„Bequemlichkeit ist für viele Menschen ein Hemmnis“ – Pfarrer Ostholthoff zur Organspende

hzTag der Organspende

Sixtus-Pfarrer Michael Ostholthoff teilt die Position der Kirche zur Organspende nur teilweise. Er hätte sich noch weitreichendere Entscheidungen vorstellen können, sagt er im Interview.

Haltern

, 11.06.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Anfang des Jahres wurde in Deutschland intensiv über eine Neuregelung der Organspende diskutiert. Die katholische Kirche sprach sich in der Debatte für die Zustimmungslösung aus. Warum der Halterner Pfarrer Michael Ostholthoff diese Position nicht unbedingt teilt, welche Entscheidung er besser gefunden hätte und über Selbstbestimmung erzählt er zum Tag der Organspende im Interview.

Herr Ostholthoff, wann ist ein Mensch tot?

Diese Frage wurde in der Geschichte der Medizin unterschiedlich beantwortet. Bis in unsere Gegenwart wird auch weiterhin gestritten. Die katholische Kirche sieht wie eine Vielzahl von Fachleuten den Hirntod als den Zeitpunkt an, der bei dem Thema der Organspende relevant wird. Die Hirnfunktion ist ab diesem Zeitpunkt unwiederbringlich beendet. Organe können aber noch weiter in Funktion gehalten werden und können so für eine Transplantation in Frage kommen.

Häufig müssen Angehörige in solchen Momenten darüber entscheiden, was mit den Organen des geliebten Menschen passiert.

Das ist natürlich sehr belastend für Angehörige, die am Krankenbett ihres Verstorbenen stehen und doch sehen, wie sich das Brustbein durch die künstliche Beatmung hebt, wie ein hirntoter Menschen sogar noch schwitzen kann. Es ist schwer, zu verstehen, dass der Mensch, der da liegt, nie wieder mit ihnen sprechen wird, nie wieder sein Gehirn wird nutzen können. Auch deshalb sollte man sich zu Lebzeiten mit der Thematik Organspende auseinandersetzen und die Entscheidung nicht seinen Angehörigen in dieser Grenzsituation überlassen.

Im Januar hat der Bundestag für eine Zustimmungslösung und gegen eine Widerspruchslösung gestimmt. Wie finden Sie die Entscheidung?

Für mich waren beide Optionen sehr respektabel. Man muss bedenken, die Organspende hat eigentlich hohe Zustimmungswerte in unserer Gesellschaft. Das letzte Hemmnis für viele Menschen ist die Bequemlichkeit. Dieses Problem hätte man mit der Widerspruchslösung besser angehen können.

Ich finde es aber gut, dass jetzt häufiger auf das Thema der Organspende aufmerksam gemacht werden wird und hoffe, dass sich mehr Menschen für eine Spende entscheiden. Die katholische Kirche versteht die Organspende als einen Akt der Nächstenliebe. Da gehe ich ganz mit.



In welchen Punkten gehen sie nicht mit?

Ich will gar nicht verhehlen, dass ich mir durchaus auch noch weitreichendere Entscheidungen pro Organspende hätte vorstellen können. Allerdings brauchen wir dafür auch parlamentarische Mehrheiten und die hat es nicht gegeben.


Also geht Ihre persönliche Meinung eher in Richtung Widerspruchslösung?

Ja, mein Wunsch ist einfach, dass es zukünftig viel mehr Organspenden geben wird und ich denke, dass das mit dieser Option leichter möglich gewesen wäre. Viele Länder in Europa haben diese positive Erfahrung mit der Widerspruchslösung gemacht.

Die katholische Kirche hat sich aber dagegen ausgesprochen. Welche Probleme sieht sie?

Die Kirche sieht in der Widerspruchslösung einen Eingriff in die Autonomie des Menschen. Wenn es heißt, die Würde des Menschen ist unantastbar, schließt das eben auch das Selbstbestimmungsrecht eines Menschen ein. Die Organspende ist eine sehr elementare Entscheidung und wenn sich ein Mensch nicht dagegen ausspricht, kann das nicht als eindeutiges Bekenntnis für die Spende der eigenen Organe gewertet werden. Jeder Mensch soll freiwillig, selbstbestimmt zustimmen.

Das Leben nach dem Tod ist ein wesentlicher Bestandteil des christlichen Glaubens. Hat eine Organspende nach Auffassung der Kirche Einfluss auf die Auferstehung von den Toten?

Gerade in der Vergangenheit war das für viele streng katholisch geprägte Menschen ein gewisses Hemmnis, einer Entnahme eigener Organe zuzustimmen, keine Frage. Der Glaube an die Auferstehung unter uns Christen ist aber nicht an unseren Körper gebunden. Vielmehr: Alles was uns als Persönlichkeit ausgemacht hat, wird in das ewige Leben eingehen.

Aber eben nicht im buchstäblichen Sinne jede Faser unseres Körpers. Bei vielen Beerdigungen spüre ich richtiggehend im Gottesdienstraum, was von einem Menschen bleibt, was auferstehen wird: die Liebe, die ein Mensch in seinem Leben hat schenken können.

Anderen Menschen zu geben, was mir selbst geschenkt wurde, ist auf jeden Fall etwas, das über den Tod hinaus reicht. Und das meint doch Auferstehung: trotz unseres Todes glauben wir an das Leben. Kranken Menschen mit meiner Organspende eine Perspektive zu schenken, kann genau davon Zeugnis geben.

Zustimmungs- und Widerspruchslösung

Im Januar gipfelte die Diskussion über eine Neuregelung der Organspende in eine Bundestagsabstimmung. Zur Abstimmung standen die sogenannte Widerspruchslösung und die Zustimmungslösung. Die Idee der Widerspruchslösung: Es ist jeder Organspender, der zu Lebzeiten nicht dagegen widerspricht. Bei der Zustimmungslösung, die letztlich beschlossen wurde, ändert sich nicht viel. Bürger sollen aber zukünftig häufiger auf die Organspende aufmerksam gemacht werden. Außerdem soll ein Online-Register geschaffen werden, in das Spender ihre Entscheidung eintragen können. Gesundheitsminister Jens Spahn sagte jetzt zum Tag der Organspende am Samstag, dass das Interesse am Thema „groß wie nie“ sei. Die Zahl der Organspender sei von Januar bis Mai um mehr als acht Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gestiegen.
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