Zeche Zollern: Virtual Reality lässt den Bergbau wieder lebendig werden (mit Video)

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Dreckig und düster – so stellt man sich gemeinhin Industrieanlagen vor. Besucher erleben da aber im LWL-Industriemuseum Zeche Zollern in Bövinghausen ihr blaues - oder besser: goldenes - Wunder.

Dortmund

, 30.07.2020, 11:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Das „Schloss der Arbeit“ wird die Museumszeche Zollern in Bövinghausen genannt. Denn die Jugendstil-Bauten erinnern eher an ein Schloss. Kaum zu glauben, dass hier bis vor gut 50 Jahren noch Bergbau betrieben wurde.

Jetzt beherbergen die alten Zechengebäude, die zwischenzeitlich sogar vom Abriss bedroht waren, die Zentrale des Industriemuseums des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) – und ein ganz besonderes Bergbau-Museum. Und das hat unter mehreren Gesichtspunkten viel zu bieten – für Architektur-Fans und Technik-Interessierte ebenso wie für Familien mit Kindern.

Industrie-Architektur im Jugendstil

Architektur-Fans können sich für die besondere Gestaltung der Gebäude begeistern. Weil der Gelsenkirchener Bergwerksverein mit dem 1898 in Auftrag gegebenen Bau der Zeche zum größten Bergbauunternehmen an der Ruhr aufstieg, wurde die Anlage besonders repräsentativ nach Plänen des Architekten Paul Knobbe im Stil des Historismus gebaut. Sie sollte eine Musterzeche sein.

Prunkstück ist die von dem Berliner Jugendstil-Architekten Bruno Möhring entworfene Maschinenhalle, die 1969 als erstes Industrierelikt in Deutschland unter Denkmalschutz gestellt wurde und sogar schon Briefmarken-Motiv war. Erst vor wenigen Jahren ist sie für gut 8 Millionen Euro aufwändig saniert worden.

Die Maschinenhalle ist das architektonische Prunkstück des Industriemuseums. Der Förderturm kann coronabedingt zurzeit nicht bestiegen werden.

Die Maschinenhalle ist das architektonische Prunkstück des Industriemuseums. Der Förderturm kann coronabedingt zurzeit nicht bestiegen werden. © Dieter Menne

Hier freuen sich dann auch die Technik-Fans. Denn Zollern war die erste vollelektrifizierte Zeche Deutschlands. Und das technische Herz schlägt in der Maschinenhalle mit ihrer eindrucksvollen Schalttafel aus Marmor und der ersten elektrischen Fördermaschine. Die wird an den Wochenenden sogar noch regelmäßig bei öffentlichen Vorführungen in Gang gesetzt.

Nach umfangreicher Restaurierung erstrahlt die historische Maschinenhalle von Zeche Zollern in neuem Glanz.

Nach umfangreicher Restaurierung erstrahlt die historische Maschinenhalle von Zeche Zollern in neuem Glanz. © Dieter Menne

Ebenso wie die alte Dampflok Anna, die bei besonderen Gelegenheit noch einmal über das Zechengelände schnauft.

Franz zeigt den Bergarbeiter-Alltag

Wer sich für die Bergbau-Geschichte selbst begeistert, schlägt am besten den Weg durch die Dauerausstellung ein. Sie erzählt am Beispiel der Zeche Zollern und ihrer Beschäftigten die Sozialgeschichte des Bergbaus – und das sehr kindgerecht.

Dafür sorgt Comicfigur Franz, der mit mannshohen Aufstellern und auf Schildern den roten Faden beim Rundgang über das Zechengelände bildet. Er stellt einen Bergbaulehrling dar, der von seinen Anfängen auf der Zeche berichtet.

Berglehrling Franz zeigt die Geschichte des Arbeitsalltags auf der Zeche und in der benachbarten Siedlung.

Berglehrling Franz zeigt die Geschichte des Arbeitsalltags auf der Zeche und in der benachbarten Siedlung. © Stephan Schütze

In der früheren Waschkaue gibt es Einblick in Lehre und Arbeitsalltag auf der Zeche, aber auch ins Freizeitleben der Bergleute in den 1950er Jahren – zu den Hochzeiten des Zechenbetriebs: von Fußball über Brieftauben bis Kino.

Führungen für kleine Bergleute

Nicht fehlen dürfen natürlich die Drahtkörbe hoch oben an der Decke, in denen die Bergleute ihre Kleidung aufbewahren und lüften konnten. Der Zugang ist hier zwar abgesperrt. Bei Führungen dürfen sich Kinder hier aber sogar in kleine Bergleute verwandeln und entsprechend „verkleiden“.

Welche Bedeutung das Licht für Bergleute hatte, wird in einem nachgebauten Stollen eindrucksvoll vor Augen geführt.

