An den städtischen Gymnasien in Dortmund steigen die Schülerzahlen. Nur am 476 Jahre alten Stadtgymnasium brechen sie dramatisch ein. Das ist der Hintergrund – und so soll es besser werden.

Dortmund

, 12.06.2019, 11:30 Uhr / Lesedauer: 6 min

Als im vergangenen Jahr 475 Jahre Stadtgymnasium gefeiert wurde, kam zu dem Festakt Ministerpräsident Armin Laschet. 475 Jahre! Eines der ältesten Gymnasien Deutschlands zu sein, musste gefeiert werden. Im Jahr 2018 gab es diverse Veranstaltungen im Stadtgymnasium. Menschen kamen zu Besuch, die Schule fand in der Öffentlichkeit statt und die Lehrerin, die die Unterstufe koordiniert, wartete mit Vorfreude auf das Frühjahr 2019. „Ich dachte“, sagt sie, „wir könnten uns vor Anmeldungen von Neuschülern nicht retten.“

Ende März war Stichtag. Beim Stadtgymnasium stand die Zahl 40. 40 Schülerinnen oder Schüler oder deren Eltern hatten das Stadtgymnasium als weiterführende Schule für sich oder ihre Kinder ausgewählt. Ein Debakel. Nur 2,2 Prozent der rund 1800 Schüler, die nach den Sommerfreien in Dortmund auf ein Gymnasium wechseln werden.

2,2 Prozent freiwillig, 3,3 Prozent insgesamt

Wenn das Schuljahr Ende August beginnt, wird es ein wenig besser aussehen, es werden voraussichtlich 61 neue Schüler am Stadtgymnasium beginnen. Diese zusätzlichen 21 Schüler wurden an anderen Gymnasien angemeldet, dort aber nicht angenommen, da die Schulen voll waren. 3,3 Prozent. Das macht die Sache nicht besser.

Zum Vergleich: 180 Schüler starten am Gymnasium an der Schweizer Allee in Aplerbeck, 177 am Immanuel-Kant in Brechten. Und am Käthe-Kollwitz, das direkt neben dem Stadtgymnasium liegt, beginnen nach den Sommerferien 135 Schüler. Wie konnte das Stadtgymnasium in so einen Abwärtstrudel geraten?

„Bündel von komplexen Problemlagen“

An einem Freitag Ende Mai sitzen sieben Lehrer im Zimmer der Schulleiters an einem größeren Tisch. Sie bilden das sogenannte Leitungsteam der Schule. Der Schulleiter dieser Schule heißt Bernhard Koolen. Das erste, was er nach der Begrüßung sagt, ist, dass die niedrige Zahl der Anmeldungen „multikausal“ ist. Man stehe hier vor einem „Bündel von komplexen Problemlagen“.

Da hat Koolen nicht unrecht. In den nächsten anderthalb Stunden werden er und seine Kollegen über die Gründe sprechen, die aus ihrer Sicht das Stadtgymnasium an diesen Punkt gebracht haben, an dem es heute steht.

36 Prozent der Kinder und Jugendlichen gehen auf ein Gymnasium

In einem Büro im dritten Stock in einem Gebäude am Königswall arbeitet seit zwei Jahren Martina Raddatz-Nowack. Sie ist seit zehn Jahren Leiterin des Schulverwaltungsamtes. Wenn sie von ihrem Schreibtisch auf die gegenüberliegende Wand blickt, sieht sie eine Karte von Dortmund. Auf ihr sind die rund 160 Schulstandorte markiert. Wer ihr zuhört, wenn sie über die Schullandschaft spricht, bekommt den Eindruck, dass in Dortmund alles ziemlich gut läuft.

Raddatz-Nowack wiederholt oft das Wort „Verantwortungsgemeinschaft“, manchmal noch mit dem Adjektiv „funktionierend“ davor. Harmonisch laufe es in dieser Stadt ab, da gebe es in den Nachbarstädten andere Baustellen. Inhaltliche Fragen zum Stadtgymnasium könne sie aber nicht beantworten, nichts zu den inneren Angelegenheiten einer einzelnen Schule sagen.

Vielleicht kann sie nicht. Vielleicht will sie aber auch nicht. Denn eine Schule, die in der öffentlichen Wahrnehmung ein Problem bekommt, hat spätestens dann wirklich eins: Die Kriterien, nach denen Eltern die Schule auswählen, sind nicht immer klar erklärbar. Sicher sind nur zwei Dinge:

Einerseits streben die meisten Eltern den höchstmöglichen Schulabschluss für ihr Kind an. In Dortmund gehen inzwischen 36 Prozent der Kinder und Jugendlichen auf ein Gymnasium. Andererseits hat die Auswahl einer Schule auch viel mit dem zu tun, was Eltern sich so untereinander erzählen.

