezember dann gilt Amri für das LKA NRW bereits als enge „Kontakt- und Vertrauensperson“ von Boban S.. Durch diesen Kontakt wird Amri offenbar für das nordrhein-westfälische Landeskriminalamt (LKA) interessant. Man hofft vermutlich, an weitere Informationen über die radikal-islamistische Verbindung zu kommen. Das LKA zapft Amris Telefon ab Anfang Dezember 2015 an, für mehrere Monate hören die Ermittler in NRW mit.

Ein V-Mann als Glücksfall und eine Spielabsage

VP01 ist ein Mann, der sich „Murat“ nennt. Einen V-Mann mitten in einer radikal-islamistischen Zelle zu platzieren, ist der Traum aller Ermittlungsbehörden. In der Neonaziszene etwa sind relativ viele V-Leute und Informanten unterwegs – es gibt keine Sprachbarrieren, keine optischen Auffälligkeiten, der Kulturkreis ist in der Regel der gleiche und Geld ist hier eine starke Motivation.

Deutlich schwieriger ist es für V-Leute, in mafiösen Strukturen anzudocken, die als „Familienbetriebe“ funktionieren. Richtig schwierig aber ist so etwas bei radikalen Islamisten. Neben der Sprachbarriere muss man den religiösen Kontext verstehen und darstellen können. Und: V-Leute, die Mitglied einer Szene sind, werden meist mit Geld gewonnen. Nur interessiert radikale Islamisten Geld nicht oder nur insofern, wie sie es zur Umsetzung ihrer irdischen Ziele benötigen – der wahre Lohn wartet nach ihrem Glauben im Paradies.

VP01 war vorher schon in anderen schwierigen Milieus unterwegs, dort hatte er sich aus Sicht der Ermittler bewährt. Jetzt bewegt sich der Türke im Umfeld von Abu Walaa und Boban S. Und auch von hier liefert VP01. Ab Herbst 2015 ermittelt die Generalbundesanwaltschaft gegen die Gruppe. Dass sie auf den Schirm der Behörden kommt, hat Folgen: Die Absage des Länderspiels Deutschland gegen die Niederlande in Hannover könnte mit der Gruppe in Zusammenhang stehen.

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Einer LKA-Notiz zufolge führten „Anschlagspläne einer in Hildesheim ansässigen radikal-islamistischen Personengruppe unter anderem“ zu der Absage des Fußball-Länderspiels Deutschland gegen die Niederlande am 17. November 2015 in Hannover. © dpa

Darauf deutet ein Papier des Landeskriminalamtes hin, das wir einsehen konnten. Der Notiz zufolge führten „Anschlagspläne einer in Hildesheim ansässigen radikal-islamistischen Personengruppe unter anderem“ zu der Absage dieses Spiels am 17. November 2015. Nur vier Tage zuvor war es zu einem mörderischen Anschlag in Paris gekommen, 130 Menschen starben, 683 wurden verletzt, auch die deutschen Behörden müssen damals hochgradig nervös gewesen sein.

Und es gibt noch einen weiteren Terroralarm, der inzwischen fast vergessen ist: Nur wenige Tage nach der Spielabsage in Hannover steht auf einmal Dortmund im Fokus. Islamisten aus Berlin sollen einen Anschlag im Ruhrgebiet geplant haben. Es folgen Durchsuchungen, insgesamt drei Menschen werden in Berlin festgenommen. Und kurz darauf wieder entlassen. Was tatsächlich an diesem Alarm dran war? Das ist bis heute unklar.

Es gab eine Äußerung, die die Ermittler alarmierte. In ihr heißt es, „dass in Dortmund etwas passieren werde und Züge bombardiert würden“. Die Personen, gegen die daraufhin ermittelt wurde, standen in engem Kontakt zu Anis Amri. Zwei der drei Verdächtigen reisten mutmaßlich mit Amri nach Deutschland ein. So steht es in einem Behördenzeugnis zu Anis Amri, unterschrieben vom Chef des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen.

