Die Tremonia-Siedlung von oben. Zwischen den Zechenhäusern sind gut die großen und aufwändig gestalteten Gärten zu erkennen. Am unteren Bildrand fließt die heute renaturierte Emscher. © Kevin Kisker
Bergbausiedlung

Video: 100 Jahre Tremonia – Arbeitersiedlung wird beliebtes Wohnquartier

Die Tremonia-Siedlung wird in diesen Tagen 100 Jahre alt. Viel hat sich seit dem in der ehemaligen Bergarbeiter-Siedlung verändert. Dabei sollten die Häuser eigentlich längst nicht mehr da sein.

Eigentlich sollte sie nur für zehn Jahre stehen. Stattdessen feiert die Tremonia-Siedlung zwischen Dorstfeld und der westlichen Innenstadt nun ihr Hundertjähriges. 1921 angelegt als Siedlung für Bergleute, ist sie noch heute eine besondere Gemeinschaft. Doch die könnte in Gefahr sein.

Wer heute mit dem Auto in die Tremonia-Siedlung will, hat nur einen Weg: Vom Unionviertel aus durch einen kurzen einspurigen Tunnel. Die Siedlung liegt abgeschirmt im Grünen an der heute renaturierten Emscher.

Die Nähe zum Fluss war allerdings nicht immer ein Vorteil. In den frühen Jahren der Siedlung muss es mächtig gestunken haben. Die Emscher führte zu dieser Zeit noch Abwasser und Fäkalien. Und auch die Wohnungen in der Siedlung waren nicht unbedingt komfortabel.

Den Nachbarn husten hören

Gebaut wurde die Siedlung zur Bekämpfung der Wohnungsnot, die um 1920 herum in Dortmund herrschte – und zwar ausdrücklich für Arbeiter auf der Zeche Tremonia. Wer in der Siedlung wohnen wollte, brauchte lange eine Erlaubnis dafür.

Als Arbeiter-Wohnungen waren die Häuser in der Siedlung eher spartanisch ausgestattet und für die kinderreichen Familien sehr eng. Es habe zum Beispiel in der Anfangszeit keine Bäder gegeben, erzählt Jürgen Prochnau (60), der als Bergmannssohn in der Siedlung aufwuchs. „Wenn der Nachbar laut hustet, kann man das noch heute hören.“

Als Arbeitersiedlung war Tremonia eher auf Funktionalität als auf Schönheit und Komfort ausgerichtet.
Als Arbeitersiedlung war Tremonia eher auf Funktionalität als auf Schönheit und Komfort ausgerichtet. © Uwe Kisker (Archiv) © Uwe Kisker (Archiv)

Heute lebe nur noch ein ehemaliger Bergmann in der Tremonia-Siedlung. 97 Jahre alt sei dieser, erzählt Jürgen Prochnau. Allerdings seien die Familien der Bergleute oft der Siedlung treu geblieben. „Wer hier aufgewachsen ist, kommt wieder, wenn er die Chance hat.“

Gärten machen die Siedlung attraktiv

Die Tremonia-Siedlung ist gefragt. Und spätestens seit einer großen Renovierung im Jahr 1984 hat sie auch viel Komfort hinzugewonnen. Bäder und Fernwärme gibt es jetzt. Und die ursprünglichen Flachdächer der Häuser haben Giebel bekommen.

Mit dem Wegfall des Bergbaus konnte sich schließlich jeder um eine Wohnung in den ehemaligen Zechenhäusern bemühen. Ein schlagendes Argument dafür dürften die großen Gärten hinter den Häusern sein.

Historische Aufnahmen

Ein Film von Uwe Kisker aus den 80er-Jahren über die Geschichte der Tremonia-Siedlung ist auf Youtube zu sehen: youtu.be/nUYHuQZMCHg

Man sieht den gepflegten Gärten an, wie viel Zeit die Bewohner der Siedlung dort verbringen. In den meisten steht heute eine große Hütte. So auch bei Uwe Kisker (60). Der Moderator ist der wohl bekannteste Bewohner der Tremonia-Siedlung.

Uwe Kisker (Mitte) mit seinen Nachbarn Jürgen Prochnau (rechts) und Jürgen Schnell (links)
Uwe Kisker (Mitte) mit seinen Nachbarn Jürgen Prochnau (rechts) und Jürgen Schnell (links) © Bastian Pietsch © Bastian Pietsch

Früher sei in den Gärten auch Gemüse zur Selbstversorgung angebaut worden. Viele Bewohner hätten Tauben gehalten. „Die Taube, das war ja das Rennpferd des kleinen Mannes.“

2008 stand das Wasser kniehoch

Das vermutlich größte Ereignis der jüngeren Vergangenheit für die Tremonia-Siedlung war ein schlimmes Hochwasser im Jahr 2008. Kniehoch stand das Wasser in den Gärten und Straßen, wie historische Aufnahmen zeigen.

2008 gab es in Dortmund ein Hochwasser. Die Tremonia-Siedlung war davon stark betroffen. Gemeinsam kämpften die Anwohner gegen die Fluten.
2008 gab es in Dortmund ein Hochwasser. Die Tremonia-Siedlung war davon stark betroffen. Gemeinsam kämpften die Anwohner gegen die Fluten. © Uwe Kisker (Archiv) © Uwe Kisker (Archiv)

„Wir waren plötzlich eine große Familie, jeder hat geholfen“, erzählt Uwe Kisker. Überhaupt sei der Zusammenhalt unter Nachbarn einer der großen Vorteile der Siedlung. Man treffe sich regelmäßig.

Soll die Tremonia-Siedlung verkauft werden?

Doch dieser Gemeinschaft könnte nun eine große Veränderung bevorstehen. Manche der Mietwohnungen stehen mittlerweile seit Monaten leer – obwohl es, so Jürgen Prochnau, genug Interessenten gebe.

Das Gerücht geht um, der aktuelle Eigentümer Vivawest wolle die Siedlung verkaufen. Es ist zwar nicht das erste Mal, diesmal scheint es jedoch für die Bewohnerinnen und Bewohner sehr glaubhaft.

Wie es dann weiter geht, dazu kann bisher nur spekuliert werden. Uwe Kisker und Jürgen Prochnau wollen jedenfalls bleiben. „Wir sind stolz, hier zu wohnen“, sagen sie. Ob sie ihre Wohnungen gegebenenfalls kaufen könnten? Das hänge natürlich vor allem vom Preis ab.

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Redaktion Dortmund
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