Bürgermeister Andreas Stegemann ist seit gut 100 Tagen im Amt. © Ingrid Wielens
Interview und Video

Bürgermeister Stegemann: „Es wird Veränderungen geben in Haltern“

Bürgermeister Andreas Stegemann ist seit gut 100 Tagen im Amt. Im Interview spricht er über die Themen, die ihn überrascht haben, und über seine Sorgen. Privat gewährt er kleine Einblicke.

Gut 100 Tage sind Sie jetzt als Bürgermeister im Amt – wie lang sind sie Ihnen vorgekommen?

Man könnte sagen: Die Zeit vergeht wie im Fluge. Man hat immer wieder neue Punkte, die zur Diskussion stehen, die ja auch ihren Widerhall in der Presse gefunden haben. Es wird nie langweilig.

Hat sich schon eine gewisse Routine eingestellt?

Ja, eine Arbeitsroutine auf jeden Fall. Ich habe mich schon ganz gut eingelebt. Das wurde mir allerdings auch sehr leicht gemacht. Die Unterstützung hier insbesondere bei mir direkt im Büro war ganz hervorragend.

Corona hat bisher Ihre Amtszeit bestimmt. Wie wirkt sich das auf den Arbeitsalltag aus?

Die Corona-Werte bestimmen mehr oder weniger den Alltag. Morgens setze ich mich als erstes vorne im Büro zur kurzen Tagesbesprechung mit Martina Klaus und Tanja Kieseler zusammen. Der erste Blick geht immer auf die Webseite des Kreises Recklinghausen und die aktuellen Corona-Zahlen. Mein besonderes Augenmerk gilt dabei dem Inzidenzwert und den Todeszahlen in Haltern. Corona prägt den Tagesablauf. Als ich mich zur Kandidatur für das Bürgermeisteramt bereit erklärt habe, hätte ich mit diesem Thema nicht unbedingt rechnen können. Es ist eine neue Herausforderung.

Treiben Sie auch Sorgen um?

Klar, die größte Sorge ist, dass sich die Zahlen in die falsche Richtung entwickeln. Insbesondere jetzt, dass die Mutationen fortschreiten und wir dann stark erhöhte Zahlen haben und auch die Mortalitätsquote deutlich ansteigt. Bisher sind wir relativ gut durchgekommen. Aber natürlich ist jeder Toter ein Toter zu viel und jenseits der Todesfälle gibt es natürlich auch in unserer Stadt schwere Krankheitsverläufe. Es treibt einen vor allem die Sorge um, dass die Menschen, die bisher diszipliniert waren, nicht mehr so diszipliniert sind. Es gibt erste Tendenzen.

Handel, Gewerbe und Gastronomie leiden – wie kann die Stadt ihnen helfen?

Es wird Veränderungen geben – in der Innenstadt und im Besatz. Es wird Firmen geben, die die Corona-Krise nicht überleben. Meine große Sorge gilt insbesondere den beiden großen Modehäusern. Da höre ich immer wieder auch im Gespräch mit den Eigentümern „Die Ampel steht auf Rot“. Es wird eng. Wir leben vom Zusammenspiel zwischen Gastro und Handel. Wenn eins wegfällt, ist das andere auch betroffen. Das ist meine größte Sorge. Als Stadt können wir nur mit kleinen Gesten unterstützen, zum Beispiel Sonderabgaben erlassen. Das hat der Rat auch beschlossen. Große Finanzhilfen können wir nicht leisten. Wir haben aber ein offenes Ohr für alle Belange und versuchen zu helfen, wo es geht.

Wenn Sie in Berlin an der Corona-Runde teilnehmen dürften, gäbe es dann für Sie besondere Schutzmaßnahmen, die Sie Kanzlerin Merkel und den Länderchefs empfehlen würden?

Es gibt Verbesserungspotenzial. Ein wesentlicher Punkt ist die Auszahlung der Wirtschaftshilfen. Wenn wir die Novemberhilfe erst zu einem deutlich späteren Zeitpunkt auszahlen können, ist das ein Problem. Da ist die gesamte Bundesregierung in der Verantwortung. Man darf die Leute hier nicht am langen Arm verhungern lassen. Da muss noch ein wenig mehr Augenmerk drauf gelegt werden.

Zurück zu Ihnen: Was haben Sie im Rathaus schon verändern können?

Die laufenden Strukturen habe ich bisher so gelassen wie sie sind. Allerdings habe ich im Zusammenhang mit Corona den Verwaltungsvorstand verkleinert. Die wirklich wesentlichen Punkte besprechen wir in einem kleineren Kreis, ohne dass alle Fachbereichsleiter immer dabei sind. Das ist corona-bedingt deutlich schlanker aufgestellt. Es spricht aber meiner Meinung auch nach Corona nichts dagegen, das weiterhin so zu handhaben.