Es gibt, sagt die Schulverwaltungsamts-Chefin, viel Beeinflussung unter den Eltern. Und da entstünden, sagt Raddatz-Nowack, auch immer Probleme durch Kolportiertes, durch Hörensagen, durch Gerüchte.

Das Problem bei Gerüchten ist, dass sie sich inzwischen ja nicht mehr nur beim Friseur oder an der Fleischtheke erzählt werden. Sie stehen auch im Netz. Und das Internet vergisst kaum etwas.

Problemjahr 2012

Das Jahr 2012 war für das Stadt-Gymnasium, man kann das in der Rückschau so sagen, ziemlich problematisch. Hauptsächlich ausgelöst wurde das durch das Freizeitverhalten des Politiklehrers Daniel Krause.

Der homosexuelle Krause, damals Lehrer am Stadtgymnasium, besuchte am 9. Juni 2012 zunächst eine Tierrechtsveranstaltung. Dann ging er zu einer Demonstration von Pro NRW und äußerte sich dort sinngemäß so, dass er mehr Angst vor Islamisten als vor Rechtsextremisten habe. Krause kann das als Privatperson so sehen. Die Frage, die dann im Raum stand, war aber, ob er das als Lehrer, der einem Neutralitätsgebot untersteht, öffentlich äußern durfte.

„Nein“, befand der damals noch stellvertretende Schulleiter Koolen. „Wir prüfen das“, sagte dann die zuständige Bezirksregierung Arnsberg. Und verbot Krause bis zur Klärung seine Tätigkeit als Lehrer.

„Schwulenfeinliches Arschloch“

Die Sache beschäftigte letztlich Gerichte. Krause gewann, bekam seine Bezüge weiterhin und wurde in der Folgezeit, vielleicht trifft es das am ehesten, vom Politiklehrer zum politischen Aktivisten.

Er bezeichnete sich selber als linken, homosexuellen Grünenwähler und war damit natürlich ein gefundenes Fressen für rechte und neurechte Internetseiten und Blogs, die seine Geschichte aufgriffen und, wie es auf diesen Seiten üblich ist, in ihrem Sinne drehten: Seht her, sogar ein Linker steht auf unserer Seite.

Wer heute „Stadtgymnasium Dortmund“ googelt, wird schnell Überschriften finden wie: „Unterwerfung: Dieses Gymnasium schockt sogar Linksliberale.“ Oder auch: „Wie Schulleiter Bernhard Koolen Schutzbefohlene dreist bedrängte“.

Wieder woanders heißt es, das Stadtgymnasium ist die „wohl am meisten gehasste Schule im Ruhrgebiet“. Im Zentrum des Zorns steht aber der Schulleiter, der wahlweise als „schwulenfeindliches Arschloch“ oder als Mensch „mit einem zu naiven Verhältnis zum Islam“ tituliert wird. Solche Sachen kann man lesen, wenn man ein paaar Minuten googelt. Und wer googelt heute nicht?

„Mir geht sogar die Massentierhaltung emotional näher als Auschwitz“

Dass das Stadtgymnasium sich, wie viele andere Schulen auch, als Schule gegen Rassismus bezeichnet, verstärkt vermutlich den Furor, mit dem es bekämpft wird. Noch mehr aber sicher die Tatsache, dass es an der Schule einen gemeinsamen christlich-islamischen Religionsunterricht gibt.

Lehrer Krause unterrichtet inzwischen nicht mehr, dafür hat er einen eigenen, sehr umfangreichen Wikipedia-Eintrag. Darüber hinaus hat er Bücher veröffentlicht („Allahs ungeliebte Kinder – Lesben und Schwule im Islam“) und in einer Live-Radiosendung des WDR 2015 anlässlich der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz unter anderem folgenden Satz von sich gegeben: „Mir geht sogar die Massentierhaltung emotional näher als Auschwitz. Alle 20 Minuten sterben sechs Millionen Tiere, das geht mir emotional viel näher!“ Eine erstaunliche Einschätzung für einen Politiklehrer, auch wenn er sich als vegan bezeichnet.

Erfolglos interveniert

Schulleiter Koolen sagt, er habe sich wegen der im Netz aufgestellten Behauptungen erfolglos an Polizei und Staatsanwaltschaft gewandt. Mit den meisten Berichterstattungen müsse er als Person der Öffentlichkeit leben. Womit er oder die Schule juristisch nicht leben müssten, werde auf Servern gehostet, die im Ausland stünden und auf die der deutsche Rechtsstaat keinen Zugriff habe.

