Arbeiter der Sprengstofffabrik Wasag in Haltern-Sythen lebten gefährlich

hzAbschied vom Bergbau

Die 120-jährige Geschichte der Sprengstofffabrik Wasag in Haltern-Sythen ist eng mit dem Bergbau verknüpft. Der Sprengstoff landete aber nicht nur in den Zechen des Ruhrgebiets.

Sythen

, 27.09.2018, 05:30 Uhr / Lesedauer: 5 min

Es ist zwar schon fünfzig Jahre her, aber Bruno Lücke (82), ehemaliger Fotograf der Halterner Zeitung, erinnert sich noch gut an seine Zeit beim Sprengstoffbetrieb Wasag in Sythen-Lehmbraken. Er selbst war von 1962 bis 1969 in einem Labor beschäftigt. „Ich hatte auf der Wasag eine schöne Zeit“, sagt er.

Allerdings war seine Arbeit nicht ungefährlich. In der Fertigung trugen die Mitarbeiter Filzpantoffeln, um jede Erschütterung und mögliche Gefahrenquellen zu vermeiden. Explosionen konnten nicht ausgeschlossen werden, deshalb hatte man für die Ansiedlung des Betriebs ein abgelegenes Stück Landschaft gewählt.

Die nördlich von Haltern gelegene Sythener Geisheide ist Ende des 19. Jahrhunderts ein karges Stück Land, auf dem die Bauern allenfalls ihre genügsamen Schafe halten. Das sind ideale Voraussetzungen für einen Werksstandort, den die 1891 gegründete Westfälisch-Anhaltische Sprengstoff AG (Wasag) sucht. 1894 kauft die Wasag 1100 Morgen Heideboden (275 Hektar) in Sythen.

Ursache dieser Ausweitung ist die Nordwanderung des Kohlebergbaus, dessen Hunger nach Sprengstoff ständig wächst. Schon 1868 hat der Ruhrbergbau seine damalige Nordgrenze, die Emscherlinie, überschritten. Damals zählt das Dorf Sythen rund 500 Einwohner. Im ganzen Kreis Recklinghausen wohnen rund 50.000 Menschen.

Arbeiter der Sprengstofffabrik Wasag in Haltern-Sythen lebten gefährlich

Bruno Lücke, ehemaliger Fotograf der Halterner Zeitung, hat von 1962 bis 1969 auf der Wasag gearbeitet. © Schrief

„Unfolgsame Arbeiter sind zu entlassen“

Für die Belieferung des Ruhrkohlereviers hat die Wasag bereits gleich nach ihrer Gründung bei Sinsen (Marl) eine Schwarzpulverfabrik im nördlichen Revier gepachtet und kurz darauf auch gekauft. Schon wenige Jahre später aber stellt sich heraus, dass der Bedarf an Sprengstoffen mit diesem Werk nicht gedeckt werden kann. Die Suche nach einem weiteren Standort beginnt.

Im November 1895 genehmigt der Bezirksausschuss in Münster die „Errichtung einer chemischen Fabrik zur Erzeugung brisanter Sprengstoffe (Dynamit usw.) und Weiterverarbeitung der hierbei entstehenden Abfallproducte“ in Sythen. In 50 Punkten werden die Sicherheitsvorschriften festgelegt.

Punkt 13 lautet: „Bei der Herstellung und Verpackung der Sprengstoffe dürfen nur nüchterne, zuverlässige, ordentliche und nicht unter 18 Jahre alte Arbeiter beschäftigt werden. Unfolgsame Arbeiter sind zu entlassen.“

Der Bau der Anlagen dauert über zwei Jahre. Am 28. April 1898 wird die erste Patrone hergestellt. Zunächst gehören 70 bis 80 Arbeitskräfte zur Belegschaft. Wenig später werden bereits 100 Mitarbeiter beschäftigt. Ab 1904 beliefert die Sythener Wasag alle großen westdeutschen Kohlereviere und das Saarland.

Arbeitszeit von 6 Uhr bis 18 Uhr

Die Arbeiter stammen nicht nur aus Sythen und der Umgebung. Einen Teil heuert die Wasag aus dem ostelbischen Anhalt an. Es sind etwa zehn Familien, die den evangelischen Glauben mit in ihre neue Heimat bringen.