Ein Chat mit Folgen

Amri hält sich in diesen unruhigen Novembertagen 2015 viel in Dortmund auf. Er hat inzwischen den Schlüssel zu der „Madrasa“, schläft manchmal dort und ist ansonsten viel in der Stadt unterwegs. Mindestens zwölf Moscheen besucht er hier. Hat darüber hinaus inzwischen Kontakte zu Privatleuten, surft im Internet hinter Bombenbauplänen her und wird auch ab und an im Haus gesehen, in dem Boban S. wohnt. Amri, so sagen es Nachbarn, siezt Boban S. konsequent. Den Nachbarn kommt es komisch vor, dass ein Mann, der bei einem anderen häufiger übernachtet, diesen siezt.

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Hier wohnten Boban S., seine Freundin und phasenweise auch Anis Amri. © privat

Anfang Februar 2016 chattet er mit zwei Personen in Libyen. Während im libyschen Hintergrund Kampfgeräusche zu hören sind, spricht Amri in Dortmund davon, eine Schwester heiraten zu wollen. Sein Gesprächspartner versteht das nicht, dann spricht Amri von „Dougma“. Dieses Wort ist, davon gehen die Ermittler aus, eine Metapher für einen Selbstmordanschlag. So wie auch der Hinweis auf die Hochzeit. Der Tunesier wird daraufhin als Gefährder eingestuft, das LKA regt eine Abschiebung an, da „durch den Amri eine terroristische Gefahr in Form eines (Selbstmord)Anschlages ausgeht“.

Am 18. Februar 2016 meldet sich morgens um 9 Uhr das Düsseldorfer LKA bei den Berliner Kollegen: Amri befinde sich auf dem Weg nach Berlin. Er werde dort gegen 12 Uhr mit einem Flixbus eintreffen. Das LKA Berlin wurde darum gebeten, Amri zu observieren, aber nicht an ihn heranzutreten, um die Ermittlungen in NRW nicht zu gefährden. Das Berliner LKA schafft es auf die Schnelle nicht, ein Observationsteam bereitzustellen. Stattdessen wird Amri kontrolliert und anschließend aufs Präsidium gebracht. Dort finden die Beamten eines von zwei Handys, die Amri im Oktober 2015 zwei Mitbewohnern in der Flüchtlingsunterkunft in Emmerich gestohlen hatte.

Tausende Bilder und Chats

Das Bundeskriminalamt sichert mehrere tausend Chats in arabischer Sprache und mehr als 12.000 Fotos von Amris Handy und schickt die Daten zur Auswertung nach Berlin und Düsseldorf. Ausgewertet werden die Daten aber nur unzureichend, was erst jetzt aufgefallen ist. NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU), der selbst 2015/2016 noch gar nicht im Amt war, musste am 27. November 2017 eine Ermittlungspanne einräumen: Auf dem Handy seien mehrere Bilder übersehen worden. Eines zeigt Amri, wie er eine Schusswaffe in die Kamera hält. Das Foto fiel bei der Auswertung durchs Raster, weil es zu klein und zu pixelig war. „Wenn es neuere, intelligentere Software gibt, die dabei helfen kann, solche Fehler in Zukunft zu vermeiden, dann her damit“, sagt Reul.

Amri ist zu dieser Zeit bereits Thema im Gemeinsamen Terrorabwehrzentrum (GTAZ), das nach dem 11. September 2001 geschaffen wurde. Das GTAZ ist ein Ort, an dem 40 nationale Sicherheitsbehörden zusammentreffen, die Terroristen im Visier haben. Sieben Termine, der erste am 4. Februar 2016, der letzte am 2. November 2016, haben Anis Amri zum Thema. Drei Sitzungen widmen sich allein im Februar dem Tunesier – das zeigt, welche Bedeutung Amri Anfang des Jahres 2016 für die Behörden hatte. Die Runde verständigt sich nach ihrer Sitzung am 17. Februar 2016 darauf, den Fall „ernst zu nehmen“. Ein Anschlag aber sei „eher unwahrscheinlich“.

