„Autisten sind nicht gefühlskalt!“ - Besucherrekord beim Haard-Dialog

Gesundheit

Einen Besucherrekord verzeichnete die LWL-Klinik in der Haard bei ihrem Haard-Dialog zum Thema Autismus. Dabei wurde direkt mit zwei Vorurteilen aufgeräumt.

19.09.2019, 16:02 Uhr / Lesedauer: 2 min
„Autisten sind nicht gefühlskalt!“ - Besucherrekord beim Haard-Dialog

Bis auf den letzten Platz besetzt war der Festsaal der LWL-Klinik. © LWL/Seifert

Mit einem derartigen Ansturm hätten wir zum Thema Autismus nicht gerechnet“, wunderte sich nicht nur der Ärztliche Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL).

Rund 170 Interessierte hatten sich im Festsaal der Fachklinik versammelt, um etwas über Autismus zu erfahren, darunter betroffene Eltern, Lehrer, Erzieher, Psychotherapeuten und Psychologen.

„Autisten sind weder zwangsläufig inselbegabt noch gefühlskalt,“ räumte Dr. Rüdiger Haas gleich zu Beginn mit zwei Vorurteilen auf, „sie reagieren in bestimmten Situationen nur nicht so, wie wir das erwarten“.

Dabei unterscheide man zwischen dem frühkindlichen Autismus, dem sogenannten Kannersyndrom und dem Asperger-Syndrom, das auch der schwedischen Klima-Aktivistin Greta Thunberg zugeschrieben wird.

Kanner- und Asperger-Syndrom

Die Diagnose „Kannersyndrom“ wird häufig im zweiten Lebensjahr festgestellt. Auffällig ist bei diesen Kindern die fehlende Sprachentwicklung. Sie lautieren lediglich, kapseln sich ab, nehmen keinen Blickkontakt auf und sind insgesamt nur sehr schwer zu begrenzen. „Kannerautisten haben eine geistige Behinderung und werden meistens kein eigenständiges Leben führen können“, so Haas.

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Asperger-Autisten hingegen seien häufig normal begabt, aber ihre soziale Kompetenz ist eingeschränkt, erläuterte der Facharzt weiter: „Das bedeutet unter anderem, sie können keine Gesichtsmimik deuten oder soziale Signale wie Freude oder Ärger wahrnehmen.“

Den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen, dass sei ein Ausdruck der die Informationsverarbeitung dieser Menschen perfekt beschreibe. Autisten sehen Bäume aber sie fügen diese Einzelbestandteile nicht zu einem Gesamtbild, also einem Wald zusammen.

Vier bis acht Termine mit den Kindern

Asperger-Autisten seien diejenigen, die er in der Autismus-Sprechstunde am häufigsten zu sehen bekomme, so Marco Timmerhinrich. „Ich bin der, mit dem immer schon etwas nicht stimmte“, diesen Satz bekommt der Diplom-Psychologe hier häufiger zu hören. Im Rahmen der Diagnosefindung geht er diesem Gefühl sprichwörtlich auf den Grund.

„Autisten sind nicht gefühlskalt!“ - Besucherrekord beim Haard-Dialog

Das Experten-Team des Haard-Dialogs: Marco Timmerhinrich, Sebastian Arnold und Dr. Rüdiger Haas © LWL/Seifert

In vier bis acht Terminen mit den Kindern und ihren Eltern macht sich Timmerhinrich ein Bild von den Betroffenen, lässt sich das Heranwachsen und den Alltag der Kinder im Rahmen eines speziellen Interviews schildern und beobachtet selbst ihr Verhalten in unterschiedlichen Situationen. Dabei geht er nach einem spezialisierten Verfahren, dem sogenannten ADOS, vor. Beurteilt wird nach dem Vier-Augen-Prinzip gemeinsam mit einem Kollegen oder einer Kollegin.

Typische Verhaltensweisen

„Den typischen Autisten gibt es nicht“, weiß der Diplom-Psychologe aus seiner Erfahrung. Aber es gebe typische Verhaltensweisen, diese gelte es aufzuspüren und zu dokumentieren. So findet Timmerhinrich entweder genug typische Verhaltensweisen, um eine Autismus-Diagnose zu stellen oder er entdeckt andere Gründe für ein abweichendes Verhalten wie zum Beispiel eine Zwangserkrankung oder eine Angststörung.

Ist die Diagnose „Autismus“ gestellt, bietet zum Beispiel die DRK-Autismusambulanz in Dülmen die Möglichkeit zur Therapie. Eine Heilung für Autismus gebe es nicht, so Sebastian Arnold: „Autismus-Therapie bedeutet, Brücken zu bauen – zwischen dem autistischen Menschen und seiner Umwelt.“

Verhalten kontrollierbar machen

Im Rahmen von Einzel- und Gruppentherapiestunden wird hier zum Beispiel die soziale Interaktionsfähigkeit aufgebaut. „Dabei geht es jedoch nicht darum, ungewünschtes Verhalten der Patienten abzubauen, sondern es für sie kontrollierbar zu machen“, so der Diplom-Psychologe. Patienten lernen, eigene Bedürfnisse zu erkennen und zu benennen. Auch eine Eltern- und Umfeldberatung gehören zum Angebot.

In vielen Nachfragen auch von Vertretern aus Kindergärten und Schulen wurde deutlich, wie wichtig es ist, dass auch das Umfeld der Betroffenen gut informiert ist.

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