Warum einer Bergakademie aus Sachsen ein Haus am Westenhellweg gehört

hzGeheimnisse des Westenhellwegs

Nur ein einziges Haus am Westenhellweg ist in öffentlichem Besitz. Der Eigentümer ist eine 400 Kilometer entfernte Bergakademie in Sachsen. Die Geschichte dahinter hat mit Würsten zu tun.

Dortmund

, 13.01.2020, 10:58 Uhr / Lesedauer: 2 min

Wer Dortmunds Einkaufsmeile entlangläuft, wird höchstwahrscheinlich achtlos an dem Gebäude am Westenhellweg 66-68 vorbeilaufen. Höfliche Menschen würden den mausgrauen Zweckbau gegenüber dem Kaufhof als „unauffällig“ bezeichnen, direktere Zeitgenossen wahrscheinlich etwas weniger vorteilhafte Worte wählen.

Dabei ist das vierstöckige Haus ein Unikat am Westenhellweg: Das Gebäude, in dessen Erdgeschoss McDonald’s Burger brät und Footlocker Schuhe verkauft, ist das einzige an Dortmunds bekanntester Straße, das im Besitz einer staatlichen Einrichtung ist. Laut Grundbuch gehört das 1130 Quadratmeter große Grundstück der Technischen Universität Bergakademie Freiberg.

Wie kommt eine Uni für Berg- und Hüttenleute aus dem Herzen Sachsens in den Besitz eines der Filetstücke des Dortmunder Immobilienmarktes? Die Geschichte hat mit einem Selfmade-Millionär zu tun – und ein wenig auch mit Würsten und Käse.

Serie

Geheimnisse des Westenhellwegs

In unserer Serie „Geheimnisse des Westenhellwegs“ erzählen wir in loser Folge spannende, wenig bekannte Geschichten rund um Dortmunds wichtigste Einkaufsmeile.

Antennenmonteur in Kanada, Millionengeschäft in Essen

Ihre zentrale Figur ist Peter Krüger. 1924 in Freiberg geboren, legte der Elektro-Ingenieur eine Nachkriegs-Traumkarriere hin. Sie führte ihn erst nach Kanada, wo er sich als Fernsehantennenmonteur und Cockpitinstallateur durchgeschlagen hatte, bevor er schnell lukrativere Arbeit in einer Transformatorenfabrik fand.

Als sein Schwiegervater starb und das Familienunternehmen – eine Firma für Korrosionsschutz in Essen – führungslos war, kehrten Krüger und seine Frau nach Deutschland zurück. Er übernahm den Betrieb, rettete ihn vor der Pleite und machte ihn in 15 Jahren „zum größten Korrosionsschutz-Betrieb der Welt mit 2000 Beschäftigten“, wie die FAZ einst in einem Porträt über Krüger schrieb.

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Schließlich verkaufte er die Firma Anfang der 1970er-Jahre so gewinnbringend, dass er sich mit 46 Jahren eigentlich zur Ruhe hätte setzen können. Stattdessen gründete der umtriebige Geschäftsmann zusammen mit seiner Frau 1974 die Feinkost-Kette Schlemmermeyer. Die Krügers verkauften statt Industrielacken und Kunstharzen jetzt Münchner Weißwürste und Schafskäse aus dem Piemont.

Schnell hatte Schlemmermeyer Filialen deutschlandweit. Das Erfolgsrezept: Die Krügers konzentrierten sich auf die 1a-Lagen in den Städten. „Das klingt einleuchtend, damals wussten das aber noch nicht viele“, wird Krüger im FAZ-Porträt zitiert. Auch in Dortmund machten sie einen Laden auf und kauften das dazugehörige Gebäude. Es war das Haus am Westenhellweg 66-68.

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Als Schlemmermeyer auf 35 Geschäfte angewachsen war, verkauften die Krügers die Kette. „Als Wursthändler wollte ich nicht sterben“, so Krüger zur FAZ. Die Idee mit den 1a-Lagen gaben sie hingegen nicht auf, mischten mit einer eigenen Immobilienfirma weiter auf dem hochlukrativen Markt mit. Auch das Dortmunder Grundstück behielten sie.

Über 13 Millionen Euro für die Forschung

Gegen Ende seines Lebens besann sich Peter Krüger auf seine Wurzeln: Sein Vater hatte an der Bergakademie in Freiberg gelehrt, Krüger selbst hatte dort Bergbau studiert, bevor er 1946 zwangsexmatrikuliert wurde, weil er kein „Arbeiter- und Bauernkind“ war.

Warum einer Bergakademie aus Sachsen ein Haus am Westenhellweg gehört

Stifter Peter Krüger schenkte der TU Freiberg Immobilien in dreistelligem Millionenwert. © TU Bergakademie Freiberg

Wenige Monate vor seinem Tod gründete Krüger 2006 eine Stiftung, benannte sie nach seinem Vater und stattete sie mit wertvollen Immobilien aus ganz Deutschland aus. Insgesamt belaufe sich das Stiftungsvermögen auf einen „dreistelligen Millionenbetrag“, sagte Vorstandsmitglied Fritz Lütke-Uhlenbrock unserer Redaktion.

Teil dieses Deals war auch das Gebäude am Westenhellweg 66-68. Die Mieteinnahmen, die dort und in den anderen Häusern der Dr.-Erich-Krüger-Stiftung generiert werden, fließen direkt in die Forschung der TU Freiberg. In den ersten zehn Jahren der Stiftung waren es insgesamt über 13 Millionen Euro.

Wer also bei McDonald’s am Westenhellweg einen Burger isst, fördert indirekt die Arbeit von Bergbau-Doktoranden in Sachsen.

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