Wie viele Mitarbeiter kennen Sie schon persönlich?

(schmunzelt) Ich kannte vorher auch schon ein paar. Aber die Sachbearbeiter sicher nicht alle. Bei über 430 Mitarbeitern kenne ich sicherlich nicht jeden mit seinen Eigenarten. Aber die meisten Namen sagen mir durchaus schon etwas.

Hat das Rathaus Sie auch verändert?

Rein beruflich ist das natürlich etwas ganz anderes. Ich habe früher nicht so oft mit der Zeitung gesprochen. Man steht durchaus anders in der Öffentlichkeit. Man bringt sich natürlich auch mehr in die Öffentlichkeit. Aber es ist etwas anderes, als Bürgermeister durch die Stadt zu laufen.

Wer ist Ihr wichtigster Berater bei kniffligen Angelegenheiten?

Die beiden Dezernenten sind die Hauptberater. Deswegen sind die beiden auch im Verwaltungsvorstand als Hauptansprechpartner. Ich tausche mich auch sehr eng mit Martina Klaus (Leiterin des Bürgermeisterbüros/Anm. d. Redaktion) aus. Sie ist mein verlängerter Arm in die Verwaltung. Außerdem im Rahmen der Dezernatsarbeit mit dem Ordnungsamtsleiter Helmut Lampe, dem Feuerwehrchef Werner Schulte, im Bereich Jugend und Soziales mit Martina Frey und Gisbert Drees, im Bereich Jobcenter mit Frau Roters und Herrn Lange, Eigenbetriebe mit Christian Hovenjürgen.

Wie läuft der Dialog mit den Bürgern?

Anders. Die Bürgermeistersprechstunde montags läuft telefonisch. Sie wird gut angenommen, aber es ist natürlich etwas anderes, als wenn man sich direkt gegenüber sitzt. Ansonsten fällt die sonst einmal im Monat samstags stattfindende Sprechstunde corona-bedingt aus. Mein fester Plan ist es aber, auch die Ortsteilsprechstunden wieder einzuführen, sobald das pandemiemäßig wieder möglich ist.

Sie haben mit Elterbreischlag, Windenergie, Alloheim und Forensik gewissermaßen Altlasten übernommen – hatten Sie schon schlaflose Nächte deswegen?

Natürlich sind das alles Punkte, die man nicht zwingend braucht. Bei der Vorstellung, was ich gerne tun möchte, hätte ich diese Themen nicht zwingend auf der Agenda (lacht). Aber ich muss ja damit umgehen. Man muss die Aufgaben angehen, wenn sie einem gestellt werden. Diese Aufgaben bestimmen jetzt ein wenig den Tagesablauf und werden auch sicher die nächsten Jahre prägen.

Wurden Sie abseits dieser Themen auch von Themen überrascht?

Mit dem Wintereinbruch, also Lockdown und Flockdown gewissermaßen, habe ich nicht gerechnet. Mit der Steverbrücke, die nun abgerissen werden muss, hätte ich nicht im Traum gerechnet. Aber auch im Alltäglichen passieren jeden Tag viele überraschende Sachen. Die haben aber nicht unbedingt immer diese Riesen-Relevanz.

Welche Ziele, die Sie sich vor Ihrer Amtszeit gesetzt haben, konnten Sie schon erfolgreich angehen?

Der Abriss der Brücke ist zumindest jetzt schon in trockenen Tüchern. Das ist mir auch wichtig. Ob wir den Neubau auch zeitnah umsetzen können, wird sich zeigen. Mir ist nur wichtig, dass das nicht eine unendliche Geschichte wird wie beispielsweise der Seestern. Deswegen steht der Abriss jetzt auch schon fest.

Sie wollen Wohnraum für Familien schaffen. Wo soll das umgesetzt werden?

Wir brauchen mehr Fläche. Bei den Katharinenhöfen und im Bereich Nesberg geht es jetzt weiter. Da wird Wohnraum geschaffen werden. Aber es gibt immer eine Problematik: Einerseits Wohnraum schaffen, anderseits Kleinteiligkeit nicht verlieren. Ich hatte im Wahlkampf mal gesagt „Eigenheime statt Klotzbauten“. Es ist allerdings schwierig, den Spagat immer hinzubekommen. Da werde ich nicht jeden glücklich machen können. Beim Thema Nachverdichtung in der Innenstadt ist das eben ein Problem.

Können Sie sich auch andere Wohnformen vorstellen?

Klar, im Bereich Zum Nesberg ist generationenübergreifendes Wohnen angedacht. Ich kann aber nicht sagen, ob das eine Mehrheit in der Politik findet. Im März wird im Ausschuss eine Vorstellung stattfinden, dann kommt es zum Schwur.

