Unsere Autorin hat vor wenigen Wochen ihr Erasmus-Semester in Spanien begonnen. Nachdem dort der Alarmzustand und strikte Ausgangssperren verhängt wurden, ist sie nun zurück in Haltern.

Haltern

, 20.03.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Noch vor einer Woche saß ich in einem Seminarraum der Universidad de Sevilla neben meinen spanischen Kommilitonen, unsere Professoren machten Witze über das Coronavirus, wir besprachen unsere Projektarbeiten und Reisepläne für die kommenden Wochen, begrüßten uns mit Küsschen.

Abends traf ich mich mit anderen Erasmus-Studenten in den überfüllten Bars. Ein Italiener erzählte mir, er wolle zurückkehren, zu seiner Familie nach Mailand. Ich reagierte ungläubig: „Nach Italien? In die Quarantäne? Wo wir doch hier in der Sonne unser Erasmus-Semester genießen können?“ Ich hätte nicht gedacht, dass ich nur drei Tage später selbst die Entscheidung treffen würde: Zurückzukehren zu meiner Familie nach Haltern.

Stimmung in Spanien ist gekippt

Die Stimmung in Spanien ist von einem Tag auf den anderen gekippt. Mittlerweile ist es das Land mit den zweitmeisten Infizierten in Europa, die Krankenhäuser vor allem in der Region um Madrid sind überfüllt.

Obwohl schon vor zwei Wochen eine Studentin an meiner Fakultät positiv auf COVID-19 getestet wurde, entschied sich die Regionalregierung Andalusiens erst am vergangenen Donnerstag für eine zweiwöchige Schließung der Schulen und Universitäten. Noch immer war das für mich kein Grund zur Sorge. „Lasst uns eine Woche an die Küste fahren und die freie Zeit dort genießen, wo sowieso keine Menschen sind“, überlegten wir mit Freunden.

Eine Eilmeldung nach der nächsten

Samstag folgte dann plötzlich eine Eilmeldung der nächsten. Spanien wollte den Alarmzustand ausrufen. Ein Entwurf für ein Dekret des spanischen Präsidenten sah eine strikte Ausgangssperre vor. Ab Montagmorgen sollte nur noch erlaubt sein, alleine zum Supermarkt oder zur Apotheke zu gehen, immer mit zwei Meter Abstand zu anderen Personen.

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Ich verbrachte den Tag damit, mit Freunden und meiner Familie zu telefonieren, Nachrichten zu lesen und Pressekonferenzen im Livestream zu schauen. Ich ging ein letztes Mal am Fluss zwischen den Orangenbäumen spazieren und versuche einen freien Kopf zu bekommen.

Menschen gehen eigentlich viel raus

Meine spanische Mitbewohnerin meinte, ich sollte mir keine Gedanken machen. Als ob die Sevillaner in ihren Häusern blieben, das liege nicht in ihrer Natur. In Sevilla, wo schon an einigen Tagen im Februar die 30 Grad überschritten wurden, gehen die Menschen viel raus, leben sozusagen in den Bars.

Dementsprechend sind die meisten Wohnungen gebaut. Mein WG-Zimmer war gut zehn Quadratmeter groß. Ich konnte mir nicht vorstellen, mehrere Monate hier drinnen zu verbringen. Noch weniger, wie es die Nachbarn mit einem Hund und zwei kleinen Kindern tun würden.

Start mit gewohnter Lebensfreude

Am Samstagabend verkündete der spanische Präsident, die Ausgangssperre gelte ab sofort. Die Sevillaner starteten mit gewohnter Lebensfreude in die Quarantäne und gingen wenig später auf ihre Balkons, um für das medizinische Personal zu klatschen.

Ich blieb trotzdem verunsichert. Einerseits wollte ich zurück zu meiner Familie, andererseits hielt ich es auch für egoistisch, damit möglicherweise andere in Gefahr zu bringen, da ich am Flughafen und im Flugzeug wieder Kontakt zu vielen Menschen haben würde. Als ich merkte, dass es kaum noch Flüge nach Deutschland gibt, entscheide ich mich, einen Flug nach Brüssel zu buchen, bevor ich gar nicht mehr zurück kann.

Kontrollen durch das Militär

Am Dienstagmorgen nahm ich ein Taxi zum Flughafen. Außer weniger anderer Taxis und der Militärpanzer, die die Ausgangssperre kontrollierten, war niemand auf den Straßen. Ich hörte mir Vorwürfe des Taxifahrers an, wie unverantwortlich es sei, noch zu reisen.

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Am Flughafen erinnerten regelmäßige Durchsagen an den vorgeschriebenen Sicherheitsabstand zu anderen Personen. Fast alle trugen Atemschutzmasken und Handschuhe. Ich traf ich eine andere deutsche Erasmus-Studentin aus meinem Spanischkurs, sie wollte nach München zurück, aber hatte weniger Glück als ich und ihr Flug wurde gestrichen.

Mann mit Atemschutzmaske und Handschuhen

Nach meiner Landung in Brüssel war ich fast überrascht, hier schien das Leben normal weiter zu gehen, alle Geschäfte am Flughafen waren geöffnet. Meine Mutter, die mich hier mit dem Auto abholte, war verunsichert, weil sie einen Mann mit Atemschutzmaske und Handschuhen gesehen hatte. In Haltern laufe niemand so rum.

Ich wurde wütend, dass die Menschen hier anscheinend den Ernst der Lage nicht zu begreifen schienen. Dann fiel mir aber auf, dass ich selbst viel zu lange genauso leichtfertig mit allem umgegangen bin. Noch vor einer Woche habe ich mir Reisepläne für Marokko überlegt, über die Corona-Witze meiner Professoren gelacht, unbekannte Menschen mit Küsschen begrüßt.

Kein Grund zur Panik

Die schnellen Veränderungen in Spanien in den vergangen Tagen waren drastisch und wirkten auf viele beunruhigend, auch auf mich. Mir ist aber bewusst geworden, dass diese Veränderungen gerade kein Grund zur Panik sein müssen, wenn wir uns einfach an die Regeln halten und zuhause bleiben.

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