Zahl der Selbstständigen in Dortmund liegt deutlich unterm Landesschnitt

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Dortmund liegt in Sachen Selbstständigkeit NRW-weit im unteren Drittel - und nur knapp über den Schlusslichtern. Das hat diverse Gründe - und führt zu Problemen.

Dortmund

, 27.12.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Offenbar haben Dortmunder wenig Mut, sich beruflich auf eigene Füße zu stellen. Die meisten ziehen eine Festanstellung vor. Nach einer Untersuchung des Statistischen Landesamtes (IT.NRW) sind nur 7,5 Prozent der 25- bis 64-Jährigen selbstständig; rund 18.000 von insgesamt 244.000 Erwerbstätigen in dem Alter.

Damit liegt Dortmund unter der NRW-weiten Selbständigenquote von 8,8 Prozent. Platz eins belegt Solingen (12,5 Prozent). Die Schlusslichter bilden Duisburg (6,0 Prozent) sowie der Kreis Unna und der Märkische Kreis (je 6,6 Prozent).

Ulf Wollrath, Geschäftsführer für den Bereich Handel, Dienstleistungen und Gründungen bei der Dortmunder Industrie- und Handelskammer (IHK), ahnt die Gründe für die geringe Quote. Er begründet sie mit der Tradition.

Vergangenheit hat Auswirkungen auf die Gegenwart

Es gebe zwar keine wissenschaftlichen Erhebungen. Eine wichtige Rolle aber spiele die Montanvergangenheit der Stadt. Stahlwerke, Zechen und Brauereien hätten Abertausenden von Menschen über Jahrzehnte Arbeit und Auskommen gegeben.

Von daher sei die Gründungsneigung wenig ausgeprägt gewesen. „Wenn es genügend Arbeitsplätze gibt“, sagt Wollrath, „gehen die Leute nicht ins Risiko einer Selbstständigkeit.“ Das betreffe den bundesweiten Arbeitsmarkt, nicht nur den lokalen. Er ändere sich nur langsam.

Bei Familie Henke liegt die Selbständigkeit im Blut

Nach Angaben des Bonner Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) gab es 2017 insgesamt 3280 Existenzgründungen in Dortmund. 2380 machten sich mit einem Gewerbe selbständig, vom Bäcker bis zum Kfz-Mechaniker, vom IT-Spezilalisten bis zum Experten für Digitalisierung.

Weitere 900 gingen in die sogenannten Freien Berufe wie Ärzte, Rechtsanwälte, Architekten. Zahlen, wie viele Newcomer später wieder vom Markt verschwanden, hat das IfM für Dortmund nicht.

Bundesweit ist die Lust, sein eigener Chef zu werden, 2018 spürbar gesunken. Laut IfM gab es 367.000 Existenzgründer im gewerblichen und freiberuflichen Bereich. Das sind 14.000 weniger (minus 3,6 Prozent) als im Vorjahr. Damit sei das Gründungsgeschehen in "nahezu allen Bundesländern rückläufig", meldet das Instiut. Ausnahmen seien die Region um Berlin und einzelne norddeutsche Bundesländer.

Zahl der Selbstständigen in Dortmund liegt deutlich unterm Landesschnitt

Jenny Henke ist vorgeprägt durch die Selbstständigkeit des Vaters und ihrer Großeltern. © Beushausen

Jenny Henke jedenfalls hat den Sprung geschafft. Seit Mai 2019 führt sie die Hundeboutique „Stilpfote“ an der Hörder Bahnhofstraße. Die Geschäftsfrau hatte in der Touristikbranche gearbeitet, bevor sie in das Geschäft ihres Vaters einstieg, der mit Registrier- und Computerkassen handelt.

Gute Voraussetzung für Selbstständigkeit

„Ich war unter anderem für die Buchführung zuständig“, sagt sie – keine schlechte Voraussetzung fürs eigene Geschäft. Eigentlich liege der Familie die Selbstständigkeit im Blut. „Mein Opa hatte eine Gastronomie und mehrere Supermärkte“, erinnert sie sich, „und meine Oma führte einen Tante-Emma-Laden in Somborn.“

Ganz klar hat die Geschäftsgründung auch mit ihrer Liebe zu Hunden zu tun. Bereut hat sie es nicht. „Wenn man das erste Mal die Bestellungen durchgeht und die Kunden kommen, fängt der Spaß an“, sagt sie.

Von der 15 Prozent-Marke ist Dortmund noch weit entfernt

Dass sich Selbständigkeit nicht verordnen lässt, weiß auch Robert Litschke, Sprecher der Wirtschaftsförderung. Mit dem dortmund-project 2005 waren nach dem Ende der Stahlära Hoffnungen verbunden, die Selbständigenquote möge auf rund 15 Prozent steigen. Das hat nicht funktioniert.

Stattdessen seien in den vergangenen zehn Jahren knapp 45.000 neue, sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze entstanden. „Eine derart starke Dynamik beim Arbeitsplatzaufbau hat automatisch Auswirkungen auf die Quote der Selbstständigen“, sagt auch Litschke.

Entwicklung zieht Probleme nach sich

Die Gründungsbereitschaft sei in guten konjunkturellen Lagen weniger ausgeprägt. Eine Entwicklung, die Probleme schafft. Etwa bei der Unternehmensnachfolge, wie IHK-Experte Wollrath sagt: „Wir haben mehr übergabewillige Unternehmer als Interessenten.“

Die Stadt ist seit Jahren bemüht, mehr Dortmundern den Weg zum eigenen Unternehmen zu ebnen. Mit dem Gründungswettbewerb start2grow beispielsweise bereitet die Wirtschaftsförderung den Newcomern eine erste, größere Bühne.

Seit 2001 gab es in Dortmund 41 solcher Wettbewerbe mit 8684 Teams und 13.085 Teilnehmern. Sie bekommen Hilfe beim Erstellen des Businessplans und werden mitunter bis in die Selbständigkeit begleitet. Zahlen, wie viele sich auf Dauer im Markt behaupten, gibt es nicht.

Eine Mikro-Dampfturbine als Geschäftsidee

Auch Martin Daft ist der Schritt in die Selbständigkeit gelungen. Der 35-jährige Wirtschaftswissenschaftler ist einer der Gründer der Turbonik GmbH. Das 2017 aus der Taufe gehobene Unternehmen auf Phoenix-West hat eine Mikro-Dampfturbine entwickelt, die die Eigenstromerzeugung für kleine Unternehmen und Anlagen profitabel macht.

Zahl der Selbstständigen in Dortmund liegt deutlich unterm Landesschnitt

Martin Daft ist einer von drei Gründern der Turbonik GmbH auf Phoenix-West. Mit seinem Businessplan konnte er bei start2grow überzeugen. © Beushausen

Turbonik ist eine Ausgründung des Fraunhofer Institutes in Oberhausen, wurde als Forschungsprojekt unterstützt vom Bundeswirtschaftsministerium und konnte bei start2grow überzeugen. „Wir wollten ein marktfähiges Produkt zur Vermeidung von CO2-Ausstoß entwickeln“, sagt Daft.

Die ersten drei Mitarbeiter sind eingestellt. Adressaten für Turbonik GmbH sind beispielsweise Molkereien und Brauereien. Daft ist kein „Notgründer“ oder "Solo-Selbständier", der mangels Alternative sein Heil in der Existenzgründung sucht. Er hat eine Marktlücke entdeckt. So wie Jenny Henke mit ihrer Hundeboutique.

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