Ein römischer Legionär steht vor dem Graben des Feldlagers. © Ingrid Wielens
Mit Video

Ältestes römisches Marschlager am Römermuseum in Haltern entdeckt

Der römische Heerführer Drusus hat vor 2000 Jahren in Haltern Spuren hinterlassen. Das ergaben jetzt Ausgrabungen der Archäologen ganz in der Nähe des Römermuseums.

Seit gut zwei Monaten sind Archäologen des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL) erneut in Haltern mit Ausgrabungen beschäftigt. Diesmal haben sie ganz in der Nähe des Römermuseums ein 2000 Jahre altes römisches Marschlager entdeckt. „Es ist das bisher älteste Marschlager, das bis zu 20.000 Mann Platz bot“, erklärte Dr. Bettina Tremmel. Die wissenschaftliche Referentin für Provinzialrömische Archäologie beschäftigt sich mit Römerlagern in Westfalen. Am Mittwoch stellte sie den herausragenden Fund vor.

Demnach war es wohl Drusus, der Adoptivsohn des Kaisers Augustus, der während der ersten Feldzüge nach Germanien in den Jahren 12 und 11 v. Chr. in Haltern Station machte. Doch bis zu dieser wissenschaftlichen Erkenntnis war es ein weiter Weg.

Rund um das bekannte Hauptlager und das Feldlager in Haltern – beide liegen nördlich angrenzend zum Römermuseum – wird das Gelände schon seit Jahrzehnten archäologisch erforscht. Bei verschiedenen Ausgrabungen waren die Experten dabei immer wieder auf Abschnitte kleiner Spitzgräben gestoßen. Ein vollständiger Lagerumriss konnte damit aber nie rekonstruiert werden.

Grabungen, Luftbildarchäologie und Magnetometer-Messungen

2011 hatte der Luftbildarchäologe Dr. Bao Song (Ruhr-Universität Bochum) dann Aufnahmen gemacht, auf denen nicht nur die Nordwestecke des Feldlagers als dunkelgrüne Spur im Feld zu erkennen ist, sondern auch eine zweite, unbekannte Lagerecke. 2020 schließlich ließen sogenannte Magnetometer-Messungen einen 65 Meter langen Abschnitt der westlichen Lagerfront erkennen.

Die Grafik zeigt das ans Römermuseum angrenzende Hauptlager, das Feldlager und das nun entdeckte Marschlager (gelbe Linie). © Grafik Sauerland © Grafik Sauerland

Auf einem Hof an der Straße Zum Silverberg, im Norden des Römermuseums und ganz in der Nähe des bekannten Hauptlagers, dessen Westtor vor fünf Jahren im Rahmen des Projekts „Römerbaustelle Aliso“ wiederaufgebaut worden ist, begannen die Archäologen schließlich zu graben. Schnell wurden sie an der südlichen Fortsetzung der Luftbildspur von 2011 fündig.

Zwei Gräben überschneiden sich

An dieser Stelle überschneiden sich der Spitzgraben des bereits vor 120 Jahren entdeckten Feldlagers und der erst jetzt bekannt gewordene römische Marschlager-Graben. Dabei soll der Feldlagergraben der jüngere von beiden sein. „An den Bodenverfärbungen in der aufgedeckten Fläche ist das zweifelsfrei zu erkennen“, stellte Tremmel weiter fest. Im fast zwei Meter tiefen Schnitt durch den Kreuzungspunkt beider Gräben habe sich das bestätigt.

LWL-Kulturdezernentin Dr. Barbara Rüschoff-Parzinger (M.), Chefarchäologe Prof. Dr. Michael Rind und Dr. Bettina Tremmel vom Referat für Provinzialrömische Archäologie der LWL-Archäologie für Westfalen stellten den Fund vor. © Ingrid Wielens © Ingrid Wielens

Was zu sehen ist, stellt sich für den Laien zwar wenig spektakulär dar. Bettina Tremmel ist aber sehr stolz auf den neuen Fund, der sich im Querschnitt nur noch als 70 Zentimeter tiefe und 1,30 Meter breite, V-förmige Verfärbung darstellt. Römische Feldzugstruppen hätten Wehrgräben dieser Größe ausgehoben, wenn sie nur eine Nacht oder wenige Tage an dem Ort biwakierten.

Es sei damals üblich gewesen, dass der Graben nach der Aufgabe des Lagers dann wieder von den Legionären zugeschüttet und so für eine weitere militärische Nutzung unbrauchbar gemacht wurde. Zum Vergleich: Der Graben des bekannten 34 Hektar großen Feldlagers ist mit drei Metern Breite und 1,6 Metern Tiefe an dieser Stelle doppelt so groß. Diese größer Dimension spricht nach Auskunft der Expertin für eine mehrwöchige Nutzungsdauer.

Marschlager bot 20.000 Mann auf 24 Hektar Platz

Das Marschlager ist rund 24 Hektar groß. Drei römische Legionen hätten aber ohne große Not mit etwa 15.000 Mann Platz gefunden, so die Aussage der Fachleute. Hinzu kommen Tross und Hilfstruppen, so dass die Stärke der Feldzugstruppe auf etwa 20.000 Personen geschätzt wird. Auf ihrem Marsch campierten die Legionäre in Lederzelten.

Schlussendlich konnte nun eine rechteckige Form des neuen Marschlagers rekonstruiert werden. Vergleichbare Grundrisse weisen die ebenfalls in die frühe Besatzungszeit Germaniens datierten Marschlager von Dorsten-Holsterhausen auf. LWL-Kulturdezernentin Dr. Barbara Rüschoff-Parzingerz ist sicher: „Durch diese Neuentdeckung verdichtet sich das Netz der römischen Militärlager in Westfalen, die von Drusus angelegt wurden.“

Mit Hilfe der Lackfilmmethode wurde ein Negativ der Grabenquerschnitts gefertigt. Für die Ewigkeit. Denn auch die Ausgrabungsstätte wird bald wieder zugeschüttet. An der Stelle entsteht eine Reithalle.

Über die Autorin
Redaktion Haltern
Geboren in Dülmen, Journalistin, seit 1992 im Medienhaus Lensing - von Münster (Münstersche Zeitung) über Dortmund (Mantelredaktion Ruhr Nachrichten) nach Haltern am See. Diplom-Pädagogin und überzeugte Münsterländerin. Begeistert sich für die Menschen und das Geschehen vor Ort.
Zur Autorenseite
Ingrid Wielens

Der neue Lokalsport-Newsletter für Haltern

Immer freitags um 18:30 Uhr das Wichtigste aus dem Halterner Lokalsport direkt in Ihr E-Mail-Postfach.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.