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Ein Bild von Amri aus der Polizeiüberwachung. Entstanden ist diese Aufnahme im April 2016 in Berlin. © privat

Amri ist inzwischen viel in Berlin unterwegs. Er dealt mit Drogen, konsumiert auch selbst, am 11. Juli 2016 prügelt er morgens um 6.20 Uhr in einer Bar in Berlin mit einem Gummihammer auf konkurrierende Dealer ein, auch Messer kommen zum Einsatz. Danach will er aus der Stadt verschwinden. Sein Handy wird inzwischen vom LKA Berlin überwacht, als er sich Ende Juli 2016 in einen Bus setzt, um sich nach Italien abzusetzen. Die Bundespolizei holt den Tunesier in Friedrichshafen aus dem Bus.

Die Beamten finden gefälschte Passdokumente und einen Joint, Amri kommt für zwei Tage in Abschiebehaft. Und wird dann wieder freigelassen.

Im August 2016 geschehen zwei Dinge in Dortmund: Amri ist zum letzten Mal in der Stadt, wenige Tage zuvor wird die Wohnung von Boban S. auf Links gezogen. Die Polizei durchsucht sie und weitere Objekte in Düsseldorf, Duisburg und Tönisvorst. Wie erst im Nachhinein bekannt wird, war die Durchsuchung offenbar durchgestochen worden, übereilt machen sich die Polizisten an die Arbeit.

Fünf Verhaftungen - kurz darauf der Anschlag

Der Gruppe um Boban S. und Abu Walaa ist spätestens jetzt klar, dass es jemanden geben muss, der sie verrät. Mitte September 2016 veröffentlicht Abu Walaa einen Mordaufruf im Internet, er richtet sich gegen VP01. Drei Wochen später, am 8. November, schellt es wieder in der östlichen Dortmunder Innenstadt und an den anderen im August durchsuchten Adressen.

An diesem Tag bleibt es nicht bei Hausdurchsuchungen, Boban S., Abu Walaa und die drei weiteren Männer werden verhaftet. Anis Amri indes bleibt auf freiem Fuß. Am 19. September, am 11., 13. und 17. Oktober 2016 hatte der marokkanische Geheimdienst DGST schriftlich die Kollegen vom Bundeskriminalamt vor Amri gewarnt. Er sei Anhänger des IS, bezeichne Deutschland als Land des Unglaubens. Er führe „ein Projekt aus“, was nicht näher ausgeführt wird.

Nach den Verhaftungen der fünf Männer ändert Amri sein Verhalten. Während bisher Pornos den Internetverlauf seines Handys dominierten, surft er nach den Verhaftungen seiner Freunde fast ausschließlich auf islamistischen Seiten.

Am 18. Dezember 2016 trifft er sich noch einmal in Berlin mit dem Mann, mit dem er vor anderthalb Jahren mutmaßlich nach Deutschland eingereist war. Mit dem Mann, der ein gutes Jahr zuvor verdächtigt worden war, einen Anschlag in Dortmund zu planen.

Am 19. Dezember erschießt Amri zunächst einen polnischen Lkw-Fahrer, übernimmt dann dessen Sattelschlepper und fährt mit ihm letztlich in den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz. 11 Menschen sterben, 67 werden zum Teil schwer verletzt. Deutschland hat seinen ersten großen Terroranschlag.

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Der Anschlag. Vermutlich verhinderten Weihnachtsgirlanden, die sich um die Räder des Lkw wickelten, noch mehr Opfer. Sie bremsten den Sattelschlepper aus. 12 Menschen starben, knapp 70 wurden teils schwer verletzt. © picture alliance / Bernd von Jut

Durchsuchungen und Wagenkontrollen

Amri flieht zunächst unerkannt. Am gleichen Abend wird in Tatortnähe ein Mann als Verdächtiger festgenommen. Der Verdacht ist falsch, der Mann kommt wieder frei.

