Für viele Familien ist die Offene Ganztagsschule unverzichtbar. Doch die Zahl der Plätze ist knapp, die Stadt baut das Angebot nicht so stark aus wie geplant. Das liegt nicht am Geld.

Dortmund

, 07.06.2019, 04:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

An den Grundschulen in Dortmund ist das Angebot inzwischen Standard: Eine offene Ganztagsbetreuung bietet für berufstätige Eltern die Gewähr, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. Doch viele gucken trotz Berufstätigkeit in die Röhre. Denn nicht jeder, der für sein Kind einen OGS-Platz will, bekommt auch einen.

An vielen Schulen bestehen „umfangreiche Wartelisten“, räumte Schuldezernentin Daniela Schneckenburger in der letzten Sitzung des Schulausschusses ein. Fast 200 Kinder stehen aktuell auf Wartelisten. Besonders viele, nämlich 30, sind es laut einer aktuellen Aufstellung der Verwaltung an der Graf-Konrad-Schule in Eving, 20 an der Landgrafen-Grundschule in der südlichen Innenstadt, 15 an der Kreuz-Grundschule im Kreuzviertel.

Wartelisten an vielen Schulen – warum es in Dortmund zu wenig OGS-Plätze gibt

Die Graf-Konrad-Grundschule an der Grävingholzstraße in Eving hat eine besonders lange Warteliste für die OGS. © Oliver Volmerich

Es liegt nicht an fehlendem Geld. Schon im Dezember 2017 hatte der Rat Mittel für weitere OGS-Plätze beschlossen. 11.550 Plätze sollten es im laufenden Schuljahr 2018/19 sein, geschaffen wurden aber nur 10.950. Als Grund nennt die Verwaltung „räumliche Einschränkungen“. In den Grundschulen gibt es schlicht zu wenig Platz für eine annehmbare Ganztagsbetreuung.

Zu wenig Räume

Dabei müssen es nicht unbedingt spezielle OGS-Räume sein. Grundsätzlich sollten die vorhandenen Schulräume für die OGS-Betreuung genutzt werden, heißt es aus der Verwaltung. Doch das hat seine Grenzen. Jochen Schade-Homann vom Evangelischen Kirchenkreis, dem größten OGS-Anbieter in Dortmund, spricht von „bedrückender Enge“ an vielen Schulen. „Der Bedarf an Betreuung ist gewachsen, aber das Raumangebot ist nicht mitgewachsen.“

Auch den Grundsatz, dass die OGS-Betreuung vor allem in ganz normalen Klassenräumen stattfinden soll, sieht man bei den Trägern kritisch. „Ideal wäre es, wenn Schulraum und Betreuungsraum getrennt wären“, sagt Jörg Loose von der Arbeiterwohlfahrt, die über ihre Tochter Dobeq zweitgrößter OGS-Träger in Dortmund ist.

„Es geht ja nicht nur um Verwahrung. Wir wollen differenzierte Angebote machen“, ergänzt Jochen Schade-Homann. „Eigentlich müsste man ein Millionen-Programm auflegen, um geeignete Räume zu schaffen.“

Engpass bei Mittagsverpflegung

Doch das bleibt wohl Wunschdenken. Mit einer Ausnahme: Für die Mittagsverpflegung sind auf jeden Fall spezielle Räume nötig. Das ist die größte Hürde bei der Schaffung weiterer OGS-Plätze. „Es muss die Übermittagsverpflegung der Kinder gewährleistet sein. An vielen Schulen fehlen dazu aber die räumlichen Kapazitäten“, erklärte Daniela Schneckenburger. Oft müsse in zwei oder sogar drei Schichten gegessen werden.

Wartelisten an vielen Schulen – warum es in Dortmund zu wenig OGS-Plätze gibt

Mittagessen für Schülerinnen und Schüler: An vielen offenen Ganztagsschulen ist dafür zu wenig Platz. © dpa

In den vergangenen Monaten wurden viele Schulen unter die Lupe genommen, um zu prüfen, wie das Angebot erweitert werden kann. Es würden etwa auch flexible Lösungen mit neuem Mobiliar ins Auge gefasst, teilte die Schuldezernentin mit.

Doch der Befund der Verwaltung ist ernüchternd: An 16 von 24 Schulen, die bereits überprüft wurden, sind größere Um- oder Anbauten nötig. Das erfordert Bauprüfungen und Bauanträge. Und das kostet Zeit – laut Verwaltung etwa sechs Monate bei kleineren Umbauten und mindestens drei Jahre bei Neubauten.

Kurzbetreuung als Notlösung

Die Verwaltung empfiehlt als Notlösung an Schulen mit langen Wartelisten eine Kurzbetreuung bis 14 Uhr, ohne Mittagessen. Sie gibt es aktuell schon an 24 Schulen mit etwa 1100 betreuten Kindern. Doch vielen berufstätigen Eltern hilft eine Betreung bis 14 Uhr nicht weiter.

Offen ist auch die Frage, wie hoch der Bedarf an OGS-Plätzen tatsächlich ist. Die Verwaltung gibt die über die Schulen ermittelte Zahl mit 11.125 für das aktuelle und 11.496 für das nächste Schuljahr an. Die Stadteltern als Vertretung der Elternschaft gehen aber davon aus, dass die Zahl weit höher liegt, weil die Schulen von vorneherein die Hürden für eine Bewerbung hoch ansetzen.

Nach Studien sei von einem Betreuungsbedarf von 70 Prozent auszugehen. In Dortmund sind bei 10.950 Plätzen gerade einmal 52 Prozent der Kinder versorgt, erklären die Elternvertreter.

Quote nicht erreicht

Die erreichte Quote könnte bis zum Schuljahr 2022/23 auf 62 Prozent steigen – wenn denn der im Dezember 2018 noch einmal erweiterte Ratsbeschluss zum OGS-Ausbau umgesetzt wird. Danach sollen bis 2023 jährlich 900 zusätzliche Plätze an den Schulen geschaffen werden. In diesem Schuljahr konnten nur rund 300 neue Plätze realisiert werden.

„Um das Defizit aufzuholen, müsste jetzt jährlich um 1050 Plätze erhöht werden“, rechnen Rainer Schiffers und Anke Staar von den Stadteltern vor. Angesichts der Raumnot dürfte die Stadt aber auch in den nächsten Jahren dem Ratsbeschluss weiter hinterherhinken.

Bundesregierung plant Rechtsanspruch

Noch größer dürfte das Problem werden, wenn Eltern und ihre Kinder wie geplant bis 2025 einen gesetzlichen Anspruch auf Ganztagsbetreuung bekommen. „Das wird die Elternnachfrage dann noch einmal verändern“, ist Schuldezernentin Schneckenburger überzeugt. Für sie ist deshalb schon jetzt klar: „Die Schaffung von OGS-Plätzen wird für die Stadt Dortmund eine Daueraufgabe bleiben.“

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