Vom Betreuer betrogen? Brigitte Born (84) hat kein Geld, Enkel Leon (15) muss aushelfen

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Brigitte Born (84) wohnt seit drei Jahren im Seniorenheim. 40 Jahre hat sie gearbeitet - und jetzt nicht mal Geld für eine Tasse Kaffee. Hat ihr gesetzlicher Betreuer sie betrogen?

Dorstfeld

, 13.08.2019, 18:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Seit drei Jahren wohnt Brigitte Born (84) im Comunita Seniorenhaus Vinzenz in Dorstfeld. Und seit ihr eigenes Geld aufgebraucht ist, bekommt sie noch nicht einmal das Taschengeld, das ihr zusteht. Statt knapp 115 hat Brigitte Born null Euro im Monat zur Verfügung. Eine Tasse Kaffee, neue Kleidung, einen Friseurbesuch - all das kann sich die Seniorin nicht leisten.

Auf finanzielle Unterstützung von ihrer Tochter braucht die 84-Jährige nicht zu hoffen. „Ich bin oft gestürzt, als ich noch Zuhause gewohnt habe“, erzählt sie. „Als mein Mann Erwin dann starb, hat meine Tochter gesagt, ich kann nicht alleine zuhause bleiben.“ Sie verkaufte die Möbel ihrer Mutter, kündigte den Mietvertrag und brachte sie ins Seniorenhaus. Seitdem ist der Kontakt abgebrochen. „Ich habe mit meiner Tochter nichts mehr zu tun“, sagt Brigitte Born. Ihre Augen sind feucht.

Die Ersatzfamilie kümmert sich

An einem Freitagmittag liegt die 84-Jährige auf ihrem Bett, den Blick zur Wand gerichtet. Mit einer Wolldecke zugedeckt, hält sie sich am Bettgitter fest. „Wenn ich die Samuels nicht hätte, sähe ich alt aus“, sagt sie. Ihre Stimme zittert. Sie holt tief Luft. Schweigt.

Ihre Schwiegerfamilie Samuel ist ihre Ersatzfamilie geworden: ihr ehemaliger Schwiegersohn Dirk, dessen Eltern Gisela und Ernst Samuel sowie Enkel Leon.

Wann bekommt Brigitte Born das Taschengeld?

„Anfangs hatte Brigitte noch ihr eigenes Geld“, erzählt Gisela Samuel (70). Doch nach und nach sei die ersparte Summe natürlich geschrumpft. „Irgendwann hätte sie dann Taschengeld bekommen müssen“, sagt Ernst Samuel (74). Doch von der Sozialhilfeleistung gibt es bis heute keine Spur.

Warum? Das wissen die Samuels nicht. „Brigitte hat seit sie im Heim ist einen gesetzlichen Betreuer, weil sich keiner aus der Familie kümmert“, erklärt Gisela Samuel. Den Mann habe Brigitte Born wohl im Vorfeld persönlich gekannt. Auf wiederholte Nachfragen habe er ausweichend geantwortet. „Er meinte, er müsse noch zum Amt, das würde noch dauern“, sagt Ernst Samuel.

Enkel Leon schenkt seiner Oma Geld

Doch es dauerte zu lange. Seit gut eineinhalb Jahren hat Brigitte Born kein Geld mehr. „Wenn wir sie besuchen gehen, circa alle drei Wochen, lassen wir immer Geld da“, erzählt Gisela Samuel. Pflegeprodukte wie Duschgel und Shampoo werden davon bezahlt, aber auch der Friseurbesuch.

Vom Betreuer betrogen? Brigitte Born (84) hat kein Geld, Enkel Leon (15) muss aushelfen

Das Geld ist knapp, Brigitte Born bekommt aktuell Geld von ihrer Schwiegerfamilie. Eigentlich stünde ihr ein monatliches Taschengeld, eine Sozialhilfeleistung, von knapp 115 Euro zu. © dpa

Auch Enkel Leon hat seiner Oma deshalb Geld geschenkt. „50 Euro“, sagt der 15-Jährige. „Damit sie zum Friseur gehen kann und sich wieder wohler fühlt.“ Ernst Samuel schüttelt den Kopf. „Das muss man sich mal überlegen: Früher hat sie ihrem Enkel Geld geschenkt, jetzt ist es umgekehrt“, sagt er.

Der Betreuer nimmt Brigitte Born ihren Sessel weg

Doch die Samuels haben keine Handhabe. Herausfinden, warum Brigitte Born ihr Taschengeld nicht erhält, können sie nicht. Jegliche Verantwortung liegt bei dem Betreuer. „Betreuer werden zwar vom Staat bestellt, handeln aber eigenverantwortlich“, teilt das Amtsgericht Dortmund auf Anfrage mit. Lediglich einmal im Jahr müssen sie einen Bericht über die betreute Person vorlegen. Das Betreuungsgericht kann erst bei einer begründeten Beschwerde eingreifen.

Brigitte Borns Betreuer wurde inzwischen ersetzt. „Es hat da wohl Unregelmäßigkeiten gegeben“, sagt Ernst Samuel. Mehr konnten die Samuels im Seniorenhaus nicht herausfinden. Nur eines: Eine neue Betreuerin, eine Anwältin, ist seit circa einem halben Jahr für Brigitte Born zuständig.

