Blick in die „Infrastruktur der Seelen“: Ines Geipel im Römermuseum

hz„Umkämpfte Zone“

Im Halterner Römermuseum stellte Ines Geipel ihr Buch „Umkämpfte Zone“ vor - eine Familiengeschichte und kritische Bestandsaufnahme der DDR-Gesellschaft vor und nach der Wiedervereinigung.

Haltern

, 14.10.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Woher kommen die starken Rechtstendenzen, die neuen Abschottungsbestrebungen in den neuen Bundesländern? Ines Geipel, ehemalige DDR-Spitzensportlerin und heutige Autorin und Literaturprofessorin warf im Römermuseum einen intensiven Blick in die innere Befindlichkeit der Bürger der ehemaligen DDR. Ihr Fazit: Im Westen hat man die inneren Befindlichkeiten der Menschen der ehemaligen DDR nicht verstanden.

Die ehemalige Leichtathletin Geipel stellte vor rund 40 Zuhörern ihr neues Buch „Umkämpfte Zone - mein Bruder, der Osten und der Hass“ vor. Eingeladen hatten die Stadtbücherei, die VHS und die Freunde der Stadtbücherei. Eigentlich hatte die Lesung schon im April stattfinden sollen, war dann aber wegen der Coronalage verschoben worden.

50 Jahre Diktaturerfahrung

Ines Geipels Buch trägt autobiografische Züge. Sie erzählt aus der Perspektive einer Ich-Erzählerin eine Familiengeschichte, gleichzeitig legt sie aber auch eine detaillierte Spurensuche und Aufarbeitung gesellschaftlicher Entwicklungen der

ehemaligen DDR bis in die Gegenwart vor.

50 Jahre Diktaturerfahrung hätten die Menschen in der ehemaligen DDR geprägt, so Ines Geipel. Die traumatisierenden Erfahrungen, die viele machen mussten, auch durch Stasi-Verfolgung und zum Teil ausgeübte staatliche Gewalt seien nie wirklich aufgearbeitet worden. „Viele sind bis heute im Alten gefangen“, so Geipel in Bezug auf die Gesellschaft in den neuen Bundesländern.

Nach 1945 habe es unter Walter Ulbricht Jubelbilder des Aufbruchs gegeben und gleichzeitig eine „Verunmöglichung zu Trauen“. Nach der Wiedervereinigung auf den wirtschaftlichen Aufschwung zu setzen, um eine Einheit der Gesellschaften zu erreichen, sei das falsche Konzept gewesen, so Ines Geipel. „Man hat im Westen den historischen Ballast des Ostens nicht verstanden, hat keinen Blick in die Infrastruktur der Seelen geworfen.“

Hohe Gewaltaffinität

Eine Entnazifizierung, eine Beschäftigung mit dem Holocaust habe es in der DDR nicht gegeben. Ebenso wenig eine Auseinandersetzung der jüngeren Generation mit der Nazivergangenheit der Elterngeneration, wie sie im Westen in der 68-er-Bewegung erfolgte. Die „Generation Mauer“ sei auch deshalb empfänglicher für rechte Tendenzen und zeige eine hohe Gewaltaffinität.

„Ich will Wörter finden“ - so lautet die Motivation der Protagonistin im Buch, sich mit der Vergangenheit auseinander zu setzen. Ines Geipel hat viele dieser Wörter gefunden. In der abschließenden Diskussion stand vor allem ihr Einsatz für viele Opfer der Diktatur im Mittelpunkt.

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