Coronavirus: Halterner (19) muss Auslandseinsatz in Malawi abbrechen

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Ein jähes Ende nahm die Freiwilligenarbeit von Ole Stein, der eine Hilfsorganisation in Benga, einem Dorf im Westen Malawis, unterstützte. Matthis Mühlenbrock hatte ihn kurz zuvor besucht.

von Matthis Mühlenbrock

Haltern

, 19.04.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der mit Lebensmitteln beladene Ford Ranger kämpft sich über einen kleinen Bachlauf inmitten der afrikanischen Savanne in Malawi. Hinter ein paar Maisfeldern wird eine Hütte aus Stroh und Lehm sichtbar. Kinder kommen herbei gelaufen, um dem ankommenden Fahrzeug zuzuschauen, das ihnen einmal pro Monat Nahrungsmittel bringt. Zusammen mit Brother Bryan, einem Mitarbeiter der Organisation MCSPA (Missionary Community of Saint Paul The Apostle) steigt der Halterner Ole Stein aus dem Wagen und fängt an, einen Sack Mehl und einen Eimer mit verschiedenen Tüten von der Ladefläche zu heben. Für die alte Dame, die in der Hütte ein paar Kilometer abseits des Dorfes Benga in Malawi lebt, sind diese Lebensmittel überlebenswichtig.

Bryan und Ole (r.) verteilen Lebensmittel.

Bryan und Ole (r.) verteilen Lebensmittel. © Matthis Mühlenbrock

Die katholische Hilfsorganisation, bei der Ole Stein ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) absolviert, kümmert sich um über 500 Menschen, die Hilfe oder Unterstützung brauchen. Die MCSPA ist in Kenya, Äthiopien, Malawi, dem Südsudan und den Philippinen missionarisch tätig und leistet dort Entwicklungshilfe. Ole begleitet die Hilfsorganisation bei ihren Tätigkeiten in Malawi, von der Lebensmittelversorgung über Hausbau-Projekte bis zu Schulunterricht und Gottesdiensten.

Malawi ist eines der ärmsten Länder der Welt

Laut den Vereinten Nationen gehört Malawi zu den ärmsten Ländern der Welt. Strom, Wasser und Internet sind Luxusgüter. Fast 75 Prozent der Bevölkerung verdient weniger als 1,10 Euro pro Tag, mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt in absoluter Armut. Über 40 Prozent der Kinder sind chronisch unterernährt.

Begegnungen mit Kindern in Benga.

Begegnungen mit Kindern in Benga. © Matthis Mühlenbrock

Nachts kann Ole die Insekten vor dem Fenster trotz Ohrstöpseln noch hören. Für ihn ist das seit sechs Monaten Normalität geworden. Um halb fünf heißt es aufstehen. Nach einem kurzen Frühstück geht es in der Dämmerung in Richtung Dorfplatz, wo er zusammen mit Arbeitern aus dem Dorf auf die Ladefläche eines Kleinlasters steigt. Die Aufgabe heute: Steine von der Brennerei abholen und auf etwa ein Dutzend Hütten verteilen, in denen Brennöfen gebaut werden.

Diese gemauerten Öfen sind für die Bewohner von Benga sicherer als die Feuerstellen, die oft zu Verbrennungen und Rauchvergiftungen führen, was ohne medizinische Versorgung nicht selten tödlich endet. Die von deutschen Studenten entwickelten Öfen sollen genau das verhindern.

Vor-Ort-Hilfe und Öffentlichkeitsarbeit

Die Dankbarkeit der Menschen gegenüber den Helfern ist groß: Mittags werden Ole und die Anderen bei einer der einheimischen Familien zum Essen eingeladen. Die Sonne brennt den ganzen Tag vom Himmel. Während der holprigen Fahrt auf der Ladefläche weht Ole der Staub des Feldweges ins Gesicht, sodass selbst das Atmen schwerfällt.

Bei der nächsten Hütte angekommen, hilft er nicht nur beim Auf- und Abladen der Steine, er dokumentiert die Arbeit auch mit der Kamera, eine für die Öffentlichkeitsarbeit von MCSPA enorm wichtige Aufgabe. Sie hat es sich nicht nur zur Aufgabe gemacht, vor Ort zu helfen, sondern versucht auch, durch die Dokumentation ihrer Arbeit über die vor Ort herrschenden Verhältnisse aufzuklären, auch um für Spenden und Freiwilligenarbeit zu werben.

Ein Vater mit seinem Kind in Benga.

Ein Vater mit seinem Kind in Benga. © Matthis Mühlenbrock

„Man kommt als Freiwilliger hierher, um Erfahrungen zu sammeln und zu lernen, was den erfahrenen Einheimischen langfristig aber nicht viel nützt. Unser wirkliches Potential besteht darin, unsere hier gemachten Erfahrungen und die Probleme, die es hier gibt, bekannter zu machen“, stellt der 19-jährige Abiturient fest.

Coronavirus beendet den Einsatz

Plötzlich ist dann das Coronavirus auch in den abgelegenen Regionen ein Thema. Die amerikanischen Freiwilligen vom Peace-Corps werden überraschend nach Hause zurückgeholt. Ole weiß, bald wird auch er zurückmüssen.

Mitte März ist es dann soweit. Als letzter der Freiwilligen erhält er eine E-Mail mit Flugtickets, die ihn auffordert, nach Hause zurückzukehren. Einen halben Tag hat er Zeit, seine Sachen zu packen und sich von den Menschen wie Father Marolo, Brother Brian, Fernando und all den anderen zu verabschieden, mit denen er in den letzten sechs Monaten zusammengelebt hat. Dann geht es mit dem Taxi nach Lilongwe, die Hauptstadt des Landes.

Kurz vor seinem Abflug erfährt er von für UNICEF in einem Krankenhaus arbeitenden Studenten, dass seit ein paar Wochen Kranke mit einem nicht identifizierten Virus eingeliefert wurden, das Atemnot verursache.

Planung für einen Hausbau bei der Hilfsorganisation.

Planung für einen Hausbau bei der Hilfsorganisation. © Matthis Mühlenbrock

Als einer der Letzten kehrt Ole im Rahmen der staatlichen Rückholaktion nach Deutschland zurück. Einige seiner Kollegen, die ihren Dienst in Peru leisten, sitzen dort fest und schlimmer noch: Einige Einheimische betrachten Fremde dort jetzt als Ursache für das Virus.

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Bis heute gibt es in Malawi noch keine bestätigte Infektion mit COVID-19. Doch während wir Europäer uns durch Corona noch an diesen Gedanken gewöhnen müssen, ist der Tod auch ohne COVID-19 in Malawi und anderen Teilen Afrikas allgegenwärtig. Neben ohnehin schon fehlenden medizinischen Einrichtungen besitzt Malawi keine eigene Möglichkeit, Abstriche auf das Virus hin zu prüfen. Diese müssen in Labors nach Südafrika geflogen werden. Dadurch wird auch in Zukunft eine große Dunkelziffer unter den Infizierten und Opfern zu verzeichnen sein.

Für Ole Stein ist schon jetzt klar: Er würde gerne wieder sobald wie möglich zurück nach Malawi, denn er hat das Land und seine Bewohner in sein Herz geschlossen.

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