Eine Erleichterung für die alte Dame, der ihr Betreuer zuletzt sogar Angst gemacht hat. „Er hat gesagt, dass ich Schulden beim Heim hätte“, erzählt Brigitte Born. Obwohl sie die nie hatte, soll die 84-Jährige deshalb ihren Fernsehsessel abgeben, eines der wenigen persönlichen Möbelstücke in ihrem Zimmer. „Er war noch nicht abbezahlt“, erklärt sie. „Damit ihn mir keiner wegnehmen kann, hat der Betreuer ihn mitgenommen.“ Wo der Sessel heute ist, wisse sie nicht.

Kann die neue Betreuerin helfen?

Einmal sei die neue Betreuerin inzwischen schon im Seniorenhaus gewesen, erzählt die 84-Jährige. „Sie hat gesagt, dass alles gut werden wird, und ich mein Geld bekommen werde“, sagt Brigitte Born. Doch hoffnungsvoll klingt ihre Stimme nicht. „Seitdem habe ich nicht wieder von ihr gehört.“ Dass die gebürtige Leipzigerin, die zuletzt in Dortmund-Derne wohnte, nach 40 Jahren Arbeit so um ihr Geld kämpfen muss, trifft sie schwer.

„Die neue Betreuerin hat gesagt, dass alles gut werden wird, und ich mein Geld bekommen werde.“
Brigitte Born

„Ich war Putzfrau in der Chirurgie und Orthopädie im Krankenhaus“, erzählt sie. „Das war eine schöne Zeit.“ Sie schluckt, blickt zu einem der zahlreichen Fotos ihres Enkels. „Und jetzt ist nichts mehr davon übrig. Aber mein Enkel ist ein toller Junge“, sagt sie. „Er hilft mir.“

Das könnte der Grund für das fehlende Taschengeld sein

Finanziell helfen würde der Seniorin allerdings vor allem das Taschengeld. Ein Versäumnis des Betreuers könnte der Grund dafür sein, dass es noch immer fehlt. Das Taschengeld ist eine Sozialhilfeleistung - hat der Betreuer die nicht beantragt und die entsprechenden Nachweise eingereicht, bekommt Brigitte Born kein Geld. Der ehemalige Betreuer war diesbezüglich bisher nicht erreichbar. Die aktuelle Betreuerin verwies bei unserer Anfrage an das Dortmunder Amtsgericht.

„Zu dem expliziten Fall kann ich leider nichts sagen“, sagt dort Richterin und Pressesprecherin Friederike Möller. Allerdings werde sie den Fall von Brigitte Born an den zuständigen Richter weiterleiten. „Der wird sich mit der Betreuerin in Verbindung setzen, um sicherzustellen, dass das Taschengeld nun beantragt wird“, erklärt Möller. „Es ist möglich, dass die Betreuerin bereits alles in die Wege geleitet hat, und der Prozess einfach noch etwas dauert.“ Die Samuels sind froh, dass Brigitte Born nun hoffentlich bald ihr Taschengeld erhält. Schließlich fragen sie sich schon seit eineinhalb Jahren: „Wie lange soll das denn noch dauern?“

Betreuungsverfahren

Das Amtsgericht Dortmund erklärt das Betreuungsverfahren

  • Es gibt verschiedene Arten von Betreuern: ehrenamtliche (beispielsweise Angehörige oder Freunde), freiberufliche (beispielsweise Sozialarbeiter) und Berufsbetreuer (beispielsweise Anwälte).
  • Berufsbetreuer brauchen keine Ausbildung, sollten jedoch juristische, betriebswirtschaftliche und im Idealfall auch medizinische Kenntnisse mitbringen.
  • Ehrenamtliche Betreuer dürfen nicht insolvent oder vorbestraft sein. Sie müssen zuverlässig, in der Lage und willens sein, die Interessen des Betroffenen zu vertreten.
  • Wer Betreuer werden will, wird von der Betreuungsstelle des Gesundheitsamtes überprüft.
  • Der Betreuer wird von dem Betroffenen selbst oder von der Betreuungsstelle in Absprache mit dem Amtsgericht ausgewählt.
  • Berufsbetreuer sollen laut Gesetz die letzte Möglichkeit sein. Vorher werden alle übrigen Möglichkeiten geprüft. Wer noch jemanden aus dem Bekanntenkreis oder der Familie bevollmächtigen kann, benötigt in der Regel keine Betreuung.
  • Eine Betreuung steht nur Menschen zu, die körperlich oder psychisch krank sind. Die Aufgaben des Betreuers werden nach Bedarf ermittelt.
  • Betreuer werden zwar vom Staat bestellt, handeln aber eigenverantwortlich. Das Betreuungsgericht kann keine Anweisungen erteilen.
  • Betreuer müssen einmal im Jahr einen Bericht einreichen, beispielsweise über Krankenhausaufenthalte und Finanzen des Betroffenen.
  • Ein Austausch des Betreuers oder eine Beendigung der Bertreuung kann auf Wunsch des Betroffenen erfolgen, beispielsweise wegen eines Vertrauensverlustes, oder bei Unregelmäßigkeiten im Jahresbericht, wenn Geld unerklärlicherweise fehlt oder grobe Fehler gemacht wurden.
  • Angehörige können sich jederzeit an die Betreuungsstelle oder das Amtsgericht wenden, wenn sie Unregelmäßigkeiten feststellen oder vermuten.
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