Intelligentes Theater liefert Szenen einer On-Off-Beziehung

hzPremiere im Studio

„Konstellationen“ heißt ein Theaterstück von Nick Payne, das mit Optionen eines „Multiversums“ jongliert, in dem alles möglich ist. Die Premiere war ein Fest für Darsteller und Zuschauer.

Dortmund

, 02.02.2020, 17:27 Uhr / Lesedauer: 2 min

Was wäre, wenn unsere Wirklichkeit nicht eindimensional in die gewählte Richtung tendierte, sondern noch im Nachhinein ein Kaleidoskop an Möglichkeiten böte? Wenn wir die Vergangenheit retuschieren könnten, indem wir uns ins Damals „beamen“ und die andere Abzweigung wählen?

Nick Paynes Bühnenstück „Konstellationen“ ist ein Gedankenexperiment mit Bezügen zu Theorien der Quantenphysik, die an ein „Multiversum“ glauben, wo alle Optionen parallell existieren und das Raum/Zeit-Kontinuum aufgehoben ist - so wir das richtig verstanden haben. Jenseits aller vertrackten Physik entpuppen sich die „Konstellationen“ als erfrischend schwungvolle Romanze für ein Liebespaar, das in der Dortmunder Fassung (Regie: Péter Sanyó) im Studio des Schauspiels von Frank Genser und Louisa Stoux gespielt wird.

Fliegende Wechsel

Die beiden sind einfach fabelhaft, da funktioniert die Chemie, da passt jeder Ton, sitzt jede mimische Nuance. Und das ist wichtig, weil der Wechsel von jauchzend zu betrübt ein fliegender ist. Der „Liebesfilm“ von Roland und Marianne wird nämlich immer mal angehalten und zurückgespult. Wir hören den Filmstreifen jaulen, Genser und Stroux zappeln im Rewind-Modus und eine schon gehabte Sequenz steht wieder auf Anfang.

Play it again, Sam: Eben noch war er der Gehörnte, jetzt dreht der Spieß sich um, und er hat sie betrogen. Gerade sagte sie, ihr Krebs sei unheilbar im Endstadium, nun verkündet sie, beste Chancen zu haben.

On-/Off-Beziehung

Einmal hat Marianne ihn in ihre Wohnung und ihr Bett lotsen wollen, gleich darauf schickt sie Robert dann doch nach Hause. Die Szenen dieser On-/Off-Beziehung sind dicht und kompakt getaktet, ein Wechselbad aus Hü und Hott. Genser und Stroux müssen ruckzuck den Schalter umlegen. Sie macht es fast noch besser als er: Vor ein paar Sekunden lag ein sonnig wonniges Lächeln auf ihrem Gesicht, das sich nun abrupt verfinstert, als der Ton ins Dramatische kippt.

Es ist ein Fest, den beiden zuzusehen. Wie Roland und Marianne auf einer Party ineinanderstolpern, verlegen Smalltalk machen, beschickert Mut fassen und magnetisch vom anderen angezogen werden.

Peppige Dialoge

Die Dialoge haben Pepp und Witz, nichts klingt gestelzt an der deutschen Übersetzung von Corinna Brocher. Sanyós Inszenierung lässt das Paar kicherkomische Aerobic-Moves tanzen (Musik von DJ Nackt), dazu analysieren sie plappernd ihre Befindlichkeit.

So viel pralles Leben und Wahrhaftigkeit steckt darin, dass die Künstlichkeit dieses Versuchsaufbaus nicht irritiert, sondern interessante Brechungen und Spiegelungen abwirft. Wie fühlt es sich an, wenn derselbe Satz von einem Mann gesagt wird?

Intelligentes Theater, mit Herzblut gespielt, witzig und tiefgründig. Zu sehen wieder am 9., 21. und 29. Februar und am 4. und 19. März.

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