Wohnungsbrand: 15-Jähriger holt weinenden Jungen vom Balkon

hzMutiger Einsatz

Eigentlich wollte der 15-jährige Mert Can Özdemir aus Bochum nur seine Tante in Dortmund besuchen. Als in der gegenüberliegenden Wohnung ein Feuer ausbrach, reagierte er schnell und mutig.

Dorstfeld

, 10.10.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Ein wenig enttäuscht war Mert Can Özdemir, als er die Medienberichte über einen Wohnungsbrand am 1. Oktober las. Denn der mutige Einsatz des 15-jährigen Schülers aus Bochum findet darin keine Erwähnung.

„Ich möchte nicht falsch verstanden werden, ich mache niemandem einen Vorwurf“, sagt Mert Can Özdemir. Doch sein Vater sei so stolz auf ihn, und seine Mutter so in Angst um ihn gewesen, da würde er doch gerne seine Geschichte erzählen, sagt der Schüler im Gespräch mit dieser Redaktion.

„Plötzlich haben wir gegenüber ganz viel Rauch gesehen“

Der Wohnungsbrand ereignete sich am 1. Oktober in der Wohnung eines Mehrfamilienhauses an der Straße Fine Frau 89 in Dorstfeld. Laut Feuerwehr hat sich vermutlich Essen auf dem Herd entzündet. Eine Mieterin wurde dabei leicht verletzt.

Mert Can Özdemir kann sich noch gut an den Tag erinnern. „Meine Mutter und ich hatten meine Tante besucht, wir saßen alle auf ihrem Balkon. Plötzlich haben wir gegenüber ganz viel Rauch gesehen“, erzählt der Bochumer.

Auf dem Balkon einer benachbarten Wohnung habe ein kleiner Junge gestanden und laut geschrien. „Wir haben die Feuerwehr angerufen, dann sind wir alle zusammen sofort losgelaufen, meine Mutter, meine Tante und ich“, erzählt Mert Can Özdemir. Er sei dann auf den Balkon im ersten Obergeschoss geklettert, um das Kind zu beruhigen. „Es schrie: ‚Meine Mama ist da noch drin.‘“

Also habe er den Jungen über die Brüstung seiner Mutter gereicht, sich wegen des vielen Rauchs den Pullover über den Kopf gezogen und in die Wohnung begeben. Die Mutter des Jungen habe er im Badezimmer gefunden, mit einer „brennenden Plastikschale oder was ähnlichem.“ Mit dem Duschkopf hätten sie das kleine Feuer gelöscht.

„Ich habe die Mutter, die wohl unter Schock stand, zur Wohnungstür geführt und bin dann nochmal rein und habe in allen Zimmern die Fenster aufgerissen“, berichtet Mert Can Özdemir. Seine eigene Mutter und seine Tante hätten währenddessen überall geklingelt, um die anderen Bewohner zu warnen. Aufgrund des sich ausbreitenden Rauchs seien dort die Rauchmelder ausgelöst worden.

„Ich hatte großen Angst um meinen Sohn“

„Ich hatte großen Angst um meinen Sohn, weil er so lange drinnen war. Ich konnte ja nur von draußen zugucken, und mehr als Rauch habe ich nicht gesehen“, erzählt Mert Cans Mutter, Coskun Özdemir.

Er habe einfach nicht anders handeln können, sagt ihr Sohn. „Da muss man jetzt schnell agieren, mehr habe ich eigentlich nicht gedacht.“ Ruhe und einen kühlen Kopf zu bewahren, „das habe ich von meinem Vater“.

Auch seine Tante Alev Teyze Memiz (46) war in großer Sorge um ihren Neffen. „Ich bin aber auch sehr stolz auf ihn. Oft schauen die Leute weg, statt zu helfen.“ Flammen seien keine zu sehen gewesen, sonst hätten sie ihren Neffen davon abgehalten, in die Wohnung vorzudringen „Das Kind hat so herzzerreißend geweint, da mussten wir einfach helfen“, so die zweifache Mutter.

Die Feuerwehr appelliert, bei einem Brand sofort einen Notruf abzusetzen und auf das Eintreffen der Rettungskräfte zu warten. Wer sich in eine brennende Wohnung begibt, setzt sich einer großen Gefahr aus. (Symbolbild)

Die Feuerwehr appelliert, bei einem Brand sofort einen Notruf abzusetzen und auf das Eintreffen der Rettungskräfte zu warten. Wer sich in eine brennende Wohnung begibt, setzt sich einer großen Gefahr aus. (Symbolbild) © picture alliance / dpa

Und was sagt die Feuerwehr zum mutigen Einsatz des 15-Jährigen? Generell, sagt Feuerwehr-Sprecher Andreas Pisarski auf Anfrage, sei es nicht ratsam, eine qualmende oder gar brennende Wohnung zu betreten. „Rauch ist immer gefährlich. Auch anhand der Brandfarbe kann man nicht wissen, welchen Giftstoffen man sich aussetzt.“

Grundsätzlich befinde sich in jedem Brandrauch Kohlenmonoxid. „Es besteht die Gefahr, dass man schon nach wenigen Atemzügen bewusstlos und ein zusätzliches Opfer wird“, so der Feuerwehr-Sprecher. Die gute Absicht des Jungen solle das aber nicht schmälern.

„Es ist immer gut, von außen einzuwirken“

In zwei Punkten war das Verhalten von Mert Can Özdemir, seiner Mutter und Tante laut Feuerwehr aber vorbildlich: Dass sie den weinenden Jungen vom Balkon geholt und die anderen Bewohner durch das Schellen gewarnt haben. „Es ist immer gut, von außen einzuwirken, etwa Betroffene zu beruhigen“, so der Feuerwehr-Sprecher.

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