Weniger Polizeieinsätze wegen häuslicher Gewalt: Doch der Schein trügt

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In Dortmund gab es in den vergangenen Monaten weniger Polizeieinsätze aufgrund häuslicher Gewalt als im Vergleich zum Vorjahr - trotz des zeitweisen Lockdowns. Aber es bleiben Zweifel.

Dortmund

, 18.05.2020, 17:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Befürchtungen, dass die Fälle häuslicher Gewalt im Laufe des Corona-Lockdowns deutlich zunehmen würden, waren im Vorfeld groß. Eine erste Zwischenbilanz zeigt jetzt: In Dortmund gab es in den vergangenen Wochen insgesamt sogar weniger Polizeieinsätze wegen häuslicher Gewalt als im Vergleich zum Vorjahr. Ob diese Zahlen aber tatsächlich die Realität widerspiegeln, ist höchst umstritten.

Es sind zwar nur minimale Veränderungen, dennoch haben sich die offiziellen Zahlen zur häuslichen Gewalt in Dortmund gänzlich anders entwickelt als zuvor von den Behörden erwartet.

Während die Polizei Dortmund im März 2019 zu 121 Fällen von häuslicher Gewalt ausrücken musste, waren es im März dieses Jahres noch 116. Im April waren es 102 Einsätze und somit lediglich einer mehr als zum selben Zeitpunkt 2019.

„Gewalt hat vermutlich dennoch zugenommen“

„Die Zahlen bewegen sich also auf einem gleichbleibenden bis leicht rückläufigen Niveau. Aufgrund des Lockdowns waren also für den gesamten Zuständigkeitsbereich bisher keine Steigerungen feststellbar“, erklärt Polizeisprecherin Nina Kupferschmidt.

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Der durchaus positive Eindruck wird allerdings getrübt, wie Martina Schmitz vom Dachverband der autonomen Frauenberatungsstellen NRW unterstreicht: Das Hellfeld der häuslichen Gewalt, also die Zahl der gemeldeten Fälle, sei zurückgegangen. „Wir gehen aber davon aus, dass die Gewalt in Familien und Partnerschaften unter den derzeitigen Bedingungen eher zugenommen hat.“

Kontrollsysteme fehlen

Dies hänge vor allem mit dem Fehlen von Hilfseinrichtungen wie Kitas, Schulen und dem Arbeitsumfeld zusammen. „Frauen haben weniger die Möglichkeit, Kontakt nach außen aufzunehmen, weil die Männer beispielsweise aufgrund von Kurzarbeit vermehrt zuhause sind“, so Schmitz. Die Kontrolle durch gewalttätige Partner habe sich durch die derzeitigen Verhältnisse erhöht.

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Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt man beim Jugendamt der Stadt Dortmund. Normalerweise seien viele Meldungen von häuslicher Gewalt auf derartige „Kontrollsysteme“ zurückzuführen, betont Stadtsprecherin Katrin Pinetzki. Der coronabedingte Wegfall dieser Möglichkeiten könne laut Pinetzki in der Folge ein Grund dafür sein, „dass die Zahl der Meldungen derzeit geringer ist“.

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Auch bei der Hilfsorganisation Weißer Ring war man vor dem Shutdown von einem deutlichen Anstieg der Fallzahlen ausgegangen.

Bis zum Mai habe man in Dortmund bislang 35 Fälle von häuslicher Gewalt behandelt. „Damit bewegen wir uns aber auf dem Niveau des Vorjahres“, verdeutlicht der stellvertretende Außenstellenleiter Jürgen Koch. Er gehe jedoch von einer erheblichen Dunkelziffer aus.

Die Zahlen werden wieder steigen

Sind die scheinbar positiven Zahlen also nur ein bloßer Trugschluss? Für Martina Schmitz ist die Antwort eindeutig: „Wir rechnen damit, dass die Frauen mit den Lockerungen wieder vermehrt in die Hilfeeinrichtungen kommen werden. Die Erfahrungen, die man beispielsweise rund um Feiertage macht, haben gezeigt, dass die Frauen sich, solange die Situation andauert, nicht melden. Erst danach gehen die Zahlen in die Höhe.“

Das gilt laut Jugendamt Dortmund nicht nur für Frauen, sondern auch für Kinder und Jugendliche. Es sei davon auszugehen, dass die Fallzahlen wieder ansteigen, wenn die Kinder und Jugendlichen wieder in Betreuung sind, unterstreicht Katrin Pinetzki.

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Unterdessen haben die Apotheken in Dortmund eine gemeinsame Aktion mit der Dortmunder Frauenberatungsstelle und dem Frauenhaus ins Leben gerufen. In den kommenden Wochen werden in den Apotheken Flyer ausliegen, die auf das Angebot der beiden Institutionen aufmerksam machen.

Das Ziel sei es, „betroffene Frauen zu informieren und ihnen Mut zu machen, sich an die regionalen Anlaufstellen zu wenden“, heißt es in einer Pressemitteilung.

Hier finden Opfer von häuslicher Gewalt Hilfe

  • In Dortmund bietet die Hilfsorganisation der Weiße Ring Opfern von kriminellen Handlungen Unterstützung an. Wer Hilfe benötigt, kann sich unter Tel.: 0231-98194850 oder per Mail an NRW-Westfalen-Lippe@weisser-ring.de an das Team der Dortmunder Außenstelle wenden.
  • Außerdem finden weibliche Opfer bei der Frauenberatungsstelle (Tel.: 0231-521008) oder dem Dortmunder Frauenhaus (Tel.: 0231-800081) hilfreiche Ansprechpartner.
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