Welche Bedeutung das Licht für Bergleute hatte, wird in einem nachgebauten Stollen eindrucksvoll vor Augen geführt. © Stephan Schütze

Weiter geht es über die Lampenstube und einen nachgebauten Stollen in den Keller, wo die Gefahren des Bergbaus vor Augen geführt werden. Denn in der Tat war der Alltag für die Kumpel nicht golden, sondern mit Dreck und harter Arbeit verbunden – auch auf einer Zeche, die wie ein Schloss gestaltet ist.

Virtuelle Erlebniswelt im Stollen

Das wird besonders in der neuesten Attraktion des Museums spürbar: dem „Montanium“. Im früheren Lehrstollen der Zeche Westerholt kann man die Arbeitsbedingungen der Bergleute dank moderner virtueller Technik mit audiovisuellen Effekten nachempfinden – mit Enge, Dunkelheit und Lärm.

Bei regelmäßigen Führungen können Besucher das „Montanium“ mit einer virtuellen Bergbau-Erlebniswelt erkunden.

Bei regelmäßigen Führungen können Besucher das „Montanium“ mit einer virtuellen Bergbau-Erlebniswelt erkunden. © Stephan Schütze

Gebückt oder hockend unter den Hydraulikschilden erleben die Besucher so einen Kohlehobel, der als Lichtprojektion an einem imaginären Flöz entlangfährt, begleitet von lauten Geräuschen bis zum Einstürzen des Deckgebirges hinter dem Schild.

Größte Exponate sind die funktionstüchtigen Hydraulik-Schilde, mit denen unter Tage das Deckgebirge im Streb abgestützt wurde und die dann nach und nach mit dem Fortschreiten des Kohleabbaus versetzt wurden. Im „Montanium“ sind sie wieder in Aktion zu bewundern.

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Anfassen ist erlaubt

Besucher dürfen und sollen aber auch selbst anfassen. An mehreren Experimentierstationen können sie physikalische Effekte erkunden, die unter Tage eine Rolle gespielt haben. So kann man selbst testen, dass Eisenträger stabiler als Holz sind.

Gut eine Stunde dauern die Führungen durch die nachgebildete Untertage-Welt für Kleingruppen mit bis zu sechs Personen, die täglich um 13 und 16 Uhr stattfinden und für die zusätzlich zum Museumseintritt 2 Euro zu zahlen sind.

Kohle in der Schachthalle

Dann fehlt nur noch die Kohle. Die gibt es in der Schachthalle unter einem der beiden Fördertürme. Hier wird anschaulich gezeigt, wie die Kohle mit Förderkörben in Loren zutage gefördert wurde. Und man darf das „schwarze Gold“ in den Loren natürlich auch anfassen.

Echte Kohle gibt es auf der Zeche Zollern natürlich auch zu sehen und zu spüren - sehr zur Freude etwa der Kinder, die sich bei Führungen in kleine Bergleute verwandeln können.

Echte Kohle gibt es auf der Zeche Zollern natürlich auch zu sehen und zu spüren - sehr zur Freude etwa der Kinder, die sich bei Führungen in kleine Bergleute verwandeln können. © Stephan Schütze

Nicht erlaubt ist zurzeit das Erklimmen des Förderturms, von dem man eine tolle Aussicht auf das Ruhrgebiet zwischen Dortmund, Bochum und Castrop-Rauxel hat: Coronabedingt ist der Aufgang gesperrt. Denn die Treppen sind zu eng, um den nötigen Sicherheitsabstand einhalten zu können.

Das ist aber auch eine der wenigen Einschränkungen für den Museumsbesuch in der Corona-Zeit. Natürlich gilt in den Gebäuden Maskenpflicht. Auf dem Außengelände ist sie dagegen aufgehoben, wenn man die Sicherheitsabstände einhält – bis hin zum Spielplatz neben dem „Pferdestall“, der Gastronomie auf Zeche Zollern, in der man sich von den vielen Eindrücken im Museum erholen kann.

Wichtige Infos

  • Das LWL-Industriemuseum Zeche Zollern liegt am Grubenweg 5 in Dortmund-Bövinghausen, Tel.: 0231 6961-111.
  • Geöffnet hat das Museum von Dienstag bis Sonntag sowie an Feiertagen von 10 bis 18 Uhr, letzter Einlass: 17.30 Uhr.
  • Der Eintritt kostet für Erwachsene 5 Euro (ermäßigt 2,50 Euro), Kinder, Jugendliche, Schülerinnen und Schüler haben freien Eintritt.
  • Dazu kommen ggf. 2 Euro für Erwachsene für Führungen im „Montanium“, täglich um 13 und 16 Uhr möglich für maximal 6 Personen.
  • Regelmäßig gibt es Sonderausstellungen, aktuell unter dem Titel „Revierfolklore - Zwischen Heimatstolz und Kommerz“ (bis 25.10.2020).
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