„Illegale“ Mieter leben weiter in Angst: „Wir werden behandelt wie Kriminelle“

hzGewerbegebiet Dorstfeld-West

Für die „illegalen“ Mieter aus Dorstfeld-West bleibt die Lage unsicher. Die Bewohner des Gewerbegebiets fühlen sich kriminalisiert und kritisieren die Stadt. So geht es weiter.

Dorstfeld

, 01.10.2019, 04:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Aufkleber auf mehreren Briefkästen an der Straße Iggelhorst im Industrie- und Gewerbegebiet Dorstfeld-West zeigen, dass noch ein Rest von Humor geblieben ist. „Die Illegalen – Dorstfeld-West“ ist vor mehreren Eingängen zu lesen. Dabei ist für diejenigen, die hier wohnen, eigentlich gerade gar nichts witzig. Sie sollen umziehen, weil sie am Rande des 122 Hektar großen Industrie- und Gewerbegebiets leben.

„Wir werden behandelt wie Kleinkriminelle. Die beschimpfen die Leute als illegal, die hier seit Jahrzehnten wohnen und diesen Stadtteil mit aufgebaut haben“, sagt ein Mann, der seit 50 Jahren im Gewerbegebiet lebt. Wie 300 andere Menschen in dieser Gegend hatte er nach eigener Aussage bisher nie Anlass zum Verdacht, dass er illegal hier wohnen würde.

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Anwohner sind erschüttert über das Verhalten der Stadt Dortmund

Das Verhalten städtischer Mitarbeiter gegenüber den Anwohnern habe viele erschüttert. „Es wurde uns lächelnd ins Gesicht gesagt, dass wir hier doch sowieso bald raus müssen.“ Die Stadt Dortmund teilt auf Anfrage mit, dass ihr solche Äußerungen nicht bekannt seien.

Ein Hauseigentümer berichtet außerdem von einer Begehung durch die Feuerwehr, die inszeniert gewirkt habe – und letztlich ohne Beanstandungen blieb. In Gesprächen mit Anwohnern fallen klare Worte. „Die zerstören hier das Leben verschiedener Leute, für die das hier teilweise die Altersversorgung ist“, sagt einer der Dorstfelder. „Das ist eine bittere Erfahrung.“

Eine Beschwerde über nächtlichen Lärm und Schüsse an einer türkischen Feierhalle an der Straße Iggelhorst hatte den Stein ins Rollen gebracht. Die Stadt Dortmund war daraufhin auf die in diesem Gebiet nicht erlaubte Wohnnutzung nach eigener Aussage erstmals aufmerksam geworden. Eigentümer und Mieter erhielten eine Ordnungsverfügung, nach der sie die Wohnungen räumen sollten. Andernfalls drohten 2000 Euro Strafe pro Bewohner. Eine Reihe von Mietern ist seit Mai bereits ausgezogen.

Das ist der Stand im Gerichtsverfahren über die Räumung der Wohnungen

15 Betroffene haben gegen die Ordnungsverfügung geklagt. Das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen hatte in einem Eilverfahren den Bewohnern recht gegeben und die Stadt aufgefordert, nachzuweisen, seit wann ihr die Wohnnutzung bekannt ist. Die Verwaltung wiederum hat beim OVG, der nächsthöheren Instanz, dagegen Beschwerde eingelegt.

Dr. Gudrun Dahme, Sprecherin des Oberverwaltungsgerichts NRW, erklärt das weitere Vorgehen: „Die Begründung der Beschwerde ist eingegangen. Nun hat die Gegenseite Gelegenheit zur Stellungnahme. Der genaue Zeitpunkt der Entscheidung ist noch nicht absehbar.“

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Den Gedanken ans Ausziehen haben viele Mieter schon im Hinterkopf

Unabhängig von der rechtlichen Lage: Die Bewohner von Dorstfeld-West befassen sich mit der Frage, ob ihr Leben an einem anderen Ort möglich wäre. Ob sie aus dem gewohnten und komfortablen Umfeld auf drei Zimmer in einem anderen Stadtteil umschalten könnten. Viele können sich das nicht ausmalen. Dass sie diesen Gedanken überhaupt zulassen müssen, empfinden viele der „Illegalen“ als „moralische Sauerei“.

Susanne Neuendorf vom Deutschen Mieterbund steht mit einigen Bewohnern in Kontakt und sieht „deutliche Fehler“ auf Seiten der Stadt. Sie wundert sich, dass es „nicht das geringste Bemühen“ gegeben habe, die rechtliche Unsicherheit durch Gespräche aufzulösen, sondern die Verwaltung sofort das Mittel des Drucks gewählt habe.

In eine ähnliche Kerbe schlägt der Dorstfelder SPD-Ratsvertreter Hans-Peter Balzer. „Es wäre möglich gewesen, Kompromisse zu finden. Jetzt ist der Scherbenhaufen da“, sagt er. Gerade angesichts der aktuellen Wohnungsnot in Dortmund, sei es problematisch, so mit Menschen umzugehen.

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