Sylvia und Marcus haben ihre Söhne Oscar und Anton genannt. Sie heißen wie die Urgroßväter ihrer Generation. Das ist typisch für Vornamen-Trends, sagt Experte Knud Bielefeld. Woher kommt das? Und warum heißen bald wieder Babys Horst?

DORTMUND

, 25.06.2018, 04:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Als sich die Dortmunder Sylvia und Marcus Wiemers vor fast 20 Jahren dazu entschlossen haben, ihren Erstgeborenen nach dem Ur-Opa Oscar zu nennen, hatten sie es schwer. Heute kann sich Oscar Hubertus über einen coolen Namen freuen, genau wie sein jüngerer Bruder Anton.

„Damals war das anstrengend“, sagt die Mutter, die mit ihrer Namenswahl der Zeit voraus war. Deshalb musste sie ertragen, dass andere, wie die Mutter von Maverick, Marvin und Marlin, den Namen Oscar für bescheuert erklärten. Oder ihr Sohn sich im Schwimmverein mit Lukas vorstellte. „Er wollte so heißen, wie alle heißen.“

Emilia und Ben sind die beliebtesten Namen

Heute sind Emilia und Ben in Dortmund die beliebtesten Babynamen. An zweiter und dritter Stelle lagen 2017 Lina und Noah sowie Mia und Elias. Aber auch Oskar/Oscar und Anton finden sich noch unter den Top-Ten. Weil sie so gängig sind, würde Sylvia Wiemers heute Namen wie Horst, Klaus oder Michael wählen. Und auch damit wahrscheinlich wieder einen Trend vorwegnehmen. Denn nach den Erkenntnissen der Namensforschung dauert es in der Regel rund 100 Jahre, bis ein Vorname wieder modern wird. Auf Jürgen, Thomas, Claudia und Sabine werden wir also noch ein halbes Jahrhundert warten müssen, bis der Zyklus sich wiederholt.

Namen überspringen zwei Generationen

„Es sind die Vornamen der Urgroßeltern, die populär werden“, erklärt Knud Bielefeld (50). Seit mehr als 20 Jahren sammelt der Namensforscher aus Ahrensburg bei Hamburg Statistiken zu Vornamen in ganz Deutschland und wertet sie detailliert aus. Die Namen der Vor-Vorgänger-Generation seien in der Regel nicht negativ behaftet, so Knud Bielefeld. Das mache Namen wie Emma - derzeit die Nummer eins in Deutschland - so attraktiv.

Mia und Ben waren auch 2017 unter den fünf häufigsten Vornamen in Dortmund.

Mia und Ben waren auch 2017 unter den fünf häufigsten Vornamen in Dortmund. © dpa

Mit Emma oder auch Paul, Anton, Arthur, Marta und Greta verbinden die Eltern kaum Schlechtes. Bei den Namen ihrer Zeit ist das anders. „Ich hätte meine Kinder niemals Torsten genannt“, sagt Namensforscher Bielefeld. „Denn davon kannte ich einige, und da waren auch ein paar Doofe darunter.“ - Natürlich müsse auch das Klangbild stimmen. Heute beispielsweise endeten viele Mädchennamen auf „a“. Und der Trend geht eher zu kurzen, ein- bis zweisilbigen Vatianten: Ben, Mia. Leon, Lina.

Vornamen-Trends aus der Vergangenheit

Jetzt ist also die Zeit gekommen für die Namen, die in den 1920er Jahren angesagt waren: Namen wie Emma und Emil, Anna und Anton, Sophie und Paul. Sie alle stehen auch in Dortmund auf der Topliste.

Walter Ohsieck, stellvertretender Leiter des Standesamtes, hat sich die Mühe gemacht, einmal tief in die städtischen Archive zu tauchen und einen Blick in verstaubte Namensregister zu werfen. Und er entdeckte Spannendes: „Die Namen, die zur Zeit um 1908 dem Zeitgeist entsprachen, tauchen heute wieder auf“, sagt Ohsieck. „Sie werden aber noch viel häufiger vergeben als damals.“ Viele von ihnen würden auch als Zweitname gewählt.

Top-Ten 1908 bei den Mädchen in Dortmund

1. Elisabeth (22)

2. Maria (18)

3. Anna (14)

4. Helene (8)

5. Ilse (8)

6. Hildegard (7)

7. Paula (6

8. Elfriede (6)

9. Margarethe (6)

10. Erna (5) und Luise (5)

Top-Ten 1908 bei den Jungen

1. Wilhelm (14)

2. Karl (12)

3. Heinrich (11)

4. Joseph (10)

5. Walter (10)

6. Franz (8)

7. Friedrich (8)

8. Erich (7)

9. August (7)

10. Fritz (6)

Die meisten dieser alten Namen sind auch heutzutage in Kindergarten und Krabbelgruppen keine Seltenheit.