116 Schüler meldeteten sich für das Schuljahr 2011/2012 an, im Folgejahr waren es 94. In den darauffolgenden Jahren stiegen die Zahlen wieder leicht an, seit vier Jahren fallen sie deutlich.

Aber auch wenn die Angriffe und Diffamierungen aus der rechten und neurechten Ecke sehr schwer wiegen - sie sind wahrscheinlich nicht der alleinige Grund für den Einbruch.

Schulgebäude in schlechtem Zustand

Das Schulgebäude ist - dieses Schicksal hat es aber nicht exklusiv - nicht im repräsentativsten Zustand. Daran soll kurzfristig gearbeitet werden. Ebenso an der digitalen Ausstattung.

Die Tradition, die hier weit über 400 Jahre hochgehalten wurde, scheint jetzt mehr eine Idee von gestern als von morgen zu sein. Latein und Altgriechisch, das lockt nur noch sehr wenige an. Fünf bis sechs Schüler pro Jahr, heißt es aus dem Kollegium, kämen darum zum Stadtgymnasium.

Heute ziehen eher bilingualer Unterricht oder eine Spezialisierung auf Mint-Fächer, auf Hochbegabtenförderung oder was auch immer. Ein Alleinstellungsmerkmal, dass in die Zukunft weist. Und sich nicht nur aus der Vergangenheit speist.

Wer auf die Homepage der Schule schaut, findet dort viele Worte. Über Fairness oder Werte. Darüber, dass der Mensch in den Mittelpunkt zu stellen ist. Alles gute Worte, nur finden die sich so oder so ähnlich in vielen Schul-Leitbildern.

Also: Ein eigenes, echtes Profil?

„Das Orchester ist super“, sagt ein Lehrer.

„Da gehören wir zur Spitze“, sagt ein anderer.

Die Kooperation mit dem Theater ist dafür ruhig geworden. Und die Schülerzeitung – sie war mal preisgekrönt – ist de facto entschlafen.

Wandel ist schon schwer genug

Jetzt steht da eine traditionsreiche Schule, die sich, wenn man es von außen betrachtet, wandeln muss. Was schon schwer genug ist. Eine Schule, die sich, als die Zahlen schlechter wurden, der Nordtstadt öffnete und jetzt einen hohen Anteil an Schülern mit Migrationshintergrund hat. Die Schülerschaft hat sich geändert. Vielleicht ist das ja auch ein Grund, warum die alte, konservative Klientel ihre Kinder nicht mehr ans Stadt-Gymnasium schickt? „Wir haben“, sagt der Schulleiter, „eine entschieden pro-europäische Ausrichtung und wollen Vielfalt positiv besetzen. Das ist kein Mainstream.“ Nein, das ist, wenn man ins Internet schaut, aktuell eher ein Problem.

Schon einmal wurde eine andere Schule gedreht

61 Kinder im August. Eigentlich könnte das ja gut sein, wenn daraus drei Klassen gemacht würden. Doch die neue fünfte Stufe wird zweizügig. Das sei, so sagen sie in der Schule, Wunsch der Bezirksregierung. Machen sich die Lehrer Sorgen ob der Anmeldezahlen? Selbstverständlich, sagen sie, sie seien ja nicht naiv.

„Schulen“, sagt der stellvertretende Schulleiter Thomas Lohmeier dann aber auch, „scheitern, wenn sie scheitern, an der nicht vorhandenen Zusammenarbeit im Kollegium.“ Da mache er sich am Stadtgymnasium gar keine Sorgen. Die Leute, die an dieser Schule seien, seien zufrieden. Das müsse man nach außen tragen.

Macht sich die Schulamtsleiterein Sorgen ob der Anmeldezahlen?

Nein, sagt sie, aktuell nicht. Schülerzahlen unterlägen Schwankungen, und das Stadtgymnasium sei nicht die erste Schule in Dortmund, wo die Schülerzahl deutlich weniger wurde. Die Anne-Frank-Gesamtschule zum Beispiel. Heute, nach kräftigen Investitionen unter anderem ins Gebäude, steht die Schule wieder gut da. Auch ins Stadtgymnasium wird investiert. Die Frage ist, ob das dort genauso gehen wird? Denn das muss die Last der Tradition und den daraus resultierenden Wandel hinbekommen. Und mit dem Furor der Rechten umgehen.

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