Über die Arbeitsbedingungen berichtet Meister Adam Hannappel (1876 - 1958), der fünfzig Jahre in Sinsen und später in Sythen beschäftigt ist, in seinen Erinnerungen: „Am 1. Oktober 1894 kam ich zur Wasag. Damals befand sich das Werk, auf dem ich zuerst beschäftigt wurde, in Sinsen, vor den Toren des Industriegebietes. (...) Die Arbeitszeit begann um 6 Uhr und endete um 6 Uhr abends, während sie im Winter von 7 bis 7 Uhr dauerte. (...) Die Leute waren damals den ganzen Tag unterwegs. Ihre zum Teil langen Anmarschwege, die sie vorwiegend zu Fuß zurücklegen mussten, nahmen erhebliche Zeit in Anspruch, sodass sie am Abend rechtschaffen müde waren und kaum Zeit zur häuslichen Betätigung fanden.“

Pferde ziehen den Sprengstoff zu den Zechen

1899 kommt Adam Hannappel zum Werk Sythen. Zu dieser Zeit gibt es hier noch keinen Bahnanschluss, sodass sämtliche Materialien mit Pferdekutschwerken transportiert werden. Salpetersäure wird in Korbflaschen angeliefert, Schwefelsäure zuvor aus Bahnkesseln in Landtransportkessel umgefüllt.

Die Wasag hat an der Werkstraße in Sythen ein Stallgebäude gebaut, in dem zeitweise 28 Pferde untergebracht sind. Diese werden an der nächsten Pferdestation des Unternehmens in Sinsen ausgetauscht. Von hier aus geht der Sprengstoff zu den einzelnen Zechen im Ruhrgebiet.

Arbeiter der Sprengstofffabrik Wasag in Haltern-Sythen lebten gefährlich

In den ersten Jahren war das Wasag-Werk in Sythen noch nicht an die Bahn angeschlossen. Material wurde mit dem Pferdewagen transportiert. Für die Tiere errichtete die Wasag ein Stallgebäude. © Archiv Backmann

„Bei Wind und Wetter, in der Gluthitze des Sommers und bei Regen und Schnee in den Herbst- und Wintermonaten, sehr oft auf kaum befahrbaren Wegen und Straßen, zogen die schweren Pferde unter der treuen Obhut der Fuhrmänner ihre gefährliche Last zu den Zielstationen“, sagt Adam Hannappel über den Transport.

Die alten Sprengstoffkutscher tragen Namen, von denen auch heute noch einige in Haltern verbreitet sind: Amsbeck, Brambrink, Brocks, Göcke, Nolde, Strotmann, Sandscheiper. Einen Bahnanschluss erhält die Wasag erst 1911.

Jugend ist sich der Gefahr nicht bewusst

Auch die Fabrikanlage in Sythen wird von Adam Hannappel beschrieben: „Da gab es zunächst die wichtige Ölanlage. Sie bestand aus dem Nitrierhaus, dem Waschhaus, dem Filtrierhaus, der Nachscheidungs-, Säureeinstellungs- und der Sauerwasserstation; ein Gewirr kleiner Häuser, in denen von fleißigen Werkleuten die gefährlichste, aber auch wichtigste Arbeit geleistet wurde. Die jungen Leute, die damals zum ersten Mal unseren Betrieb betraten, waren sich, trotzdem sie nachdrücklichst darauf aufmerksam gemacht wurden, nicht der Gefahr bewusst, die mit ihrer Arbeit verbunden war.“

Das erste Todesopfer unter den Beschäftigten der Wasag Sythen ist allerdings kein Arbeiter, sondern der Chemiker Konrad Nauendorf. Er verunglückt bei Versuchen im Labor. In einer Auflistung der Explosionsunglücke im Werk Sythen bis 1975 werden 23 Fälle mit über 50 Toten genannt. Das letzte große Unglück, bei dem zwei Sythener ums Leben kommen, ereignet sich am 11. März 1993.

In beiden Weltkriegen dient die Wasag der Munitionsherstellung. Die Belegschaft wächst im Ersten Weltkrieg auf bis zu 3000 Beschäftigte an, darunter viele Frauen und Mädchen. Hergestellt werden Granaten- und Minenfüllungen.

