Corona-Verdachtsfall: Halternerin berichtet von Arzt-Odyssee - „Ich war so wütend“

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Eine Halternerin klagt über grippeartige Symptome. Zwei Wochen zuvor war sie von einer Südostasien-Kreuzfahrt heimgekehrt. Sie rief in ihrer Hausarztpraxis an - dort wurde sie abgewiesen.

Haltern

, 10.03.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die junge Frau aus Haltern war Mitte Februar von einer Kreuzfahrt durch Südostasien zurückgekehrt. Ende Februar verspürte sie plötzlich Halsschmerzen, Husten, Abgeschlagenheit. Ihr Arbeitgeber, ein Krankenhaus, schickte sie nach Hause.

Ihre Kreuzfahrt hatte die Halternerin unter anderem nach Thailand, Singapur und Malaysia geführt. Keine vom Robert-Koch-Institut aufgeführten Risikogebiete - nichtsdestotrotz wollte sie Vorsicht walten lassen.

Vom Hausarzt zur Klinik, zum Gesundheitsamt und wieder zurück

Als erstes meldete sie sich telefonisch in ihrer Hausarztpraxis in Haltern. Doch da wurde sie direkt abgewiesen, schildert sie der Redaktion. „Man hat mir gesagt: Kommen Sie bloß nicht her, wir machen keine Abstriche.“ Ihr sei es sehr schlecht gegangen, sie habe fürchterliche Halsschmerzen gehabt, kaum sprechen können. Die Praxis habe sie an die bundesweite Bereitschaftsnummer 116 117 verwiesen. Dort empfahl man ihr die Paracelsus-Klinik in Marl für einen Abstrich. „Als ich dort anrief, hieß es: Nein, wir behandeln keine ambulante Fälle, rufen sie das Gesundheitsamt an.“ Dort habe man sie wiederum zurück an die Hausarztpraxis verwiesen.

„Ich war so wütend darüber, wie ich hin- und hergeschickt wurde“

„Ich war so wütend darüber, wie ich hin- und hergeschickt wurde“, sagt die 25-Jährige. Von koordiniertem Notfallmanagement habe sie nichts gemerkt. Letztendlich habe ihr Arbeitgeber den Test-Abstrich auf Coronavirus durchgeführt, mit negativem Ergebnis. Doch selbst danach habe man sie in ihrer Hausarztpraxis nicht untersuchen wollen, man habe den schriftlichen Bescheid eingefordert. „Ich hatte immer noch schlimme Halsschmerzen, seit mehreren Tagen nichts gegessen.“

Doch sie sei weder untersucht noch behandelt worden. „Man empfahl mir Ruhe, Wasser und Paracetamol.“ Sie sei dann auf eigene Initiative zum Hals-Nasen-Ohrenarzt gegangen, der eine Rachenentzündung diagnostizierte und sie schließlich mit Antibiotika und Betäubungsspray versorgte. „So etwas macht mich echt traurig“, sagt die junge Frau.

Die Sprecherin des Halterner Ärztenetzes, Dr. Astrid Keller, bedauert die Erfahrungen der Halternerin. Die meisten Praxen würden Abstriche durchführen, so Keller. Man habe sich außerdem in der vergangenen Woche mit den Kollegen in Haltern, sowie dem Krankenhaus über das Vorgehen bei Verdachtsfällen abgestimmt. Das, was die junge Frau schildere, würde wohl so jetzt nicht mehr passieren. Keller sagt aber auch: „Die Diagnostik ist die Entscheidung des behandelnden Arztes.“ Man könne niemanden dazu zwingen.

Wenn ein Erkrankter unangemeldet in die Praxis käme und sie daraufhin geschlossen werden müsse, wäre das auch schlimm für die übrigen Patienten, vom Infektionsrisiko ganz zu schweigen, sagt die Ärztesprecherin. Ende der vergangenen Woche habe es die Empfehlung gegeben, Patienten mit Grippe-Symptomen am Ende der Sprechstunde einzubestellen.

„Die meisten Praxen haben ihre Hausaufgaben gemacht“

Mittlerweile werde überlegt, ob man vor der Praxis Test-Röhrchen bereitstelle, die Angehörige für Erkrankte abholen könnten. „Die Empfehlungen ändern sich ständig“, sagt Astrid Keller. Sie hoffe, dass sich Erfahrungen wie die der jungen Krankenschwester in Haltern nicht wiederholten. „Die meisten Praxen haben ihre Hausaufgaben gemacht.“

Warum die Klinik in Marl an das Gesundheitsamt verwiesen habe, wisse man auch nicht, erklärt Kreissprecher Jochem Manz auf Anfrage. Das Gesundheitsamt führe keine Abstriche und Tests durch, so Manz. Der Hausarzt sei der erste Ansprechpartner für erkrankte Menschen. „Wir treten erst im Fall eines positiven Tests auf den Plan und nehmen Kontakt zu der betroffenen Person auf“, so Manz weiter.

Die Kreisverwaltung hat ein Infotelefon für Fragen rund um das Coronavirus unter der Telefonnummer (02361) 532626 eingerichtet. Das Telefon ist montags bis freitags von 8 bis 16 Uhr erreichbar, am Samstag und Sonntag von 10 bis 14 Uhr.
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