Vor 100 Jahren gründete sich der „christliche Mütterverein“ Lippramsdorf.. Der damalige Pfarrer war wenig amüsiert: Frauen sollten sich lieber um ihre Familien kümmern und beten.

Lippramsdorf

, 06.05.2020, 14:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Katholische Frauengemeinschaft Lippramsdorf ist am 26. April 100 Jahre alt geworden. Das geplante große Fest in der Lambertus-Kirche und rund ums Pfarrheim mit Ausstellungen, musikalischer Modeschau, Kabarett und Spielen bei Speis und Trank musste wegen der Corona-Krise und der damit verbundenen Kontaktsperre ausfallen. Die Enttäuschung war nicht zu verhehlen: Seit Mai 2019 hatte sich ein Projektteam auf das Jubiläum vorbereitet.

„Doch dann kam die Corona-Krise und alle Überlegungen und Planungen sind hinfällig geworden. Die Jubiläumsfeier kann in dieser Form vorerst nicht stattfinden“, bedauerte Teamsprecherin Angela Dreckmann. Sie hat die Geschichte der KFD recherchiert und stellte beim Sichten der Dokumente fest: „Die Frauen in Lippramsdorf hatten es vor hundert Jahren nicht leicht, ihre Interessen in einem eigenen Verein zu verwirklichen.“

Pfarrer missbilligte die Selbstständigkeit

Und das, obwohl sich bereits um die Jahrhundertwende in den meisten Pfarreien im deutschen Reich christliche „Müttervereine“ gründeten. Auch die Frauen der St. Sixtus-Gemeinde in Haltern waren schon 1897 zur Gründung geschritten.

Aber in Lippramsdorf lehnte der damalige Pfarrer Georg Sennenkamp grundsätzlich jede Vereinsgründung mit den Worten „Vereine bringen Familien auseinander“ ab. So kam es erst unter Pfarrer Alois Thüshaus 1920 zur Gründung des Müttervereins St. Lambertus. Dazu Angela Dreckmann: „Angeblich soll die Vereinsgründung nur zum gemeinsamen Beten genehmigt worden sein.“

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Bereits im Gründungsjahr wurden 175 Mitglieder gezählt. Maria Zurhausen, Hausfrau auf der Burg Ostendorf, wurde die erste Vorsitzende und gab ganz andere Impulse. Sie war für die damalige Zeit modern eingestellt, schaute über die Hofgrenzen hinaus und ging alleine einkaufen! Pfarrer Thüshaus billigte diese Selbstständigkeit jedoch gar nicht. In einer seiner Predigten soll der abschätzige Satz gefallen sein, dass die Frau keine „Ausfrau“, sondern eine „ Hausfrau“ sei.

Alljährlicher Kirchenputz und Mütterkaffee

Vor 100 Jahren stand sicherlich der kirchliche Bereich an vorderster Stelle der Vereinsaktivitäten, so Angela Dreckmann. Es gab Besinnungsnachmittage, Müttermessen, Wallfahrten (besonders nach Kevelaer), Andachten, Glaubensgespräche und den jährlichen großen Kirchenputz. Es gab aber auch von Anfang an gesellige Zusammenkünfte, zum Beispiel den „Mütterkaffee“, zu dem man sein eigenes Geschirr mitbrachte und bei dem Vorträge zu der Lebenssituation von Frauen gehalten wurden.

„Damals wie heute steht die Solidarität im Mittelpunkt unseres Vereinslebens.“ Teamsprecherin Angela Dreckmann

Bildungsarbeit nahm im Laufe der Zeit immer mehr Raum ein, wie Vorträge über Kindererziehung, das Miteinander der Generationen, Reiseberichte, Kochkurse an der Mütterschule Marl und viele weitere Aktivitäten.

Auch Ausflüge, nicht nur in die nähere Umgebung, gehörten zum Programm. Schon 1968 ging es mit 87 Frauen nach Arnheim in den Niederlanden und im Jahr 1984 fuhren 142 Frauen aus Lippramsdorf mit der Eisenbahn in die Hansestadt Bremen. Angela Dreckmann schmunzelt: „Aus heutiger Sicht fragt man sich, wie das alles ohne Internet nur mit Post und Telefon geklappt hat.“

Die Frauengemeinschaft Lippramsdorf

Die Vorsitzenden und Teamsprecherinnen

In der 100-jährigen Geschichte übernahmen folgende Frauen den Vorsitz beziehungsweise waren Sprecherinnen der Frauengemeinschaft: Ab 1920 Maria Zurhausen; 1930 Elisabeth Völker-Albert; 1959 Antonette Himmelmann; 1966 Helene Oeldemann; 1974 Maria Mertmann. 1978 wurde die Teamleitung eingeführt. Die Teamsprecherinnen seit dieser Zeit: 1978 Hedwig Himmelmann; 1982 Anneliese Uhlenbrock; 1990 Liesel Rawert; 1994 Cajo Husmann; 2004 Ursula Wohlgemuth; 2008 Anne Lackner; 2014 Elisabeth Eßling; 2016 Angela Dreckmann.

Das Engagement für andere sei damals wie heute ein Anliegen der KFD. Im Mai 1973 fand der erste „Altentag“, ein Ausflug speziell für Seniorinnen und Senioren statt. Aus diesem Einsatz entwickelte sich im Laufe der Jahre die Seniorengemeinschaft.

Geselligkeit fördert die Gemeinschaft: Alljährlich feiert die KFD Karneval, sie organisiert aber auch Ausflüge oder Radtouren.

Geselligkeit fördert die Gemeinschaft: Alljährlich feiert die KFD Karneval, sie organisiert aber auch Ausflüge oder Radtouren. © Ann-Kathrin Meyer

Im kirchlichen Bereich werden in den monatlichen KFD-Messen und am Weltgebetstag besonders die Anliegen von Frauen in den Blick genommen. Auch unterstützt die Frauengemeinschaft die Einführung des Diakonats der Frau. Ebenso erfährt die Aktion Maria 2.0 für eine geschlechtergerechte Kirche große Unterstützung auf Diözesanebene und genauso vor Ort.

Die Frauengemeinschaft hat 325 Mitglieder

Einen großen Anteil am Vereinsleben haben die 29 Mitarbeiterinnen im Besuchsdienst (MiBs) Die monatliche Mitgliedszeitschrift, die früher „Die Mutter“ hieß und seit 1931 den Titel „Frau und Mutter“ trägt, wird seit Jahrzehnten zu den Mitgliedern getragen. Im monatlichen Austausch wird über die anstehenden Programmpunkte, Aktionen und Informationen gesprochen. Die Mitarbeiterinnen sammeln auch Spenden für die Caritas und besuchen Lippramsdorferinnen zu Geburtstagen, bei Ehejubiläen und im Krankheitsfall.

Zurzeit sind 325 Frauen Mitglied in der KFD. „Was bleibt ist der Stolz auf eine 100-jährige Tradition. Damals wie heute steht der christliche Solidaritätsgedanke im Mittelpunkt unseres Vereinslebens“, sagt Angela Dreckmann. Es gilt auch heute, jede Frau in ihrer Lebenssituation zu unterstützen und Gemeinschaft erfahrbar zu machen.

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