Seit einem Jahr gibt es Fridays For Future in Dortmund. Die Klimaproteste polarisieren. Doch es gibt eine Dortmunder Familie, in der sich alle einig sind. Wir haben sie getroffen.

Dortmund

, 19.01.2020, 09:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Simone Kah (46) und Lena Kah (17) sind nicht nur Teil einer Familie, sondern auch Teil einer Bewegung. Lena gehört ebenso wie die älteste Tochter Therese (19) von Anfang an zum festen Kern von Fridays For Future Dortmund. Mutter Simone (46) ist eine der Mitbegründerinnen von Parents For Future.

Lena und Simone Kah blicken im Gespräch mit Redakteur Felix Guth auf die vergangenen Monate zurück und erklären, warum das aus ihrer Sicht alles erst der Anfang gewesen sein kann.

Wie kam es, dass Mutter und Tochter gemeinsam für eine Sache eintreten?

Lena Kah: Ich habe vor der ersten Demo davon gehört und in meiner Schule, dem Käthe-Kollwitz-Gymnasium, Plakate aufgehängt. Wir sind mit einer Gruppe von 30 Leuten zur ersten Demo gegangen. Die war noch sehr klein. Aber es hat sich ziemlich rasant entwickelt. Durch meine Schwester habe ich angefangen, mit zu organisieren. Es gab dann vom Schulministerium im Februar 2019 einen Brief, dass uns auf jeden Fall Konsequenzen drohen, wenn wir freitags demonstrieren. Da waren wir ein bisschen geschockt.

Simone Kah: Wir haben als Eltern gedacht: Das kann man so nicht stehen lassen. Wir haben einen Brief an das Schulministerium online gestellt und dafür Unterschriften gesammelt. Es ging darum zu sagen: Das ist kein Schwänzen, sondern ihr gutes Recht, darauf hinzuweisen, dass gerade ihre Zukunft verspielt wird. Daraus entstand der Wunsch, etwas vor Ort zu machen. Die Kinder waren die Impulsgeber.

War bei der ersten Demo davon auszugehen, dass es die Bewegung ein Jahr später noch geben würde?

Lena Kah: Bei meiner ersten Demo nicht. Es war allgemein in der Gesellschaft so. Es hieß: Die werden die Sommerferien nicht überstehen oder den Winter. Aber wir haben bewiesen, dass wir gekommen sind, um zu bleiben.

„Was uns alle vereint, ist die Angst, dass wir es nicht in den Griff bekommen und dass nicht gehandelt wird.“ (Lena Kah, 17)

Woran liegt es, dass die Bewegung nach wie vor stabil ist?

Lena Kah: Was uns alle vereint, ist die Angst, dass wir es nicht in den Griff bekommen und dass nicht gehandelt wird. Wir haben durch die Bewegung eine neue Hoffnung. Wenn man mit 12.000 Menschen auf dem Friedensplatz steht, ist das auch ein Gefühl von Macht. Wir sehen, dass wir durch die Gemeinschaft, die wir bilden, aktiv Politik mitgestalten können.

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Was war der bewegendste Moment des vergangenen Jahres?

Lena Kah: Während des Sommerkongresses haben wir ein bisschen getestet, was es für kreative Aktionsformen gibt. Ich hatte das Gefühl, dass Dortmund an diesem Tag im Ausnahmezustand war. Du bist durch die Stadt gelaufen, und überall hast du junge Menschen gesehen, die kreativ auf ein wichtiges Thema hinweisen. Das hat mich total gefreut.

Die Freitagsproteste und Gesichter der Bewegung lösen bei manchen eine starke Gegenhaltung aus. Wie nehmen Sie Kritik an Fridays For Future wahr?

Lena Kah: Wir wissen, dass es polarisiert, was wir machen. Wir bekommen auch regelmäßig Nachrichten, die häufig so formuliert sind, dass sie drohend sind. Aber es war noch nicht so, dass wir das Bedürfnis hatten, damit zu Polizei zu gehen.

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Ein häufiges Argument ist die „Doppelmoral“ der Jugendlichen, die für Klimaschutz protestieren und gleichzeitig Smartphones nutzen, in den Urlaub fliegen und Sneakers tragen. Was entgegnen Sie solchen Argumenten?

Simone Kah: Darum geht es nicht. Wie wir den Klimawandel einzeln nicht lösen werden, so verursachen wir ihn als Einzelne auch nicht. Es ist Aufgabe der Politik dafür zu sorgen, dass ein Smartphone so hergestellt wird, dass es komplett recyclebar ist und unter fairen Bedingungen hergestellt wird. Das ginge ja, wenn man es wollte, die Wirtschaft redet sich oft raus. Das kann nicht Aufgabe des Verbrauchers sein. Am Ende hat es immer etwas mit dem Verbrauch von Ressourcen zu tun.

