Zuhause am Borsigplatz: Hannelore Spigarski lebt seit 81 Jahren in der Wiege des BVB

hz110 Jahre BVB

Seit 81 Jahren lebt Hannelore Spigarski am Borsigplatz. 51 Jahre lang hat sie dort gearbeitet und mit dem BVB gefeiert. Doch zeitweise hatte sie mit der „Wiege der Borussia“ ein Problem.

Dortmund

, 19.12.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Hannelore Spigarskis Augen strahlen. Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht. „Da war das Tanzlokal Concordia, was war das schön da.“ Erinnerung an die 50er/60er-Jahre. Das „Türmchen-Haus“ ist das markanteste Gebäude am Borsigplatz, dem Geburtsort des BVB.

Einen Steinwurf entfernt liegen das ehemalige Lokal „Zum Wildschütz“, der Geburtsort der Borussia, Hannelore Spigarskis Elternhaus und die Dreifaltigkeitskirche. Ein Bummel durchs Quartier: „Dort war ein Blumenladen“, sagt sie . Und ein paar Meter weiter: „Hier eine Bäckerei, dort ein Schuhgeschäft“. Müll liegt auf einer Baumscheibe. „Muss das denn sein?“ Darüber ärgert sich die 81-Jährige.

Hannelore Spigarskis Herz schlägt schwarz-gelb. Die 81-Jährige engagiert sich in der BVB-Kirche der Dreifaltigkeitsgemeinde.

Hannelore Spigarskis Herz schlägt schwarz-gelb. Die 81-Jährige engagiert sich in der BVB-Kirche der Dreifaltigkeitsgemeinde. © Uwe von Schirp

Eine Postbotin nähert sich mit ihrem vollbepackten Rad von hinten. „Wenn ich euch nicht platt machen soll, geht zur Seite“, ruft sie. Lachen. Ein kurzer Dialog. Man kennt sich. Man duzt sich. Von der Anonymität einer Großstadt keine Spur: Rund um den Borsigplatz ticken die Uhren noch ein wenig anders.

Ihre Wiege stand an der Enscheder Straße

Hannelore Spigarskis Wiege stand im Viertel. „Ich wäre fast vor der Albertus-Magnus-Kirche zu Welt gekommen“, erzählt sie. Das war an der Enscheder Straße, südwestlich des Borsigplatzes. Im Vinzenzheim an der Oesterholzstraße machte sie ihre Ausbildung zur Hauswirtschafterin und arbeitete hier 51 Jahre lang.

Hannelore Spigarski blieb ihrem Viertel, ihrem Arbeitgeber und auch ihrer Kirche treu. Und um bei den Wiegen zu bleiben, ist ihre heutige kirchliche Heimat die „Wiege des BVB“. Die Dreifaltigkeitskirche an der Flurstraße. Hier gab es eine Jünglingssodalität, aus der heraus 18 junge Männer am 19. Dezember 1909 den BVB gründeten.

Verbindet man die Kirche mit Spigarskis Elternhaus, liegt der Borsigplatz genau in der Mitte dazwischen. „Hannelore Spigarski ist die gute Seele der Gemeinde.“ Das sagt Gemeindereferent und Fan-Seelsorger Karsten Haug.

In der Dreifaltigkeitskirche engagiert sich Hannelore Spigarski ehrenamtlich.

In der Dreifaltigkeitskirche engagiert sich Hannelore Spigarski ehrenamtlich. © Uwe von Schirp

Kaffeekochen für Gruppen in der Fankirche, das monatliche Gemeindefrühstück, der Sommergarten – ein offener Treff für BVB-Fans, Gemeindemitglieder und Bewohner des Viertels: Die agile Seniorin engagiert sich. „Frau Spigarski verkauft die Brezeln beim schwarz-gelben Martinszug“, erzählt Haug, „und nach dem ökumenischen BVB-Gottesdienst am Donnerstag Pils“.

Ein Hirte schwenkt die BVB-Fahne

Hannelore Spigarski und Karsten Haug stehen im Kirchenschiff. Zur Feier des Tages tragen sie schwarz-gelbe Schals. Die Tannenbäume vor dem Altarraum strahlen bereits im Lichterglanz. Hirten und Schafe erwarten ihren weihnachtlichen Einsatz. Ein Hirte schwenkt eine BVB-Fahne.

