Wilde Trauer auf dem Hauptfriedhof: „Ganz oft wird so ein Tod unterschätzt“

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Ein neues Phänomen ist auf dem Dortmunder Hauptfriedhof zu beobachten: eine wilde Form der Trauerkultur. Die Friedhofsverwaltung geht damit sensibel um - doch es gibt auch Grenzen.

Dortmund

, 20.07.2020, 16:56 Uhr / Lesedauer: 2 min

Plötzlich war es da: ein silbernes Metalleimerchen mit einer Pflanze und drei Holzherzen am Stiel. Es steht auf dem Hauptfriedhof, auf der Wiese etwas abseits vom Gedenkstein für anonym Beigesetzte. Neben dem Eimerchen liegt ein mittlerweile angegrautes Geflecht in Herzform, mittendrin ein paar Muscheln, ein weiteres rotes Metallherz und das Foto eines jungen Paares.

Hier wollte jemand seine Trauer mitteilen. Ganz für sich und nicht in dem Gedränge von ewigen Grablichtern, folierten Briefen und Gedichten, Kreuzen, Stofftieren, kleinen Steinputten und Blumen auf der Steinfläche rund um den Obelisken, die eigentlich für das Gedenken gedacht ist.

Mit dieser persönlichen Erinnerungsstätte fing alles an.

Mit dieser persönlichen Erinnerungsstätte fing alles an. © Kolle

Auf das Eimerchen folgten weitere wilde Trauerstätten, über die Wiese verteilt. Hier nur ein foliertes Foto mit der Aufschrift: „Mutti, wir werden dich nie vergessen“, gestützt auf ein ewiges Licht. Dort ein gerahmtes Bild, das von Mini-Zaunelementen und kleinen weißen Steinchen gesäumt ist. Vor dem Bild links und rechts zwei Kerzen, dazwischen eine steinerne Rose.

Rund jede dritte Bestattung ist anonym

Diese neue Form der Trauerkultur ist offensichtlich ein willkommenes Ventil für die Trauerarbeit derjenigen, die keinen Ort zum Trauern um ihre Lieben haben. „Da geht es um Gefühle“, sagt Ulrich Heynen, stellvertretender Leiter der städtischen Friedhöfe.

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Rund jede dritte Bestattung auf dem Hauptfriedhof erfolgt heute anonym, häufig auch, um die Hinterbliebenen nicht mit der Grabpflege zu belasten. Doch nicht jeder Hinterbliebene kommt damit zurecht, dass er keinen Ort zum Trauern hat. „Wir reden uns den Mund fusselig“, sagt Heynen, „wenn jemand tot ist, ist das noch lange nicht vorbei. Die Menschen brauchen eine Anlaufstelle.“

Ein weiteres Beispiel für eine wilde Trauerstätte.

Ein weiteres Beispiel für eine liebevoll gestaltete, wilde Trauerstätte. © Schaper

Wird in Dortmund jemand anonym bestattet, dann heißt das – im Gegensatz zu manchen anderen Städten – tatsächlich anonym. Im Nachhinein ist für Hinterbliebene nicht zu erfahren, wo der Verstorbene auf dem Hauptfriedhof liegt. „Ganz oft wird so ein Tod unterschätzt“, sagt Heynen.

Sichtbar gemachte Trauer

Insofern haben die illegalen Gedenkplätze eine wichtige Funktion für die Trauerarbeit, die innerliche Beruhigung und werden geduldet. Trauer will hier gezeigt, geteilt, gelebt und sichtbar gemacht werden.

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Weil es rund um den Obelisken schon seit Langem eng geworden ist mit den vielen Erinnerungsstücken, hat die Friedhofsverwaltung einige wenige Steinquader auf die Wiese gestellt. Darauf standen auch ganz schnell frisch bepflanzte Blumentöpfe oder -schalen wie die für Klaus, der am 21. September 2016 gestorben ist.

Der Gedenkstein ist bereits voll belegt. Drum herum wurden im Laufe der Zeit immer mehr wilde Trauerstätten geschaffen.

Der Gedenkstein ist bereits voll belegt. Drum herum wurden im Laufe der Zeit immer mehr wilde Trauerstätten geschaffen. © Schaper

Die Friedhofsverwaltung räume die wilden Gedenkstätten ab, wenn sie nicht mehr gut aussähen, erläutert Heynen, wenn etwa die Stofftierchen verrottet seien und das Ganze einem Müllplatz ähnle. „Für die Mitarbeiter ist das eine Gratwanderung.“

„Anpflanzungen wollen wir nicht“

Bisher habe sich bei der Friedhofsverwaltung noch niemand darüber beschwert, wenn sie eine wilde Trauerstätte habe abräumen lassen, berichtet der stellvertretende Leiter. „Unsere Leute erklären das auch, wenn mal nachgefragt wird.“

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Bei einer der jüngsten Trauerstätten ist allerdings jemand zu weit gegangen. Sie wurde auf der Wiese wie eine kreisrunde Grabstelle angelegt, das Rasengrün wie für eine Bepflanzung abgetragen. Heynen: „Das bauen wir ganz vorsichtig zurück. Anpflanzungen wollen wir nicht haben.“

Alternative zur anonymen Bestattung

Die Dortmunder Friedhöfe bieten auch pflegeleichte Gräber an, nur mit einer Platte und namentlicher Kennzeichnung. Wer einen anonym Bestatteten später umbetten will, muss das sehr gut begründen können, sagt Ulrich Heynen.
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