Uwe Jacob war damals Chef des Landeskriminalamtes NRW. Er äußert sich im März 2017 vor einem Untersuchungsausschuss in Düsseldorf so: „Als der Anschlag passiert ist, war der erste Gedanke tatsächlich: Hoffentlich war es nicht Amri. Und dann erst mal durchatmen, weil ja jemand festgenommen worden war, der nicht Amri war. Und dann war es doch Amri.“

Nach dem Anschlag befindet sich das Land im Ausnahmezustand. Es steht, so etwas wird oft geschrieben, aber hier stimmt es, unter Schock. Bewaffnete Sicherheitskräfte an öffentlichen Orten zeugen davon, dass hier keine Stadt einen Mörder sucht, hier sucht ein Land einen Terroristen. Und die Sicherheitskräfte haben sehr schnell einen Verdacht, wo sie suchen müssen.

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Viel Polizei war nach dem Anschlag in Berlin auf den Dortmunder Straßen unterwegs. Hier eine Szene vom 22. Dezember 2016. © Stephan Schütze

Über Dortmund liegt ein nervöses Flirren, speziell in der Nordstadt werden viele Wagen kontrolliert. Drei Tage nach dem Anschlag werden mindestens sieben weitere Wohnungen in Dortmund durchsucht. Sechs von ihnen, weil deren Bewohner mit Amri zu tun hatten. Sie alle hatten mit ihm in dem Gebetsraum an der Lindenhorster Straße Kontakt. Für eine weitere Wohnung wird das grobe Besteck ausgepackt: Um kurz nach fünf Uhr am Morgen des 22. Dezember 2016 brechen schwerbewaffnete Beamte eine Tür auf und werfen Blendgranaten, dann stürmen sie eine Wohnung an der Mallinckrodtstraße 235.

Dort hatte Ende 2015, Anfang 2016 auch Amri genächtigt. Der Mann, der die Wohnung angemietet hatte, hatte sechs Alias-Identitäten und wurde im Sommer 2017 unter erheblichen Schwierigkeiten im vierten Versuch nach Algerien abgeschoben. Der Leiter des Staatsschutzes in Dortmund wird später sagen: „Anis Amri hatte zahlreiche Kontakte zu Personen in Dortmund. Aber nicht jeder Kontakt wurde damit automatisch zu einem Gefährder.“

Fehler, Versäumnisse, Unregelmäßigkeiten - in fast allen Bereichen

Vier Tage nach dem Anschlag auf dem Breitscheidplatz wird Amri von einem Polizisten in Mailand erschossen. Dann beginnt eine Aufarbeitung. Der damalige NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) bricht seinen Winterurlaub ab, als er von dem Anschlag erfährt. Er spricht in den ersten Januartagen in Düsseldorf davon, dass im Fall Amri „die Grenzen des Rechtsstaates“ erreicht worden seien. Und weiter, dass „das, was die Sicherheitsbehörden wussten, Hörensagen war“. Die Opposition spricht von „organisierter Unverantwortlichkeit“.

Und der Staat sah zu - der Fall Anis Amri und seine Kontakte nach Dortmund

„Bemerkenswerte Ahnungslosigkeit“: Sonderermittler Bruno Jost. © dpa

Zwei Sonderermittler werden sich mit dem Fall beschäftigen. Während das Gutachten, das die nordrhein-westfälische Landesregierung in Auftrag gegeben hat, den Behörden kein Versagen unterstellt, zieht der Berliner Sonderermittler Bruno Jost andere Schlüsse aus dem ihm vorliegenden Aktenmaterial. Der ehemalige Bundesanwalt am Bundesgerichtshof stellt am 12. Oktober 2017 sein Gutachten vor. Seine Bilanz fällt verheerend aus, es habe „in fast allen Bereichen Fehler, Versäumnisse, Unregelmäßigkeiten oder organisatorische und strukturelle Mängel unterschiedlicher Schwere“ gegeben.

