Vom Glück, das man als Schlaganfall-Patient in Kirchlinde für die Reha braucht

hzHilfe nach Schlaganfall

Claudia L. hatte im April 2018 einen schweren Schlaganfall. Monatelang lag sie im Krankenhaus. Endlich konnte sie nach Hause, stark beeinträchtigt. Hilfen zu finden, war schwer.

Kirchlinde

, 29.08.2019, 18:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Logopädie, Ergotherapie, Physiotherapie, medizinische Pflege: Es gibt gute Ausbildungen für Fachleute, die Claudia L. helfen können, ihre verloren gegangenen Fähigkeiten wenigstens ein Stück weit zurück zu gewinnen.

Die Therapie könnte unter anderem verhindern, dass sie sich dauerhaft verkrampft und damit bewegungsunfähig wird oder dass sie die Bewegungsfähigkeit, die sie noch hat - oder zurückerobert - wieder verliert. Könnte. Doch die notwendige Hilfe zu bekommen, ist ein dorniger, oft hoffnungslos erscheinender Weg.

Dass Claudia L. heute umfassende medizinische, therapeutische und pflegerische Unterstützung bekommt, verdankt sie ihrer Lebensgefährtin Karina Müller (53). Und einer guten Portion Glück.

Acht Wochen lang dauerte die Suche nach Hilfe

„Claudia lag im Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke. Dort hat man uns im August 2018 gesagt, dass sie acht Wochen später entlassen werden könnte“, erzählt Karina Müller.

Zeit genug, sollte man meinen, um zu Hause alles zu organisieren für die Pflege, die notwendigen Therapien, die Hilfsmittel, die ärztliche Versorgung. Die Realität ist anders: Ein Neurologe, der Hausbesuche macht? Selten wie ein Einhorn. Wieviel Ärzte sie angerufen hat, weiß Karina Müller nicht mehr. Nur, dass sie es nicht glauben konnte, als einer tatsächlich zusagte. Also Arzt gefunden.

Physiotherapie - eine fast nicht erfüllbarer Wunsch

Ein Physiotherapeut, der Hausbesuche macht? Das scheint noch seltener zu sein als ein Einhorn. Karina Müller telefonierte alle Physiotherapie-Praxen ab. Alle. Und zwar in Dortmund, in Essen, in Recklinghausen, in Oer-Erkenschwick, in Herne ... Fast vergebens.

Doch dann sagte die Kirchlinder Praxis Geltenpoth zu - und fast sofort wieder ab: „Eine Mitarbeiterin hatte gekündigt und dann hatten wir nicht mehr die Kapazitäten, um zwei Mal in der Woche einen Hausbesuch zu machen“, sagt Claudia Geltenpoth.

Hilfe nur mit persönlichem Einsatz

Letztlich läuft es jetzt nur, weil eine Mitarbeiterin sich ganz persönlich engagiert. Einen Termin in der Woche macht sie in ihrer normalen Arbeitszeit, einen weiteren schaltet sie als Überstunde vor ihren Arbeitsbeginn. Damit Claudia L. die Therapie bekommt, die ihr hilft. Und sie macht Fortschritte: Die Bewegungen sind gezielter geworden.

„Sie greift und seit letzter Woche kann sie die Füße bewegen“, sagt Karina Müller. Ein Fortschritt, der sie glücklich macht. Und der nur wegen der regelmäßigen Therapie möglich ist.

Personalmangel mit System

Aber warum ist es so schwer, einen Physiotherapeuten zu bekommen? Weil es zu wenige gibt. „Wir bekommen kein Personal“, sagt Claudia Gelthenpoth, die seit 20 Jahren eine Physiotherapeutische Praxis im Zentrum von Kirchlinde betreibt. „Früher bekam man als Physiotherapeut mit viel Glück eine Stelle, heute ist das ganz anders“, so Geltenpoth.

Der Besuch einer Physiotherapie-Schule ist kostenpflichtig. Bis vor kurzem kostete die Ausbildung fast ein Vermögen (rund 20.000 Euro), jetzt übernehmen die Kassen mehr, aber gezahlt werden muss noch immer (circa 200 Euro im Monat). „Und wenn man fertig ist, verdient man angestellt in einer Praxis nicht genug, um eine Familie zu ernähren“, sagt Claudia Geltenpoth. Da lohnt es sich eher, in einem Krankenhaus zu arbeiten, dort wird das Gehalt nach Tarif bezahlt. Das kann die private Praxis nicht.

Wenig finanziellen Spielraum

Die privaten Praxen bekommen die Sätze für die einzelnen Behandlungen, die mit den Krankenkassen ausgehandelt wurden. Und die sind nach Auskunft von Geltenpoth so gering, dass sie nur wenig Spielraum für Gehaltserhöhungen für ihre Mitarbeiter sieht. Und deshalb müssen Schlaganfall- oder Krebspatienten eine Menge Glück - und hartnäckige Angehörige - haben, um die Hilfe zu bekommen, die sie brauchen.

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