Angst vor dem Kevin-Effekt

„Eltern suchen etwas möglichst Einzigartiges für ihr Kind, möchten aber auch einen Namen, der Verbundenheit zu Tradition oder Familie wiedergibt“, sagt Knud Bielefeld. Dabei schwinge auch die Angst vor dem Kevin-Effekt mit, also die Sorge, dass der Name in Verruf gerät. Der Experte hat zur Vorbeugung sogar eine App entwickelt. Das Kevinometer misst, wie wahrscheinlich es ist, dass ein Name Vorurteile auf sich zieht. 70.000 Namen sind darin verfügbar.

Eine biblische oder traditionelle Herkunft schützt vor einem durchschlagend schlechten Image. Oftmals reihten Eltern laut Bielefeld auch mehrere Namen aneinander, um auf der sicheren Seite zu sein. Bindestrich-Kombis sind aber nach seiner Erkenntnis völlig out: „Mit unter einem Prozent der Kinder ist das die Ausnahme.“ Beliebter würden dagegen Neukreationen aus Teilen verschiedener Vornamen, Emmarie beispielsweise oder Therelia.

Skandinavische Einflüsse verbreiten sich

Bei aller Individualität spielen auch regionale Einflüsse eine Rolle. Aus Skandinavien importierte Namen breiten sich langsam von Nord nach Süd aus. So sind Finn, Ole, Lasse und Ida mittlerweile auch in Bayern angekommen. „Nordische Namen sind in ganz Deutschland beliebt.“ Auch in Dortmund fanden sich zuletzt häufig Finns und Fynns (Platz 5), ebenso wie Mats oder Svea.

Natürlich beeinflussen auch Vorbilder aus Sport, Film und Gesellschaft die Namensfindung. Die der WM-Fußballer werden sich aber nicht durchsetzen, ist Knud Bielefeld sicher. Denn die wenigsten wollen ihr Baby nach einem erwachsenen Menschen benennen. Der Nachwuchs Prominenter wie Shakira (Milan und Sascha) oder Prinz William und Herzogin Kate (George und Louis) dagegen schlägt sich eindeutig nieder bei den Einträgen im Standesamt. Wer wollte nicht einen kleinen Prinzen.

Der Namenspool wächst ständig

Tradition, biblische Vorbilder, neue Kombinationen, internationale Einflüsse: All diese Trends bestimmen also die aktuellen Hitlisten. „Einerseits werden traditionelle Vornamen vergeben, andererseits werden viele neue erfunden, die noch nie ein Mensch getragen hat. Namen biblischer oder internationaler Herkunft sind weit verbreitet, aber auch solche mit altdeutschen Wurzeln. Der wichtigste aktuelle Vornamentrend lautet: Die Vornamenlandschaft wird individueller, der Vorrat an vergebenen Namen immer größer“, sagt Hobby-Namensforscher Bielefeld.

Eine ganze Mannschaft aus Stefans

So erklärt sich, dass heute selbst die beliebtesten Namen nicht doppelt und dreifach in den Kitas und Schulklassen vertreten sind. 1.182 unterschiedliche Namen fanden Eltern 2017 in Dortmund für 5.478 Kinder. Das war in Bielefelds Jugendzeit anders: In seiner Handballmannschaft sei er der einzige Knud unter lauter Torsten gewesen, erzählt er. In Dortmund hätte er damals wahrscheinlich mit Stefans oder Thomas‘ trainiert. Heute jedenfalls hört selbst auf die beliebtesten Mädchen- und Jungennamen, zuletzt Emilia und Ben, nur jedes 100. Kind. Der Namenspool ist einfach sehr groß.

Das sind Dortmunds beliebteste Vornamen 2017

1. Emilia (51), Ben (52)

2. Lina (39), Noah (43)

3. Mia (34), Elias (34)

4. Emma (31), Paul (33)

5. Lea (28), Jonas (32)

6. Sophia (26), Leon (31)

7. Amelie (25), Adam (26)

8. Leni (25), Emil (25)

9. Mira (24), Alexander (23)

10. Ida (23), Milan (23)

11. Lena (23), Jan (22)

12. Mila (23), Tom (22)

13. Amira (20), Leonard (21)

14. Emily (20), Luca (21)

15. Anna (19), Jakob (20)

16. Ella (19), Julian (20)

17. Leonie (19), David (19)

18. Clara (18), Mohamed (19)

19. Maria (18), Felix (18)

20. Marie (18), Emir (17)

Und gibt es nun so etwas wie einen All-time-favorite-Namen, einen Dauerbrenner? Wenn es einen gibt, dann ist das Anna, sagt Knud Bielefeld. In Dortmund derzeit Platz 15.

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