Ausgaben und Kosten steigen, aber ein konsolidierter Haushalt ist Ihr erklärtes Ziel – geht das ohne Steuer- oder Gebührenerhöhungen?

Man muss in der Lage sein, so zu wirtschaften, dass man wenigstens eine schwarze Null hat. Ich kann ja nicht über meine Verhältnisse leben. Das ist auch in der Privatwirtschaft so. Zu verantwortlichem Handeln, insbesondere finanzpolitisch und auch generationengerecht, gehört es dazu, dass man einen ausgeglichenen Haushalt darstellt. Man kann nun sagen, ich erhöhe die Ertragsseite – dann muss ich die Steuern erhöhen. Oder ich senke die Ausgabenseite – letztlich durch Personaleinsparungen. Mir ist der Mittelweg deutlich lieber. Die Einschnitte, die zur damaligen Zeit getroffen worden sind, nämlich die massive Erhöhung der Grundsteuer B, sind nicht spurlos an den Bürgern vorübergegangen. Diese haben ihren Teil getan. Ich werde der Letzte sein, der sagt, wir sollten die Steuern erhöhen.

Stichwort Digitalisierung – wie gut sind die Schulen aufgestellt?

Wir sind ziemlich gut aufgestellt. Das kann ich ganz selbstbewusst sagen. Hinsichtlich der Endgeräte sind wir voll auf Stand, die Schulen sind komplett versorgt. Die Bedarfe sind sichergestellt. Auch beim Blick auf die Vergleichsdaten im Kreis bin ich ziemlich begeistert. Da sind wir ganz weit vorn.Zur Wahrheit gehört aber auch: Die Verkabelung und die Zugriffsmöglichkeiten auf das Netz in den einzelnen Schulstandorten müssen sichergestellt sein. Da gibt es einen Medienentwicklungsplan, der eine Zeitschiene von mehreren Jahren vorsieht. Aber auch da sind wir voll im Plan, die Mittel fließen. Aber es braucht noch ein bisschen Zeit.

Was sind die wichtigsten Aufgaben in den nächsten 100 Tagen?

Da kommen sicher noch Punkte dazu, die ich jetzt noch nicht absehen kann. Auf jeden Fall wird es eine Entscheidung hinsichtlich der Steverbrücke geben. Auch die Themen Elterbreischlag, Windvorrangzonen werden noch eine Rolle spielen. Und ich hoffe, dass auch wieder die wirtschaftliche Belebung und das normale Leben in der Innenstadt eine Rolle spielen. Ich hoffe, dass wir nicht noch länger einen Lockdown haben und ich verzweifelte Anrufe aus der Kaufmannschaft bekomme, dass es nicht mehr weitergeht.

Sie kochen gerne – wann haben Sie das letzte Mal für die Familie gekocht?

In diesem Jahr war es zwar schon, aber es ist schon ein bisschen länger her. Ich habe tatsächlich sonntags dann nochmal den Kochlöffel geschwungen. Ich koche aber wirklich sehr gerne. Wobei ich sagen muss, an die Kochkünste meiner Frau komme ich nicht heran.

Was sagt die Familie überhaupt zur neuen Situation – wie hat sich das eingespielt?

Es ist anders geworden. Wenn ich mit der Familie am Wochenende unterwegs bin, wird man öfter angesprochen. Mein Sohn ist auch in der Schule schon darauf angesprochen worden. Es ist erstmal anders. Wenn man das Bild von Papa in der Zeitung sieht, ist das eine Umstellung. Es ist natürlich auch eine herausgehobene Stellung. Meine Frau verfolgt das gesamte Drumherum deutlich intensiver. Man steht mehr im Fokus. Bis jetzt kommen wir aber damit klar.

Und auch sonst hat sich Ihr Privatleben auch corona-bedingt verändert. Das Kegeln fällt aus…

Kegeln fällt seit Urzeiten aus. Wir machen maximal mal ein Skype-Meeting. Wir stehen aber weiterhin in Kontakt. Ich habe also weiterhin auch meine normalen Kontakte – angesichts von Corona natürlich eingeschränkt. Man kann sich nicht treffen, auch nicht zum gemütlichen Bierchen oder zur Geburtstagsfeier. Aber dass ist bei allen anderen ja auch so.

Über die Autorin
Redaktion Haltern
Geboren in Dülmen, Journalistin, seit 1992 im Medienhaus Lensing - von Münster (Münstersche Zeitung) über Dortmund (Mantelredaktion Ruhr Nachrichten) nach Haltern am See. Diplom-Pädagogin und überzeugte Münsterländerin. Begeistert sich für die Menschen und das Geschehen vor Ort.
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Ingrid Wielens
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