„Zurück zur Normalität“ ist bei Corona-Tests der falsche Weg

hzKlare Kante

Die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen will die Corona-Tests mittelfristig wieder ganz in die Arztpraxen auslagern und die Behandlungszentren schließen. Eine gefährliche Entscheidung.

Dortmund

, 23.05.2020, 05:39 Uhr / Lesedauer: 3 min

Geht es Ihnen auch so? Schon wenn man zur „normalen“ Erkältungszeit im Wartezimmer seines Hausarztes sitzt, schaut man sich misstrauisch um, wenn ein Nachbar hustet oder schnupft. Bloß nicht anstecken! Das gilt umso mehr in der Corona-Zeit.

Natürlich sollen sich Menschen mit typischen Corona-Symptomen wie Halsweh oder Husten vorher telefonisch bei ihrem Arzt oder ihrer Ärztin melden, natürlich wird in den Arztpraxen streng auf die Einhaltung der Hygienevorschriften geachtet. Doch halten sich wirklich alle Menschen daran?

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Von daher war es für mich beruhigend zu wissen, dass Patienten mit Corona-Symptomen für Tests und Erstbehandlung eine feste Anlaufstelle haben - in Dortmund am Klinikum-Nord und eine Zeit lang auch im Signal Iduna Park.

Der Einsatz der Kassenärzte und der dahinterstehenden Kassenärztlichen Vereinigung, die die Behandlungszentren hier und in vielen anderen Städten betreibt, ist sehr löblich. Dortmunds Gesundheitsamtsleiter Dr. Frank Renken lobt ausdrücklich die gute Zusammenarbeit.

Viele Behandlungszentren werden geschlossen

Doch die Tage der Behandlungszentren sind zumindest in Westfalen gezählt. In vielen kleineren Städten rund um Dortmund - von Witten über Schwerte bis Lüdenscheid - wurden oder werden sie von der KVWL geschlossen. Oft unter Protest der betroffenen Städte.

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Keine Sorge: In Dortmund bleibt zumindest das Behandlungszentrum am Klinikum-Nord vorerst bestehen - auch wenn die Kassenärztliche Vereinigung deutlich macht, dass sie die Tests auch hier möglichst auf die Arztpraxen verteilen will.

Man wolle zurück zur Normalität, verkündet die KVWL.

„Die Infektionszahlen sind rückläufig und die Arztpraxen sind im Moment ausreichend mit Schutzkleidung ausgestattet. Die begründete Testung von Patienten, die eine Coronavirus-Symptomatik aufweisen, kann wieder direkt in den Praxen der niedergelassenen Ärzte vorgenommen werden – natürlich nur unter Einhaltung aller notwendigen Hygienemaßnahmen“, wird der KVWL-Vorsitzende Dirk Spelmeyer in einer Mitteilung zitiert.

Anderer Weg am Nordrhein

Gleich mehrere Punkte sind in diesem Zusammenhang bemerkenswert und lassen die Entscheidung der KVWL unverständlich erscheinen. So geht etwa die Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein, also der direkte Nachbar, einen ganz anderen Weg. Dort hebt man die Bedeutung der zentralen Behandlungsstellen in einer aktuellen Mitteilung ausdrücklich hervor.

Man sorge mit den Zentren dafür, „dass vor allem die Hausarztpraxen so wenig wie möglich mit potenziell infizierten Personen in Kontakt kommen. Der Schutz des medizinischen Personals und der Patientinnen und Patienten ist uns sehr wichtig“, erklärt Dr. Frank Bergmann als Vorstandsvorsitzender der KV Nordrhein. Das ist verständlich, wenn man bedenkt, dass gerade für Beschäftigte im Gesundheitsbereich die Infektionsgefahr besonders hoch ist. In Westfalen ist das wohl anders.

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Geradezu widersprüchlich wird die Haltung der KVWL mit Blick auf den „dringenden Appell“, an dem sie sich noch eine Woche zuvor beteiligt hatte. Denn es war aufgefallen, dass viele Menschen Arztbesuche vermeiden oder Vorsorgeuntersuchungen aufschieben.

Es bestehe die Sorge, dass Menschen derzeit aus Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus wichtige Arztbesuche zur Abklärung von Symptomen einer Krebserkrankung, eines Herzinfarkts oder eines Schlaganfalls verzögern und sich damit um gute Heilungschancen bringen, heißt es in der Erklärung von NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann und der Ärzteschaft.

Glaubt man bei der KVWL ernsthaft, dass die Verlagerung von Corona-Tests und -Untersuchungen in die Praxen die Bedenken anderer Patienten verringert?

Vielleicht sind diese Ängste irrational und objektiv unbegründet, aber sie sind vorhanden und werden durch die verordnete Rückkehr zur Normalität nicht geringer.

Kein Überblick mehr über Test-Zahlen

Aber es gibt neben den subjektiven auch noch objektive Gründe, an zentralen Behandlungsstellen für Patienten mit Covid-19-Verdacht festzuhalten. Niemand weiß das besser als Dr. Frank Renken. Zurzeit sei die Zahl der Infektionen und Verdachtsfälle in Dortmund sehr gering, erklärt der Chef des Gesundheitsamts.

Aus 20 Verdachtsfällen pro Tag könnten aber schnell 40 oder 50 werden. In einer zentralen Behandlungsstelle falle das auf, nicht aber, wenn sich die 20 oder 50 Patienten auf Arztpraxen im gesamten Stadtgebiet verteilen.

Einzelne Arztpraxen seien nicht in der Lage zu überblicken, ob sich das Infektionsgeschehen deutlich erhöht, gibt der Gesundheitsamtsleiter zu bedenken. Bei einer Pandemie seien solche zentralen Behandlungspunkte deshalb auch wichtige Beobachtungsstellen.

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Dazu kommt: Zu Beginn der Pandemie konnte die Stadt dank der zentralen Behandlungsstelle die Zahl der positiv Getesteten in Relation zur Zahl der Tests vermelden. Eine durchaus wichtige Information, wenn man bewerten will, wie niedrige oder hohe Infektionszahlen einzuschätzen sind.

Diese Information gibt es nicht mehr. Niemand weiß, wie viele Corona-Tests aktuell in Dortmund stattfinden. Denn dem Gesundheitsamt werden nur die positiven Tests also die Neu-Infizierten gemeldet. Ja selbst bei der KVWL hat man keinen Überblick über die Zahl der Tests, die in den Arztpraxen vorgenommen werden, räumte eine Sprecherin auf Anfrage ein. Die Zahl erfahre man erst mit der Abrechnung der Arztleistung.

In Zeiten einer Pandemie, in der es auf schnelles Reagieren ankommt, ein Unding.

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