Viele Dortmunder fühlen sich unsicher, obwohl die Statistik weniger Straftaten registriert. © dpa (Symbolbild)
Sicherheitsgefühl

Warum sich Menschen trotz weniger Straftaten unsicher fühlen

Obwohl so wenig Straftaten wie seit 2004 nicht mehr registriert werden, fühlen sich viele Dortmunder unsicher. Ein Experte für Strafrecht und Kriminologie weiß, woran das liegen kann.

Es ist schon paradox: Während es in Dortmund seit 15 Jahren nicht mehr so wenige Straftaten gegeben hat wie heute, fühlen sich viele Dortmunder nicht sicher in der Innenstadt. Das eine sagt die Kriminalstatistik, das andere eine nicht repräsentative Umfrage dieser Redaktion.

Prof. Dr. Henning Ernst Müller ist Inhaber des Lehrstuhls für Strafrecht, Kriminologie, Jugendstrafrecht und Strafvollzug an der Universität Regensburg. Im Gespräch mit dieser Redaktion erklärt er, wie das zusammen passt.

Prof. Dr. Müller, was ist eigentlich das sogenannte subjektive Sicherheitsgefühl?

Das Sicherheitsgefühl ist ein Überbegriff, der unter anderem auch die Kriminalitätsfurcht einschließt. Aber dazu gehört natürlich noch viel mehr. Das Sicherheitsgefühl hängt zum Beispiel von den wirtschaftlichen und persönlichen Bedingungen einer Person ab. Es wird auch davon beeinflusst, ob man alleine ist oder Familie hat, ob man gesund ist oder krank. Es ist auch so, dass mit dem Alter eine gewisse Sorge einhergeht. Als 20- oder 30-Jähriger macht man sich über bestimmte Sachen keine Sorgen, als Familienvater hingegen schon. Diese Emotionen bestimmen auch mit darüber, ob man sich auf der Straße „sicher fühlt“.

Wie passt die polizeiliche Kriminalitätsstatistik dazu, wonach Dortmund so sicher ist wie seit Jahren nicht mehr?

Ich selbst habe in den 80ern lange in Berlin-Kreuzberg gelebt. Meine Freunde und Familie haben mich gefragt: ‚Wie kann man da nur wohnen?‘ Es ist meist so – und das sagt auch die Forschung – dass sich die Menschen vor der eigenen Haustür sicherer fühlen als überall anders.

Seit den 2000er-Jahren haben wir ein relativ niedriges Straftaten-Niveau in Deutschland. Der Bereich, in dem die Menschen meist tatsächlich von Straftaten betroffen sind, ist Straßenkriminalität. Dazu gehören beispielsweise Raub, Taschendiebstahl, Vergewaltigung oder Belästigung – und die Straßenkriminalität hat stark abgenommen. Das hängt damit zusammen, dass wir mittlerweile eine andere Altersstruktur haben, es gibt weniger junge Leute. Und vor allem sind es damit weniger junge Männer, die Probleme machen. Und wenn sie Probleme machen, dann meist untereinander.

Prof. Dr. Henning Ernst Mueller lehrt Strafrecht und Kriminologie an der Universität Regensburg. © privat © privat

Es gibt natürlich auch Gegenden und Stadtbezirke, in denen offenbar mehr Kriminalität herrscht. Das beeinträchtigt auch das Sicherheitsgefühl anderer Bewohner derselben Stadt. Wenn man aber Leute fragt, die in dem Bezirk wohnen, sehen die das häufig anders.

In der Kriminalitätsforschung fragen wir Menschen, wie sie die tatsächliche Straftatenentwicklung der vergangenen Jahre einschätzen. Und meistens schätzen sie, dass die Kriminalität angestiegen ist. Tatsächlich hatten wir in Deutschland Mitte der 90er einen Peak, aber seitdem sind die Zahlen rückläufig, auch im Dunkelfeld.

Welche Rolle spielen Medien in der ganzen Angelegenheit?

Die Fehleinschätzung ist sicherlich auch eine Folge der vermehrten Medienberichterstattung. Über Straftaten wird nicht nur wie früher regional einmal, sondern überregional vielfach berichtet und in sozialen Medien diskutiert. Besonders spektakuläre Fälle wie etwa Terroranschläge sind über längere Zeit Thema in den Medien und beeinflussen das Sicherheitsgefühl, auch wenn sie kriminalstatistisch weniger bedeutsam sind.

Man darf auch nicht verleugnen, dass es ab 2016 durch die vermehrte Einwanderung ein Zwischenhoch in der Straftatanzahl gab. Das reichte zwar nicht an die Zahlen der 90er heran, aber an die Werte von Anfang der 2000er. Das ist der Einfluss auf die Kriminalitätsentwicklung durch viele junge Männer, die zunächst keine Perspektive hatten, sich vermehrt draußen aufgehalten haben oder in Einrichtungen, in denen ihr Verhalten „sichtbar“ war. Die Werte sind mittlerweile mit der zunehmenden Integration in den Arbeitsmarkt wieder rückläufig.

Über den Autor
Redaktion Dortmund
1987 geboren und seit 2012 bei Lensing Media. Ende 2016 ist der Bochumer Junge in Dortmund angekommen - wo er Ihr täglicher Begleiter sein möchte.
Zur Autorenseite
Avatar
Lesen Sie jetzt