Weiter attestiert Jost den Geheimdiensten eine „bemerkenswerte Ahnungslosigkeit“ über einzelne Personen des islamistischen Spektrums. Auch zwei Untersuchungsausschüsse in Düsseldorf und Berlin beschäftigen sich mit Amri. Demnächst wird es wohl auch im Bundestag einen Ausschuss zu dem Thema geben.

Doch was gibt es heute?

Die Polizei Dortmund lehnt ein Gespräch zu dem Thema ab. Da der Anschlag in Berlin „und auch die Bezüge des Attentäters in unsere Stadt“ Gegenstand der Ermittlungen des Landeskriminalamtes und vor allen Dingen des Generalbundesanwaltes seien, „verbieten sich Aussagen der Dortmunder Polizei“. Auch zur Anzahl der Gefährder in der Stadt will sich der Leiter der Pressestelle nicht äußern.

Menschen, die in Dortmund im Thema stecken, sagen, im Moment falle auf, in wie engem Kontakt die Ehefrauen von Extremisten stünden. Und, dass es viel zu wenige Beobachtungsteams der Polizei gebe. Häufig wüssten die Beamten viel, ihnen fehle aber der zwingende Beweis.

Sebastian Fiedler ist NRW-Chef des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK). Er sieht keine Besserung: „So richtig viel hat sich beim Staatsschutz nach dem Amri-Attentat nicht getan – im Gegenteil. Die Situation hat sich vielmehr noch verschlimmert.“ Zurzeit arbeiten in ganz Nordrhein-Westfalen nach Fiedlers Angaben knapp 300 Menschen für den Staatsschutz. Mindestens 300 weitere müssten es sein, um adäquat arbeiten zu können, sagt Fiedler. Der NRW-Innenminister sei der Meinung, 30 würden reichen. „Diese politische Lahmarschigkeit und Stümperhaftigkeit machen mich wütend.“

Dringend benötigte Experten würden nicht eingestellt. Riesige Datenmengen aus Ermittlungsverfahren lägen auf Halde, es gebe kaum Schulungen für die Beamten im Umgang mit der Software. Hinzu komme: In den Staatsschutz-Abteilungen der Polizeibehörden wird seit einigen Tagen auf Geheiß des Innenministeriums gesucht, ob da nicht noch weitere Datensätze in Sachen Amri schlummern, die bislang vielleicht übersehen oder nicht adäquat ausgewertet wurden. „Da gibt es im Hintergrund gerade massives Theater“, sagt Fiedler.

Der Prozess in Celle gegen Boban S. und die vier anderen Angeklagten könnte sich bis ins Jahr 2019 ziehen. Der Anwalt des Dortmunders, Michael Murat Sertsöz, sagt: „Mein Mandant bestreitet die Vorwürfe.“ Einem Kronzeugen in dem Verfahren, ebenfalls ein nach Syrien ausgereister junger Mann, attestiert der Anwalt ein „taktisches Verhältnis zur Wahrheit“. VP01, der wichtigsten Quelle für die Ermittler, wird inzwischen von den Verteidigern vorgeworfen, selbst zu Anschlägen angestachelt zu haben.

Ein altes Muster

In Dortmund ist es im Moment ruhig. „Viel zu ruhig“, wie zum Beispiel Volkan Baran findet. Er ist Landtagsabgeordneter für die SPD, wohnt in Dortmund und ist überzeugt: „Das Thema radikaler Salafismus findet seit Jahren nicht die nötige Aufmerksamkeit, die es dringend braucht.“ Die Salafisten, die er früher öffentlich sah, sind abgetaucht. Vermutlich in Privatwohnungen.

