Katja Kortmann ist Direktorin des Familienhotels Esplanade am Burgwall. Noch bleiben viele Zimmer leer, aber die 36-Jährige ist optimistisch und setzt auf Qualität, neue Trends und neue Ideen. © Peter Wulle
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„Wir sind eine aussterbende Art“ – Neustart macht Hotel große Probleme

Die Hotelbranche wurde durch die Pandemie hart getroffen. Jetzt dürfen Gäste wieder kommen. Ein Besuch in einem Dortmunder Privathotel zeigt aber: der vermeintliche Neustart wird zur eigentlichen Herausforderung.

Etwas neidisch blickt Katja Kortmann in Städte wie Berlin, Hamburg, München oder in die deutschen Feriengebiete. Dort gibt es wieder Touristen – und damit Hotelübernachtungen. „Aber Dortmund ist kein Hamburg. Die Stadthotellerie läuft noch längst nicht“, sagt die Direktorin des Familienhotels Esplanade am Burgwall.

Geht man mit ihr durch das 97-Zimmer-Hotel, dessen Leitung die 36-Jährige unmittelbar zu Beginn der Corona-Pandemie im Februar 2020 von ihrem Vater übernommen hat, dann sind nach wie vor fast alle Zimmer leer.

Nach über sieben Monaten im Lockdown, in denen private Übernachtungen gar nicht erlaubt und Geschäftsreisende nicht unterwegs waren, hat sich nicht viel verändert. Große Messen, Tagungen und Konzerte gibt es noch nicht und auch BVB-Spiele mit über 80.000 Zuschauern sind nicht in Sicht.

Messe im Oktober: Firma hat Buchungen wieder storniert

Katja Kortmann schaut in ihre Buchungen. Zurzeit ist das Esplanade nur zu 25 Prozent ausgelastet. „Die Buchungen werden sowieso immer kurzfristiger. Im Moment leben wir von Woche zu Woche. Und der Herbst verspricht auch keinen großen Aufschwung. Alle sind total zögerlich. Gerade habe ich eine große Stornierung reinbekommen. Die Firma hat sich entschieden, 20 Mitarbeiter doch nicht zur Messe DKM zu schicken“, sagt Katja Kortmann.

Die Messe DKM gilt als Leitmesse für die Finanz- und Versicherungswirtschaft. Seit 1995 kamen dazu vor Corona jedes Jahr rund 20.000 Branchenvertreter in die Westfalenhallen. In diesem Jahr müssen sie nicht nach Dortmund kommen, die Messe findet hybrid statt – als Präsenzmesse, aber mit vielen digitalen Elementen.

Am Beispiel des Esplanade zeigt sich, was für die ganze Hotelbranche insgesamt gilt: der vermeintliche Neustart wird zur eigentlichen Herausforderung in der Corona-Pandemie. „Die Staatshilfen, ohne die ich kaum durch die Krise gekommen wäre, fallen jetzt weg, das Eigenkapital ist fast aufgebraucht – und die Gäste fehlen weiterhin“, sagt Katja Kortmann.

Fachkräfte aber, die andere Hotelbesitzer jetzt händeringend suchen, fehlen ihr nicht. Sie hat alle 30 Beschäftigten, die zum großen Teil seit Jahrzehnten im Esplanade arbeiten, halten können. Vor allem die Kurzarbeit, die noch bis zum Jahresende weiter angemeldet werden kann, soll das auch weiter ermöglichen. Dann aber muss das Hotel endlich wieder mal voll ausgelastet sein, wie es zuletzt im Februar 2020 der Fall war.

IHK-Umfrage zeigt Skepsis bei Gastronomen und Hoteliers

Laut einer Umfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Dortmund hat das Herunterfahren der Wirtschaft über viele Monate hinweg im Gastgewerbe und bei den Reiseunternehmen zu gravierenden Einbußen geführt. Gut zwei Drittel der Gastronomen und Hoteliers rechnet mit einer ungünstigen Geschäftsentwicklung auch für die kommenden sechs Monate. Knapp 30 Prozent der befragten Betriebe gehen von einer gleichbleibenden Geschäftslage aus.

