Wenn das Glück Schiffbruch erleidet und die Liebe Verzicht verlangt

hz„Enoch Arden“ im Schauspielhaus

Ein Vers-Epos von 1864 kann schwer angestaubt wirken. Doch Bjarne Gedraths Version von „Enoch Arden“ kommt im Schauspielhaus vital und anrührend daher - dank Marlena Keil und Uwe Rohbeck.

Dortmund

, 29.02.2020, 15:37 Uhr / Lesedauer: 2 min

Alfred Tennysons „Enoch Arden“ ist ein Vers-Epos über die Macht des Schicksals. Um seine Familie durchzubringen, lässt Enoch seine Lieben zurück und fährt auf einem Handelssegler nach Asien.

Arden erleidet Schiffbruch, strandet für Jahre auf einer einsamen Insel. Als er gerettet wird und nach Hause kommt, hat seine Frau (die ihn für tot halten musste), den gemeinsamen Jugendfreund geheiratet.

Was tun? Arden wählt den Weg, der Frau und Kindern ihren Frieden lässt. Er gibt sich nicht zu erkennen, er verzichtet und geht. Um an gebrochenem Herzen zu sterben.

Drama mit tragischem Held

Das Seelendrama eines tragischen Helden, damals sehr erfolgreich. Ein Schmachtfetzen, der Tennysons Leserschaft von 1864 vermutlich Tränen in die Augen trieb.

Leicht könnte der Stoff heute antiquiert und gekünstelt melodramatisch wirken. Dass es anders geht, zeigt die Dortmunder Aufführung in der Regie von Bjarne Gedrath.

Seine klug minimalistische Inszenierung auf der kleinen Studiobühne wird zur Frischzellenkur für einen vergessenen Klassiker, der erstaunlich vital daherkommt und anrührend menschlich in seiner Tragik.

Lebendigen Atem eingehaucht

Was zu guten Teilen an Marlena Keil und Uwe Rohbeck liegt, die einem gedrechselt lyrischen Erzähltext (Deutsch von Adolf Strodtmann) lebendigen Atem einhauchen und ganze Passagen wie Dialoge oder innere Monologe sprechen.

Gedraths Regie setzt auf eine Choreografie der Blicke zwischen den Eheleuten. Was bei Tennyson Schilderung ist, wird hier zur Korrespondenz zwischen den Schauspielern, auf Annies Vorwurf folgt Enochs Rechtfertigung.

Es ist keine Prosa, es bleibt klangschöne Dichtung - die Keil und Rohbeck wunderbar leicht und ungestelzt über die Lippen geht. Was durchaus ein kleines Kunststück darstellt.

Mit Herzblut gespielt

Beide spielen mit Herzblut und glaubhafter Emotion. In einem schlichten Bühnenbild (von Nane Thomas), das die Spielfläche unter Wasser setzt und symbolistisch das Meer einbindet, das Enoch und Annie für immer entzweit.

Oliver Siegel steuert an Klavier und Akkordeon dezent sparsame Live-Musik bei: Gefühlsmalerei, die mal leise dramatisch tönt, dann wieder gebremst romantisch, mit Anklängen an Richard Strauss.

Poetisches Kopfkino

Weniger ist mehr, clevere Reduktion ist die Maxime des Stückes. Es braucht bloß einen Sternenhimmel aus Glühbirnen, Wasser rings um ein Feldbett, zwei gute Schauspieler (mit Prinz Heinrich-Mütze und im weiten Kleid: Kostüme von Svea Sanyó), dazu Tennysons Text und Siegels assoziative Musik - fertig ist ein poetisches Kopfkino, das zu einsamen Stränden und einsamen Herzen führt.

Sehenswert - am 6. März (20 Uhr) ist die letzte Gelegenheit.

Lesen Sie jetzt