Tobias Vorderwülbecke ist neuer Projektkoordinator in der Flüchtlingsarbeit beim Caritasverband Ostvest. © Jürgen Wolter
Flüchtlinge

Corona-Beschränkungen erschweren die Flüchtlingsarbeit in Haltern

Sprachkurse finden nicht statt, Jobs gehen verloren, Kinder verlieren den Anschluss: Die Coronakrise verschärft die Situation der Flüchtlinge in Haltern und führt viele in die Isolation.

Die Einschränkungen durch die Coronakrise sind für jeden eine Belastung, für viele Flüchtlinge in Haltern bedeuten sie eine deutliche Verschlechterung ihrer Situation. „Die Kontaktbeschränkungen führen für viele zu Vereinsamung und Isolation“, sagt Tobias Vorderwülbecke, beim Caritasverband der neue Koordinator des Projekts „Menschen stärken Menschen“ und Nachfolger von Anna Haverkamp bei der Betreuung der Patenschaften von ehrenamtlichen Helfern und Flüchtlingen.

Deutschkenntnisse gehen wieder verloren

745 Geflüchtete sind zurzeit in Haltern untergebracht. „Immer wieder hören wir inzwischen, dass viele ihre Deutschkenntnisse wieder verlieren“, sagt Vorderwülbecke. Sprachkurse können nicht mehr stattfinden. Die Sprachbarrieren erschweren es außerdem, die ständig wechselnden Corona-Schutzbestimmungen zu verstehen. „Geflüchtete, die neu sind, können keine Kontakte knüpfen. Leider findet auch das Café der Kulturen nicht mehr statt, das für viele eine erste Möglichkeit war, mit Einheimischen und anderen Geflüchteten ins Gespräch zu kommen.“

Persönliche Begegnungen zwischen Geflüchteten und Halterner Bürgern sind zurzeit nicht mehr möglich.
Persönliche Begegnungen zwischen Geflüchteten und Halterner Bürgern sind zurzeit nicht mehr möglich. © Geburgis Sommer (Archiv) © Geburgis Sommer (Archiv)

Geflüchtete haben oft ungesicherte Job-Verhältnisse, unter anderem bei Zeitarbeitsfirmen. „Viele haben jetzt ihre Jobs verloren“, so Tobias Vorderwülbecke. „Und sie haben Angst, dass ihre Wohnunterkünfte wegen eventuell auftretender Corona-Infektionen geschlossen werden könnten.“

Nach wie vor sind viele Geflüchtete in den Unterkünften am Lorenkamp und an der Wasserwerkstraße untergebracht. „Aber immer mehr leben auch in privat gemieteten Wohnungen, die sie oft mit Hilfe ihrer ehrenamtlichen Paten gefunden haben“, so Tobias Vorderwülbecke.

Zugang zur digitalen Kommunikation fehlt

Da Behörden und Ämter zurzeit ebenfalls nur eingeschränkt erreichbar sind, gibt es einen erhöhten persönlichen Beratungsbedarf und auch ein erhöhtes Personalaufkommen beim zuständigen Fachdienst Integration und Migration (FIM) der Halterner Caritas. „Wenn die Geflüchteten Briefe von den Ämtern bekommen, diese nicht verstehen, muss man sie persönlich beraten. Hier haben die Kolleginnen und Kollegen auch während der Lockdowns immer die persönliche Beratung aufrecht erhalten“, sagt Tobias Vorderwülbecke.

Probleme bereitet auch der Besuch von Kindergärten und Schulen. Den Geflüchteten fehlen häufig sowohl die Kenntnisse als auch die Geräte, um digitale Kommunikationswege zu nutzen. „Wenn sie kein Deutsch oder Englisch verstehen, kommt noch die Sprachbarriere hinzu“, so der Koordinator. Wann Kindergärten öffnen und wer sie besuchen darf, auch das sei schwierig zu verstehen. Bei der Einschulung fehle den Kindern dann oft die Erfahrung des Kindergartens, durch den sie sowohl Sprachkenntnisse erworben, als auch Abläufe des deutschen Bildungssystems kennen gelernt hatten.

Auch ehrenamtliche Hilfe wird erschwert

Auch für die ehrenamtlichen Helfer in Haltern sei die Arbeit erschwert, sagt Tobias Vorderwühlbecke. „Aus vielen Patenschaften sind auch enge Freundschaften geworden, die oft nicht mehr wie gewohnt gepflegt werden können. Außerdem fehlen alle offenen Veranstaltungen des ehrenamtlichen Halterner Netzwerkes.“

Allerdings hätten sich die ehrenamtlichen Helfer sehr schnell digital vernetzt, sagt der Koordinator des Migrationsdienstes. Durch Telefonkontakte, Spaziergänge im Freien oder Spendenaktionen werde versucht, den Kontakte aufrecht zu erhalten.

Wer sich vorstellen könnte, sich selbst in der Arbeit für Flüchtlinge zu engagieren, kann sich mit Tobias Vorderwülbecke in Verbindung setzen. Er ist erreichbar unter der Telefonnummer 0151 2251 9308 oder per E-Mail unter t.vorderwuelbecke@caritas-ostvest.de.

Tobias Vorderwülbecke

  • Tobias Vorderwülbecke ist der neue Koordinator des Projekts „Menschen stärken Menschen“, das aus Bundesmitteln finanziert wird und beim Caritasverband Datteln/Haltern angesiedelt ist. Der 29-Jährige hat seine Tätigkeit als Nachfolger von Anna Haverkamp im Oktober 2020 angetreten, mitten in Coronazeiten, was den Start nicht gerade erleichtert hat.
  • Vorderwülbecke stammt aus einem kleinen Dorf am Möhnesee, studierte in Münster Geschichte und Kulturwissenschaften und machte an der Universität Bremen seinen Masterabschluss. Er arbeitete in zahlreichen Projekten mit ausländischen Studenten, und war selbst bei Auslandsaufenthalten in Venezuela und Ghana tätig. „Arbeit mit internationalen Kontakten, das war schon immer mein Ziel“, sagt er.
  • In Haltern fühlt sich Vorderwülbecke sehr wohl, auch das landschaftliche Umfeld hat ihn gereizt, sich in die Seestadt zu bewerben: vom Möhnesee an den Halterner Stausee. Seine Stelle bei der Caritas ist zunächst bis Ende des Jahres zeitlich begrenzt.
Über den Autor
Redaktion Haltern
Studium der Germanistik, Publizistik und Philosophie an der Ruhr Universität Bochum. Freie Autorentätigkeit für Buchverlage. Freier Journalist im nördlichen Ruhrgebiet für mehrere Zeitungshäuser. „Menschen und ihre Geschichten faszinieren mich nach wie vor. Sie aufzuschreiben und öffentlich zugänglich zu machen, ist und bleibt meine Leidenschaft.“
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