Arbeiter der Sprengstofffabrik Wasag in Haltern-Sythen lebten gefährlich

Hurra bis zuletzt. Das Foto zeigt die Belegschaft der Wasag im Jahr 1918. © Archiv Halterner Zeitung

Bei der Produktion im Ersten Weltkrieg und dem späteren Rückbau von Munition gelangen zwischen 1916 und 1922 Rückstände in den Boden und ins Grundwasser, die noch heute eine Gefahr darstellen. In mehreren Schadstofffahnen sind Sprengstoffspuren im Grundwasser in Richtung Talsperre Haltern unterwegs. Die Ausbreitung wird seit Jahren beobachtet und bekämpft. In weiten Teilen des Halterner Ortsteils Sythen ist ein Grundwassernutzungsverbot verhängt.

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Zwangsarbeiter schuften für Hitlers Granaten

Während des Zweiten Weltkriegs schuften auf dem Wasag-Werk in Sythen bis zu 3000 Zwangsarbeiter. Für die Produktion kriegswichtiger Sprengstoffe wie TNT und Hexogen wird ein separater kriegswirtschaftlicher Zweig aufgebaut. Das Werk ist Ziel verschiedener alliierter Bombenangriffe.

So berichtet die Sythener Werksleitung in einem Schreiben an die Hauptverwaltung in Berlin: „Im Monat März wurde die Fabrik von 3 systematischen Angriffen erfasst, und zwar wurden am 11., 12. und 20.3.1945 je 500 Bomben und am 20.3. 1945 zusätzlich ca. 10.000 Brandbomben geworfen. Bei diesen Angriffen: 2 Tote, 1 Schwerverwundeter, der bis jetzt noch nicht arbeitsfähig ist. (...) Der angemeldete Schaden beträgt ca. RM 3.000.000,- .“

350 Mitarbeiter in der besten Zeit

Der kriegswirtschaftliche Teil der Produktionsstätten wird nach dem Krieg dem Erdboden gleichgemacht. Doch schon ab 22. Juni 1945 vergibt das britische Hauptquartier die Anweisung, das Werk Sythen für die Produktion von Bergbausprengstoffen in Gang zu setzen. Bereits im September stellt das Werk wieder 37 Tonnen Sprengstoffe her, die vom Ruhrgebietsbergbau als Motor des Deutschen Wiederaufbaus dringend benötigt werden.

Die Produktion, erreicht von 350 Mitarbeitern, steigt bis 1954 auf über 8000 Tonnen. Allerdings geht der Bedarf mit der eingeläuteten Bergbaukrise ab Ende der 1950er-Jahre zurück.

Arbeiter der Sprengstofffabrik Wasag in Haltern-Sythen lebten gefährlich

So sieht der Eingangsbereich des Wasag-Werkes in Sythen bis heute aus. © Bruno Lücke

Die Krise setzt sich fort. Auch Bruno Lücke sieht sich deshalb nach einer neuen Beschäftigung um und findet sie als Fotograf bei der Halterner Zeitung, wo er bis 1999 das Geschehen in der Stadt ablichtet. Er erinnert sich an Versuche mit militärischen Sprengkörpern während seiner Zeit bei der Wasag.

„Darüber wurde nicht geredet“

So muss er Sprengstoff in Panzergranaten abfüllen, deren Inhalt dann nach Luftblasen untersucht wird. Diese wirken sich auf die Flugbahn aus und sollen ausgeschlossen werden. „Offiziell wurde in den 1960er-Jahren über so einen Auftrag nicht geredet“, sagt Bruno Lücke.

Zuletzt produziert die Maxam Deutschland GmbH mit Muttersitz in Spanien Sprengstoffe für zivile Zwecke am Standort Sythen. Mit den letzten beiden deutschen Zechen in Ibbenbüren und Bottrop schließt auch die Sprengstofffabrik in Sythen Ende 2018 ihre Werkstore. 120 Jahre Industriegeschichte in der Geisheide gehören dann endgültig der Vergangenheit an. Das Werk hat den Menschen Arbeit und Wohlstand gebracht, aber auch für persönliches Leid und ein Umweltproblem gesorgt, das in Deutschland in seiner Größenordnung einzigartig ist.

Für diesen Beitrag stellte der Halterner Stadtarchivar Gregor Husmann das Quellenmaterial zur Verfügung.
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