Von der Champions League ins Klassenzimmer - Knut Reinhardt

Ex-BVB-Spieler

Vom Kicker zum Lehrer: Der ehemalige Fußballer Knut Reinhardt von Borussia Dortmund (49) unterrichtet heute Grundschulkinder. Und hat nun ein Buch geschrieben. Wir haben mit ihm gesprochen.

DORTMUND

von Annika Fischer

, 24.09.2017, 05:20 Uhr / Lesedauer: 3 min
Mit Borussia Dortmund ist Knut Reinhardt zweimal Deutscher Meister (1995 und 1996) und Champions-League-Sieger (1997) geworden. Jetzt ist er Lehrer in der Grundschule Kleine Kielstraße in der Nordstadt. Über seine zwei Leben hat er nun ein Buch geschrieben.

Mit Borussia Dortmund ist Knut Reinhardt zweimal Deutscher Meister (1995 und 1996) und Champions-League-Sieger (1997) geworden. Jetzt ist er Lehrer in der Grundschule Kleine Kielstraße in der Nordstadt. Über seine zwei Leben hat er nun ein Buch geschrieben.

Was wird aus einem Fußballer, der nicht mehr Fußball spielt? Trainer meistens, Sportdirektor – oder nichts. Knut Reinhardt hat es anders gewollt und deshalb anders gemacht als alle anderen: Der ehemalige Mittelfeld-Spieler von Borussia Dortmund, Deutscher Meister und Champions-League-Sieger, ging an die Uni und wurde Lehrer. Darüber hat er nun ein Buch geschrieben: „Wenn Fußball Schule macht“. Es ist eine Geschichte von zwei Leben.

Obwohl, sagt Reinhardt, inzwischen 49: Er sei ja noch derselbe, „nur das Stadion ist kleiner geworden“. Und wenn er einen Witz machen will, was er gern tut, dann sagt er noch: „Die Geräuschkulisse ist dieselbe.“ Zigtausende auf den Rängen, ein Krach „wie eine Boeing 747“, so beschreibt er das. Und jetzt: fast 30 Grundschulkinder in der Grundschule Kleine Kielstraße in der Nordstadt. Es ist dem vierfachen Vater bewusst, „dass ich einer der wenigen bin, denen es gelungen ist, ein Leben nach dem Fußball aufzubauen“. Und nicht nur das, „auch eines ohne Fußball“.

"Warum nicht Pilot oder Astronaut?"

Dass er nicht mehr spielen konnte, kann jeder sehen: Knut Reinhardt humpelt, beide Knie sind kaputt. Er kickt noch, macht Sport auch „aus Selbstschutz“, sagt er, „Schwitzen und Duschen, das bringt runter“. Anfang 30 war er, als Ärzte ihm die Rote Karte zeigten, und der junge zu alte Fußballer war ratlos: Was tun? „Lehrer“, empfahl ihm ein Freund. „Warum nicht Pilot oder Astronaut?“, antwortete Reinhardt. Er hatte sich doch nie um irgendetwas kümmern müssen, andererseits: Stress war er gewohnt. Und einer von denen, „die wie ein Stern am Himmel aufsteigen und dann kometengleich auf die Erde zurasen“, das wollte er nie sein.

So kam es, dass Knut Reinhardt – einst „uncool“ und „ein Weichei“, ein „Klassenclown mit mittelmäßigen Zensuren und einer verdammt großen Klappe“, der den Fußball sogar beim Zähneputzen immer zwischen den Füßen hatte und trotzdem eher ein Ball-Arbeiter als ein -zauberer war – dass ausgerechnet er auf die Schulbank zurückkehrte. Und blieb.

In einem Beruf, „der so viel nachhaltiger und sinnvoller ist als alles, was ich vorher gemacht habe“. Es wurde sein „größtes Glück“: die Arbeit mit Kindern. „Besser als der Gewinn der Champions League.“ Zwei Traumberufe, sagt er, die ihn ausfüllen. Dass beide vorkommen, die manchmal lustigen, manchmal tragischen Geschichten aus dem Fußball und die manchmal lustigen, oft tragischen Geschichten aus einer Brennpunktschule, das macht das Buch zu einer Mischung aus Biografie, Bildungskritik und Beratung für das Leben.

Reinhardt will seine Bekanntheit, die er immer noch hat, „nutzen, um Probleme anzusprechen“. Inklusion, Migration, lernbehinderte Kinder, Erziehungsschwache... Es ist ja so im Dortmunder Norden: „Du kannst sie nicht alle retten.“

Fußball als Vorbereitung 

Und doch gebe es, so Reinhardt, „mehr Parallelen zwischen den Universen, als man denkt“. Letztlich nämlich ist er doch ein bisschen Trainer: „Der Fußball hat mich perfekt auf die Herausforderungen im Alltag eines Lehrers vorbereitet.“ Die unterschiedlichen Typen, der Schmelztiegel der Kulturen, 20 Individualisten zu einer Mannschaft zu formen, Einzelgänger zu integrieren, Schüchterne zu stärken, verrückte Spitzenspieler einzufangen.

Macht ein Trainer, macht ein Lehrer. Und auch das Schulkind ist dem jungen Spieler ja nicht unähnlich: Eine Sprache zu lernen, Sätze zu bauen, sagt Reinhardt, sei nicht weit entfernt davon, Freistöße zu üben und im Spiel das große Ganze zu sehen.

Der Boulevard hat diese Woche im Buch nur eine Story entdeckt: die davon handelt, wie Reinhardt vor fast 20 Jahren seine Freundin und Mutter seines Sohnes an einen Kollegen verlor. Er schreibt darüber nicht aus Rache, wollte keinen Klatsch – aber dieser Tiefpunkt fiel ins Tal seines Lebens, war Mit-Anlass für Bruch und Neuanfang. Frau weg, Vertrag weg, Knie kaputt, Karriere vorbei: Es war der Moment, in dem Knut Reinhardt umdenken musste.

Er schrieb es auf, auch „um zu zeigen, dass jeder mal in ein privates Loch fallen kann“. Kein Glanz, kein Gloria, „13 Jahre als Fußballprofi einfach so vorbei“. Mit der Folge: „Du bist wer, aber auf einmal bist du unqualifiziert, den ganzen Tag zuhause, und es kommt kein Geld mehr rein.“

"Jeder kann alles schaffen"

Aber: „Ich bin ja nicht da unten geblieben.“ Jeder müsse lernen, „wie man nach einer Pleite wieder auf die Füße kommt“. Knut Reinhardt hat es hinbekommen: „Jeder kann alles schaffen. Ich bin der lebende Beweis.“

Der Fußball indes ist nicht mehr so recht seins; er findet, „er hat sich vom Fan entfernt“, es fällt ihm schwer, sich mit der Kommerzialisierung zu identifizieren. Vielleicht wäre aber auch er heute nicht mehr der Richtige für den Fußball. Denn das hat Knut Reinhardt bewiesen: Er hat seinen eigenen Kopf.

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