Wenn Patienten beim Arzt selbst zahlen sollen – Ärger um IGeL-Angebote

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Die kostenpflichtigen Gesundheitsleistungen namens IGeL verunsichern viele Dortmunder. Eine Dortmunderin berichtet vom Abbruch einer Behandlung, als sie die Zusatzleistung ablehnte.

Dortmund

, 20.11.2019, 08:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die meisten Dortmunder, die zum Arzt gehen, kommen seit Ende der 1990er-Jahre mit den „IGeL“ (Individuelle Gesundheitsleistungen) in Kontakt. Die professionelle Zahnreinigung gehört zum Besipiel dazu, das Belastungs-EKG, Augeninnendruckmessungen, verschiedene Untersuchungen zur Krebs-Früherkennung, Laboruntersuchungen wie die Bestimmung der Leberwerte - und mehrere hundert weitere Leistungen.

Es geht um alles, was nicht zum festgeschriebenen Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen gehört. Also um alles, was die Kassen nicht zahlen müssen, weil der medizinische Nutzen nicht eindeutig belegt ist. Es gibt kein standardisiertes Verfahren, nach dem IGeL-Leistungen bestimmt werden.

Bei der Patientenberatung gibt es viele Beschwerden und Nachfragen

Patienten wissen deshalb häufig nicht, wie sie mit den Angeboten umgehen sollen, die ihnen Ärzte und Praxisangestellte machen. In der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD) sind im vergangenen Jahr rund 1000 Fälle aufgelaufen, in denen es um rechtliche oder medizinische Fragen zu den Selbstzahlerleistungen ging.

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Besonders aufällig sind die Beschwerden bei bestimmten Fachgruppen. Die UPD nennt hier Augenärzte, Orthopäden, Hautärzte und Gynäkologen.

Oft geht es um Unsicherheiten wie die einer Dortmunderin, bei der durch eine wissenschaftlich nicht empfohlene Ultraschall-Untersuchung Veränderungen im Eierstock entdeckt wurden - und die nun nicht weiß, ob sie eine Operation vornehmen lassen soll. Aber häufig geht es auch um ein belastetes Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient.

In einzelnen Fällen lehnen Ärzte die Behandlung ab, wenn Patienten nicht zahlen wollen

Die hohe Zahl der Beschwerden weise auf eine problematische Entwicklung hin, so ein Sprecher der UPD. In einer Pressemitteilung bringt es der Patientenschutzverein auf den Punkt: „Die Spitze des Eisbergs: Ratsuchende beklagen, dass ihr Arzt die weitere Behandlung verweigerte, nachdem sie im Erstgespräch eine IGeL ablehnten.“

Mindestens ein solcher Fall ist auch aus einer Dortmunder Arztpraxis bekannt. Ein Kieferorthopäde soll laut einer Dortmunderin die Behandlung ihres Sohnes abgebrochen haben, nachdem sie eine bestimmte Leistung wegen medizinischer Bedenken abgelehnt hatte.

Erlaubt ist das nicht. Wegen einer nicht in Anspruch genommenen IGeL darf keine medizinisch notwendige Behandlung verweigert werden, betont Heike Morris, juristische Leiterin der UPD. „In einem solchen Fall sollten Patienten die Kassenärztliche Vereinigung oder die zuständige Ärztekammer informieren.“

Dortmunder Ärztesprecher: „Das aktive Verkaufen ist unglücklich“

Für Ärzte sind die Zusatzleistungen eine lukrative Einnahmequelle. Rund eine Milliarde Euro wird mit „IGeL“ in Deutschland pro Jahr bewegt.

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Das Beratungsgespräch gehört in vielen Praxen zum Standard. Dr. Prosper Rodewyk, Internist aus Dortmund, sagt als Bezirksstellenleiter der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL): „Es gibt immer schwarze Schafe. Aber das Gespräch mit dem Arzt über die Leistungen ist immer vorgeschrieben - und wird auch durchgeführt.“ Das Thema komme „alle paar Jahre“ wieder auf.

Der Arzt berichtet auch: Noch vor wenigen Jahren hätten Arztpraxen Schulungen angeboten bekommen. „Da sollten meine Mädels lernen, wie sie am besten Leistungen verkaufen“, sagt Prosper Rodewyk.

Er hält das für den falschen Weg: „Das aktive Verkaufen ist unglücklich. Aber es gibt Praxen, die leben davon und sagen, dass es ihr Stil ist.“

Fälle, dass Ärzte eine Behandlung ablehnen, sind dem KVWL-Bezirksstellenleiter nicht bekannt. Für den Fall der Fälle rät er: „Sie sollten immer der zuständigen Ärztekammer gemeldet werden.“

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