Die Hirten in der vorweihnachtlichen Szenerie der Dreifaltigkeitskirche: Die BVB-Fahne ist hier kein Tabubruch.

Die Hirten in der vorweihnachtlichen Szenerie der Dreifaltigkeitskirche: Die BVB-Fahne ist hier kein Tabubruch. © Uwe von Schirp

Was andernorts als Tabubruch gälte, ist in der Dreifaltigkeitskirche üblich. Knapp 2000 Katholiken leben rund um den Borsigplatz. Zum wöchentlichen Gemeindegottesdienst kommen wenige, feiern die Messe im Altarraum.

Seit elf Jahren ist die Dreifaltigkeitskirche eine BVB-Kirche. Große Tafeln erinnern an die Wurzeln des Vereins. Eine Monstranz und Kelche aus der Gründerzeit glänzen in Vitrinen. Auf einem Tisch steht ein BVB-Engel. Karsten Haug zündet eine Kerze an – so wie es viele Fans vor Heimspielen tun, wenn die Kirche für 90 Minuten offen steht.

„Den BVB gabs nur in Kneipen oder zuhause“

„Borussia in der Kirche war am Anfang für mich sehr schwierig“, sagt Hannelore Spigarski. „Wie kann man eine Ausstellung in eine Kirche bauen? Den BVB gab es nur in Kneipen. Oder bei uns zuhause. Da saßen jeden Samstag 15 Leute.“ Es klingt fast ein wenig entschuldigend: „Wir sind so erzogen worden. Meine Oma und Opa hätten die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen.“

Gemeindereferent und Fan-Seelsorger Karsten Haug zündet neben dem BVB-Engel eine Kerze an.

Gemeindereferent und Fan-Seelsorger Karsten Haug zündet neben dem BVB-Engel eine Kerze an. © Uwe von Schirp

Karsten Haug schmunzelt. „Es war eine Fügung, dass jemand vom Verein bei uns angerufen hat.“ Das war vor mehr als zehn Jahren, in Vorbereitung des 100-jährigen Bestehens: Borussia forschte an ihren Wurzeln.

Heute ist die BVB-Kirche etabliert, ein Fixpunkt im Viertel. Führungen durch das Quartier machen hier Station. Es gibt Workshops zum Thema „Fußball und Glaube“. Fans lassen sich hier trauen und ihre Kinder taufen. Haug bietet seelsorgerische Gespräche an.

Spieler haben aus dem Zug gewunken

81 Lebensjahre in der Wiege des BVB: 1956, die erste Meisterschaft. „Wir haben Fähnchen aus Stoff geschnitten und aus dem Fenster gehängt“, erzählt Hannelore Spigarski. „Und wir haben gewinkt, als die Mannschaft vorbei fuhr.“ Das war allerdings kein Corso.

Die Meistermannschaft um Helmut Bracht, Adi Preißler und Max Michallek kam aus Berlin und hatte 4:2 gegen den Karlsruher SC gewonnen. „Sie haben aus dem Zugfenster gewinkt, als sie über die Brücke an der Oesterholzstraße fuhren.“ Unten standen die freudentrunkenen Bewohner des Borsigplatz-Quartiers.

„Besoffensein gehört sich auch so“

Natürlich hat Hannelore Spigarski auch bei jüngeren Erfolge auf dem Borsigplatz mitgefeiert. 2012, Meisterschaft und Pokalsieg: „Da war der Kloppi dabei. Alle trugen Sonnenbrillen.“ Sie lacht und redet Klartext: „Das gehört sich auch so, dass die dann besoffen sind.“ Im Hintergrund läuteten die Glocken der Dreifaltigkeitskirche.

Jetzt lesen

Das Double: „Da triffste so viele Leute, auch Klassenkameraden, die in Erinnerungen schwelgen.“ An die frühen BVB-Erfolge: an Bohle etwa, „der auf dem Borsigplatz stand und schwarz-gelbe Bratwürstchen verkaufte“. Oder an Lenz und Erbse – die legendären Kneipen im Viertel, „wo die Männer hingingen“.

Hannelore Spigarski schwärmt – vom Feiern, vom BVB, vom Borsigplatz. „Ich lebe hier gut. Und wenn alle freundlich miteinander sind, tut mir auch keiner was.“

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt