Als ein Schaf das Brautkleid anknabberte - Herde in der Westruper Heide

hzHeidschnucken

Zurzeit sind wieder Schafe in der Westruper Heide unterwegs, um die Flächen auf eine besondere Art zu pflegen. Dabei kommt es auch schon mal zu amüsanten Begegnungen zwischen Mensch und Tier.

Haltern

, 25.07.2020, 14:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

„Komm, komm, komm!“, ruft Schäfer Jens Holtkamp am Abend mit kräftiger Stimme. Und es dauert keine Minute, bis man die Staubwolke sieht, in der die 120 Heidschnucken angerannt kommen. Die Tiere erkennen ganz genau die Stimme ihres „Versorgers“, der ihnen frisches Wasser und manchmal auch ein kleines Leckerli bringt.

Der aus einer Hamminkeler Schäferfamilie stammende Holtkamp macht sich alle zwei bis drei Tage auf die rund 70 Kilometer lange Wegstrecke, um in Haltern nach dem Rechten zu sehen. Dabei begleiten ihn seine beiden altdeutschen Hütehunde „Ben“ und „Rocco“, die er selbst ausgebildet hat.

Liebgewordene Routine

Für den 40-jährigen Schäfer ist das mittlerweile eine liebgewordene Routine. Er ist praktisch mit Schafen groß geworden und hat nach einer technischen Ausbildung als Landmaschinenschlosser auch den Schäferberuf von der Pike auf gelernt: „Meine erste eigene Herde waren rund 300 Heidschnucken.“ Seit rund zehn Jahren betreibt er die Landschaftspflege in dieser Form - zu Anfang auch noch in Holtwick, aber seit einiger Zeit nur noch in der Westruper Heide.

Aktuell hat Holtkamp eine stattliche Herde von gut 120 Heidschnucken dort stehen, die als Biorasenmäher die großen Heideflächen systematisch abweiden und damit als wertvolle Helfer unentgeltlich in der Landschaftspflege arbeiten.

Durch das Fressen werden die Flächen gepflegt

Aktuell fressen die Tiere neben Heidekraut auch gerne die frisch ausgetriebenen Birken und Eichenschößlinge, lassen sich das Blattgrün und die Blütenstände der wild wachsenden Brombeeren schmecken und verzehren auch die verschiedenen Wildgräser. So wird die Heide auf natürlichem Weg kurz gehalten, denn ansonsten würde das Terrain schnell verbuschen, wie der Fachmann sagt.

Das Nahrungsangebot ist jetzt nicht besonders üppig: „Das ist so, als würden wir Menschen täglich Zwieback essen“, sagt Holtkamp mit einem Lächeln. Die Tiere sind als traditionelle Heideschafe daran gewöhnt und kommen gut zurecht. Zusatzfuttergaben sind nicht nötig. Neben dem Verbiss erfüllen die Schafe auch noch eine weitere wichtige Funktion, indem sie beim Weiden Heidesamen mit aufnehmen. Diese werden mit dem Kot später wieder ausgeschieden und bekommen so gleich eine natürlichen Düngergabe zum anwachsen.

Mit Kennerblick wird die Herde gecheckt

Schon wenn die Herde auf ihn zustürmt, beginnt Holtkamp mit der visuellen Zustandsbestimmung. Mit Kennerblick checkt er das Auftreten als geschlossener Herdenverband, erkennt direkt ob ein Tier lahmt oder sonstige Auffälligkeiten zeigt und achtet auch auf den Sättigungsgrad der Tiere. „Ich nutze zwar den Hütezaun als modernen Hund-Ersatz, aber der beste Zaun ist immer noch ein voller Magen.“

Ist eine Fläche abgeweidet, müssen zwischen 700 bis 1000 Meter Zaun umgesetzt werden. Erst danach dürfen die Tiere auf die neue Weidefläche. Dabei geht Holtkamp mit seinen Hunden sehr achtsam zu Werke, denn er hat schon früh gelernt, dass der landläufig überlieferte Begriff „dummes Schaf“ unpassend ist: „Ich habe schon früh das genaue Gegenteil festgestellt. Es ist eher umgekehrt, meistens sind die Tiere uns einen Schritt voraus.“

Immer eine kleine Überraschung dabei

Auch um dem vorzubeugen, hat er natürlich immer eine kleine Überraschung in Form von getrocknetem Rübenschnitzel als Leckerli dabei und stellt der Herde auch Mineralstoffblöcke als Lecksteine zur Verfügung. Doch manchmal reicht auch das alles nicht.

Er erinnert sich noch schmunzelnd an ein Brautpaar, das vor einiger Zeit wegen Hochzeitsfotos in der Heide war. Das Paar wollte die Herde als passendes Hintergrundmotiv nutzen, doch als der Fotograf gerade auslösen wollte, bemerkte die Braut zu ihrem Schreck, dass eines der Tiere wohl Geschmack am Kleid bekommen hatte und dabei war, einen Teil davon genüsslich zu verspeisen. Die Fotos bekamen dadurch wohl einen ganz besonderen Erinnerungswert.

„Ohne Schafe kann ich nicht leben“

Sein Beruf ist für ihn schon lange zur Berufung geworden: „Ohne Schafe kann ich nicht leben.“ Jeder Tag ist anders und er denkt dabei besonders gerne an die friedlichen Sonnenauf- und untergänge, die er im Einklang mit der Natur auf der Walz (Wanderschaft mit Herde im Herbst) erlebt.

Er wünscht sich, dass die Besucher in der Heide auch weiterhin so viel positives Interesse zeigen. Er bittet sie aber, die Fütterung zum Beispiel mit Brotresten zu unterlassen sowie ihre Hunde an der Leine zu halten.

Lesen Sie jetzt