Wäre der Protest der Jugendlichen glaubwürdiger, wenn sie auf Konsumgüter verzichten würden?

Lena Kah: Ja, das wäre so. Und viele von uns tun es auch. Ich habe ein Smartphone. Man muss den Mehrwert betrachten. Wenn ich durch das Hilfsmittel Smartphone so viel bewegen kann, dann macht es das wieder wett. Das CO2, was ich dadurch verursache, spare ich durch meinen Einfluss auf andere wieder ein. Um den Klimawandel zu bewältigen, müssen wir alle etwas an unserem Lebensstil ändern. Andererseits ist es unmöglich, klimaneutral zu leben, weil die Rahmenbedingungen noch nicht geschaffen sind. Dafür zu sorgen, ist ganz klar Aufgabe der Politik.

Geht es schnell genug voran?

Simone Kah: Wir haben nicht genug Zeit und wir haben schon zu viel Zeit verloren. Das ist der Vorwurf an die Erwachsenen, den ich mir durchaus selbst machen muss, dass viele aus unserer Generation zu lange zu wenig getan haben.

Sind Sie wütend auf Ihre Eltern, dass sie nicht mehr unternommen haben, Lena?

Lena Kah: Persönlich nicht so, weil ich weiß, dass meine Eltern schon immer aktiv waren und bei sich selbst angefangen haben. Ich glaube auch, dass uns das in diesem Konflikt nicht weiterhilft. Wenn wir uns untereinander streiten, sind wir keine große Masse mehr, die etwas bewegen kann. Wir Minderjährigen sind darauf angewiesen, dass die Erwachsenen uns zuhören. Einen Generationenkonflikt gibt es nicht und den sollte es auch nicht geben.

„Die Demos sind gut für das Gemeinschaftsgefühl. Selbst, wenn nur 200 Leute da sind, hat man das Gefühl: Man ist nicht allein.“ (Simone Kah, 46)

Die Zeit der großen Massen-Demos scheint vorbei zu sein. Wie entwickelt sich der Protest weiter?

Lena Kah: Wir haben gemerkt, dass es nicht mehr so gut ankommt, wenn wir jede Woche auf die Straße gehen. Am Anfang war es gut, weil es sehr polarisiert hat und uns viel Aufmerksamkeit verschafft hat. Aber jetzt ist es nicht mehr die Aktionsform, die uns zukünftig viel Macht geben wird. Deshalb sind wir dabei, neue Aktionsformen zu entwickeln, etwa Kampagnen zu bestimmten Themen, wie zuletzt bei Siemens. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass einige Ortsgruppen auch sagen: Wir müssen radikaler werden, weil wir nicht gehört werden.

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Liegt darin eine Gefahr?

Lena Kah: Auf jeden Fall. Es ist ein sehr schmaler Grat. Wenn man zu radikal ist, verliert man die Unterstützung bestimmter Gruppen. Und das ist etwas, das Fridays For Future so stark macht: Dass wir Unterstützung aus sehr vielen verschiedenen Milieus haben.

Was entgegnen Sie Leuten, die sagen, Fridays For Future sei wegen seiner Kapitalismuskritik eine linksradikale Bewegung?

Lena Kah: Das ist ein sehr belasteter Begriff. Ich würde ihn nicht wählen, weil er bei vielen negative Assoziationen weckt. Ich kann an dem, was wir momentan tun, nichts Radikales erkennen. Für mich ist es ein Grundrecht, dass ich eine lebenswerte Zukunft haben möchte. Wenn es radikal ist, sich dafür einzusetzen, dann bin ich sehr gerne radikal.

Wie geht es mit Parents For Future weiter?

Simone Kah: Wir wollen stärker in die Lokalpolitik hineinwirken. Wir würden gerne über die Fraktionen einen Antrag in den Rat bringen, dass ein Klimabarometer eingerichtet wird. Das soll eine Website sein, wo die Maßnahmen zum Erreichen der Klimaschutzziele in Dortmund (Klimaneutralität bis 2040 und Reduzierung des CO2-Ausstoßes bis 2030 um 55 Prozent, Anmerkung der Redaktion) für alle Bürger verständlich aufgeführt sind und evaluiert werden. Wir werden weiter Demos machen. Sie sind gut für das Gemeinschaftsgefühl. Selbst, wenn nur 200 Leute da sind, hat man das Gefühl: Man ist nicht allein. Daraus kann man Kraft schöpfen.

Sehen Sie die Gefahr, dass sich das Thema abnutzt und wieder aus der Öffentlichkeit verschwindet?

Simone Kah: Das darf es nicht. Von selbst wird es nicht besser werden.

Lena Kah: Die Europawahl hat gezeigt, dass es erst der Anfang war, und dass wir weiter die Diskussion beeinflussen werden.

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