Ab Muttertag Altenheime auf: „Wir werden einige Dramen sehen“

hzHeime und die Corona-Krise

Altenheime sollen ihre Bewohner schützen, gleichzeitig wollen Angehörige ihre Verwandten sehen. Jetzt werden sie ab Muttertag teils wieder betretbar - das Dilemma aber bleibt.

Dortmund

, 06.05.2020, 04:20 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wer ältere Menschen kennt, kennt in diesen Corona-Tagen oft auch eine schlechte Geschichte von Menschen, die sich nicht sehen können:

Ein 83-Jähriger, der vor wenigen Tagen in einem Altenheim starb, ohne seine Verwandten zu sehen. Oder die Mutter, die kurz vor Corona in ein Altenheim kam, sich dort eigentlich gut einlebte, aber bei der die Verwandten nicht wissen, wie es ihr jetzt geht: Sie dürfen sie nicht besuchen, auch eine Kontaktaufnahme über Telefon oder Computer hat nicht geklappt.

Viele Heime haben im wahrsten Sinne des Wortes dicht gemacht, Besucher werden nicht mehr hineingelassen, über mehrere solcher Fälle haben wir und haben zahlreiche Medien in den letzten Wochen berichtet.

Auch NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann hat in den letzten Wochen das Thema bewegt. „Zu keinem Bereich“ habe er so viele Briefe bekommen wie zu diesem Thema. Es handele sich um ein „Riesenproblem“, um eine der „schwierigsten Fragen“.

Jetzt lesen

Die Sorge der Heime vor Ansteckung ist verständlich: Einerseits gehören die Heimbewohner alle zu den Hochrisikogruppen. Andererseits ist Quarantäne in einem Altenheim de facto kaum realisierbar. Sagt die Dortmunderin Dr. Angelika Zegelin, sie ist pensionierte Pflegewissenschaftlerin der Universität Witten-Herdecke.

Kommt es in einem Altenheim zu einer Corona-Infektion, sind die Folgen häufig dramatisch. Doch es ist eben auch dramatisch, wenn Kontakte abbrechen und zum Beispiel Demenzkranke ihre nächsten Angehörigen nicht mehr sehen können.

Jahrelange Problematik wird jetzt sichtbar

„Was in den Heimen aktuell los ist, wissen wir nicht, weil niemand hineinschauen kann“, sagt Zegelin. Sie erwartet, dass, wenn es zu den jetzt angekündigten Öffnungen kommt, in einigen Fällen pflegerische Dramen zu sehen sein werden.

Jetzt lesen

Der Grund dafür sei einfach: Die Personalproblematik in Qualität und Quantität, die schon vor Corona über Jahre hingenommen worden sei, trete jetzt in der Krise deutlich zutage. Das Personal in den Heimen sei schlichtweg oft überlastet.

Armutszeugnis

Doch klar sei auch: Wenn ein Heim es nicht schafft, seinen Bewohnern Kontakt zum Beispiel über ein Fenster, einen Besuchsraum oder einen Tabletcomputer zu ermöglichen, sei das ein Armutszeugnis und werfe ein sehr schlechtes Licht auf das dort herrschende Klima.

Die Landesregierung hat zu der Problematik ein Gutachten erstellt, dessen Ergebnisse werden laut Laumann ab Muttertag (Sonntag, 10. Mai) umgesetzt werden: Wenn es die räumlichen Möglichkeiten gibt, soll das Heim außerhalb eines Kerngebäudes ein Zelt aufstellen, hier können dann bis zu zwei Personen einen Menschen besuchen.

Zwei Besucher dürfen ab Sonntag alternativ einen Angehörigen auch in einem Besuchszimmer in der Nähe des Eingangsbereiches besuchen. Sollte ein Heimbewohner immobil sein, müsse der aber auch von einem Besucher in seinem Zimmer besucht werden können.

Zurückschrecken vor der Öffnung

Pflegewissenschaftlerin Zegelin begrüßt diese Öffnung, sieht aber darin ein großes Problem, vor dem die Heime jetzt stehen: Die Angst, dass das Besuchsmanagement zu viele der eh schon sehr knappen Personalressourcen bindet.

Viele Heime, so Zegelin, seien genau daher davor zurückschreckt, sich auch nur ansatzweise zu öffnen. Und auch der NRW-Gesundheitsminister sprach am Dienstagnachmittag von der „Arbeit der Heime mit der Besucherregistrierung“. So müssen Besucher registriert werden. Auch soll mit einem Kurzfragebogen geklärt werden, ob die Besucher potenziell Coronapatienten sein könnten. Dann könnten sie, so Laumann, das Heim nicht besuchen.

Konkrete Sorgen macht Zegelin die ab Muttertag gültige Besuchserlaubnis für immobile Patienten: Hier ein Kontaktverbot zu überwachen, sei durch das Heimpersonal nicht leistbar. „Die Menschen werden sich in den Arm nehmen wollen - hoffentlich steigen dann in zwei bis drei Wochen nicht wieder die Infektionszahlen deutlich“, so Zegelin.

Denn eine Infektion in einem Altenheim hat Folgen für das gesamte Heim, der Patient muss in Quarantäne. Und ein einziger Quarantänefall muss pflegerisch mit einem Mehraufwand von anderthalb Stunden am Tag berechnet werden.

Jetzt lesen

„Das können die Heime nicht leisten“ glaubt die Buchautorin. Wenn es nicht gelänge, Berufe in der Altenpflege gesellschaftlich und finanziell auf eine andere Stufe zu heben, sehe sie langfristig schwarz, sagt Zegelin.

Menschen, denen es in den letzten Wochen nicht gelang, Kontakt zu ihren Angehörigen in Heimen zu bekommen, rät Zegelin: „Bleiben Sie am Ball und versuchen Sie unbedingt, persönlichen Kontakt zu ihren Verwandten im Heim zu bekommen. Alleine, dass sie das versuchen, signalisiert in den Heimen: Hier ist jemand, der sich kümmert. Damit helfen Sie Ihren Verwandten.“

Lesen Sie jetzt
Lesen Sie jetzt