Christian Rappe, Vater von Marvin, fühlt sich seit Jahren allein gelassen. Was ihn wirklich wütend mache, sei die Untätigkeit der Politik hier vor Ort. „Wieso wurde die ‚Lies‘-Kampagne so lange geduldet? Warum dürfen radikale Prediger ungestört ihren Hass verbreiten? Es ändert sich nichts, das geht doch immer weiter, was machen wir denn, wenn diese radikalisierten jungen Deutschen aus dem IS-Gebiet zurückkommen?“ Folgendes ist ihm wichtig: „Ich denke die Kinder die sich hier in Deutschland radikalisieren konnten, sollten auch die Chance auf eine Deradikalisierung in Deutschland bekommen.“

Anderen Eltern rät Rappe, genau hinzusehen, was ihre Kinder machen. Vor allem im Internet, über Facebook, WhatsApp, Telegram – über diese Kanäle verbreiten auch Extremisten ihr Gedankengut, tragen den „Heiligen Krieg“ in die Kinderzimmer. Rappe hofft, dass das Thema verstärkt in Schulen besprochen wird. Dass andere Schüler und Eltern gewarnt werden. Sein Grund, offen zu sprechen.

Im Januar wird Rappe erstmals in den Irak fahren. Er glaubt nicht, seinen Sohn lebend zu finden. Die Wahrscheinlichkeit, dass Marvin noch lebt, schätzt sein Vater auf „ein Prozent“ ein. Aber auch an einem Prozent kann man Hoffnung festmachen. Was Rappe tatsächlich finden will, ist Gewissheit.

Wer auf diese Geschichte mit den Augen von Rappe blickt, muss erschauern: Unter den Augen der Behörden radikalisierten sich junge Menschen in Dortmund und reisten später in Kriegsgebiete, um dort zu töten und zu sterben. In einer Zeit, in der es öffentlich immer hieß, dort sei kein Hotspot der radikalen Salafisten. Wenn man zurückblickt, kann man in solchen Aussagen ein Muster erkennen. Als sich die Rechtsradikalen in Dortmund breit machten und groß wurden, wurde das genauso geleugnet.

In diesen Tagen im Dezember 2017 wird wieder viel über Amri berichtet, über die Tat, die Opfer in Berlin und deren Angehörige.

In der ARD war in den vergangenen Tagen eine solche Angehörige zu sehen. Sie sagte den Reportern: „Ich kann den Satz nicht mehr hören, ich hab‘ ihn mir aufgeschrieben: ‚Wir leben so weiter, wir lassen uns nicht einschüchtern‘. Ja, das können alle sagen, die keinen verloren haben aus der Familie. Die können das leicht sagen: ‚Wir gehen wieder auf Weihnachtsmärkte, wir gehen überall hin.‘ Die können auf den Weihnachtsmarkt gehen. Aber wenn man ein Menschenleben verloren hat, dann kann man nicht so weiterleben.“

In Leipzig wird am 19.12. 2017 das Bundesverwaltungsgericht verhandeln. Die Initiatoren der „Lies“-Kampagne klagen gegen das Verbot.

In Berlin wird am 19.12.2017, am ersten Jahrestag des Anschlags, ein Mahnmal für die Opfer enthüllt. Eine Inschrift, Treppen mit den zwölf Namen und ein goldener Riss im Boden. Er soll einen Riss in der Gesellschaft symbolisieren. Und er soll die Berlin zugefügte Wunde dauerhaft und sichtbar im Stadtbild verankern. Als Narbe, die bleibt.

Auch in Dortmund gibt es eine Feierstunde, in der der Opfer gedacht werden soll.

Auf dem Weihnachtsmarkt.

Und der Staat sah zu - der Fall Anis Amri und seine Kontakte nach Dortmund

Der goldene Riss im Boden: Er soll einen Riss in der Gesellschaft symbolisieren. Und er soll die Berlin zugefügte Wunde dauerhaft und sichtbar im Stadtbild verankern. Als Narbe, die bleibt. © Bernd von Jut



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