In dieser Situation mehren sich Berichte, nach denen große ausländische Hotelketten derzeit nur auf den Ruin eines Hotelbetreibers warten, um angesichts des Niedrigzinses Kapital anzulegen und sein Haus aufzukaufen. „Ja, das gibt es, das ist kein Ammenmärchen. Ich hatte da auch schon eine Anfrage, aber ich lasse alle abblitzen“, sagt Katja Kortmann.

Aufzugeben kommt für sie nicht infrage. „Ich stecke nicht den Kopf in den Sand. Wir Privathotels sind eine aussterbende Art, aber ich glaube an die Privat-Hotellerie. Es wird ein Post-Individualismus kommen, bei dem die Menschen ein Wir-Gefühl und den Gemeinschaftsgedanken leben wollen. Die Gäste, die dann kommen, wollen es umso schöner haben“, so die Tourismus-Expertin.

Keine Preisschlacht mit den Low-Budget-Hotels

Fest steht für sie deshalb, dass sie sich auf eine Preisschlacht mit den Low-Budget-Hotels nicht einlassen wird. „Wir stellen das Persönliche in den Vordergrund und die Qualität. Und Qualität kostet“, sagt Katja Kortmann. Die Zimmerreinigung machen zum Beispiel festangestellte Mitarbeiterinnen, keine eingekauften Kräfte. Ein Doppelzimmer in dem Vier-Sterne-Hotel kostet pro Nacht etwa 90 Euro.

Katja Kortmann setzt neben dem familiären Ambiente und der Qualität für die nähere Zukunft vor allem auf zwei Entwicklungen: „Darauf, dass viele Unternehmen einen Weiterbildungsdruck haben und bald wieder Seminare und Tagungen veranstalten, und auf den Trend ‚Bleisure“, der Geschäft (Business) und Freizeit (Leisure) verbindet. Wer geschäftlich in Dortmund ist, verbindet das oft noch mit einem Wochenendaufenthalt mit der Familie oder dem Besuch eines BVB-Spiels.“

Noch mehr Hotels: „Wie soll das funktionieren?

Auch, wenn die Entwicklung des Hotelmarkts in Dortmund, der gerade noch um viele weitere Hotels wächst, etwas anderes denken lässt: zu wenig Gästebetten gibt es rein zahlenmäßig schon jetzt nicht.

„Dortmund hat über das gesamte Jahr eine Auslastung der Hotels von nur 65 Prozent. Da haben andere Städte mehr. In Essen beispielsweise ist die Auslastung um 10 Prozent höher, weil es dort viel mehr vor allem auch mehrtägige Messen und die Nähe zum Düsseldorfer Flughafen gibt.“

Mit den neuen Bettenkapazitäten etwa im Basecamp an der Kampstraße oder im Dortberghaus gegenüber vom Hauptbahnhof wird der Druck auf alle Hotelbetreiber in der Stadt größer. „Ich weiß nicht, wie das funktionieren soll“, sagt Katja Kortmann, „aber wir werden uns mutig, kreativ und mit voller Überzeugung positionieren.“

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Redaktion Dortmund
Nach mehreren Stationen in Redaktionen rund um Dortmund bin ich seit dem 1. Juni 2015 in der Stadtredaktion Dortmund tätig. Als gebürtigem Dortmunder liegt mir die Stadt am Herzen. Hier interessieren mich nicht nur der Fußball, sondern auch die Kultur und die Wirtschaft. Seit dem 1. April 2020 arbeite ich in der Stadtredaktion als Wirtschaftsredakteur. In meiner Freizeit treibe ich gern Sport: Laufen, Mountainbike-Fahren, Tischtennis, Badminton. Außerdem bin ich Jazz-Fan, höre aber gerne auch Rockmusik (Springsteen, Clapton, Santana etc.).
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