Wie das Projekt „Prejob“ jungen Obdachlosen zum Schulabschluss verhilft

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Für Patrizia (22) und Stefan (23) war Schule lange Zeit Nebensache – die beiden waren obdachlos. Nun schafften sie es durch ein ungewöhnliches Projekt, ihre Schulabschlüsse nachzuholen.

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, 15.08.2019, 20:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Immer mehr Jugendliche in NRW beenden ihre Schulzeit ohne einen Abschluss. Das sagt die aktuelle Statistik des Statistischen Landesamtes NRW. Im Sommer 2018 gingen 5539 Schüler ohne Abschluss von der Schule, im Vorjahr waren es 5077 – fast 500 weniger.

Für eine abgebrochene Schullaufbahn mag es diverse Ursachen geben. Bei Patrizia (22) und Stefan (23) war einer der Gründe die Obdachlosigkeit, die sie mittlerweile hinter sich lassen konnten. Beide haben sogar noch mehr erreichen können.

Eine Schule für junge Menschen von der Straße

Patrizia und Stefan haben ihre Schulabschlüsse bei „Prejob“ nachgeholt. „Prejob“ ist ein Projekt der Dortmunder Streetworker von „Off Road Kids“. Die Streetworker kümmern sich in ganz Deutschland um junge Menschen, die hauptsächlich zwischen 18 und 21 Jahre alt sind und ihren Lebensmittelpunkt auf der Straße haben. Im Jahr 2018 haben sie beispielsweise 169 jungen Dortmundern aus der Obdachlosigkeit geholfen.

Das Projekt „Prejob“ startete im November 2017 in Kooperation mit der Flex-Fernschule – die zum Beispiel Zirkuskinder beschulen. „Das sind einfach die Experten, wenn es um schwierige Schulsituationen geht“, erzählt der Sozialarbeiter Jens Elberfeld von den „Off Road Kids“.

Das Hauptaugenmerk der Projektarbeit liegt auf dem individuellem Lernen, so Elberfeld – ganz angepasst an den Lebensumständen der jungen Menschen. „Die meisten waren schon lange Zeit nicht mehr in der Schule“, erklärt Sozialarbeiter Timm Riesel. Bei „Prejob“ können Interessierte jederzeit anfangen, unabhängig von den üblichen Einschulungsterminen. Dazu kann man werktags von 9 bis 17 Uhr in den Räumen an der Kampstraße 36 vorbeikommen.

Es gibt keine festen Klassen, alle lernen für sich und im eigenen Tempo. Der Lernfortschritt wird individuell besprochen. Die Schüler werden beim Lernen von Lehramtsstudenten und Sozialarbeitern unterstützt. Sind die Schüler soweit, geht es zur Abschlussprüfung, die an externen Regelschulen abgelegt wird.

Aus der Obdachlosigkeit an die Schulbank

Nachdem es Patrizia durch die „Off Road Kids“ aus der Obdachlosigkeit in eine eigene Wohnung schaffte, konnte sie sich wieder auf die Schule konzentrieren. Das entspanntere Setting war für sie von Vorteil: „Ich habe eine Angststörung und bekomme öfter Panikattacken“, sagt sie. Besonders Bahn fahren bereite ihr Probleme. So komme es schon mal vor, dass sie manchmal aussteigen muss und lieber zu Fuß geht, wenn es ihr zu viel wird. „Zu spät kommen ist aber kein großes Problem“, sagt Patrizia. Im vergangenen Sommer holte sie ihren Hauptschulabschluss nach. Im Juli 2019 war der qualifizierte Hauptschulabschluss dran. Jetzt möchte Patrizia das Abitur nachholen.

Wie das Projekt „Prejob“ jungen Obdachlosen zum Schulabschluss verhilft

Patrizia konnte durch „Prejob“ ihren Hauptschulabschluss und ihren Realschulabschluss nachholen. © Off Road Kids

Auch Stefan kann erste Erfolge vorweisen: Im Juli holte er seinen Hauptschulabschluss nach. Zuvor lebte auch er lange Zeit auf der Straße, nachdem er von Zuhause rausflog. „Mein Ziel ist es, irgendwann zu studieren“, erzählt Stefan – das Ziel habe er auch schon auf der Straße gehabt, Psychologie soll es werden. Jetzt arbeitet er an seinem Realschulabschluss, er kommt seinem Ziel also Stück für Stück näher.

„Mir gefällt besonders, dass man hier mit allen Ecken und Kanten angenommen wird“, sagt er. Andere Schulformen habe er als zu „starr“ erlebt. Nun könne er sich langsam wieder an eine feste Tagesstruktur gewöhnen.

Bis 2020 läuft das Projekt „Prejob“ noch. Der Bedarf scheint da zu sein: Aktuell gibt es 20 Plätze, „Prejob“ ist aber bereits überbelegt und die Warteliste sei auch lang. „Wir wollen das Projekt noch weiter ausbauen, auf 50 Plätze“, sagt Riesel. Dafür muss aber die zukünftige Finanzierung geklärt werden – ein Platz bei „Prejob“ kostet nämlich rund 1000 Euro im Monat. Und das Projekt ist auf finanzielle Unterstützung angewiesen. Es wird zum Beispiel von der Skala-Initiative gefördert.

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