Ohne den Männergesangverein hätte es die Gaststätte Eggebrecht vielleicht gar nicht gegeben. Allerdings waren für die Erteilung der Konzession nicht die starken Stimmen ausschlaggebend.

Lavesum

, 23.02.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Gaststätte Eggebrecht ist ab dem 29. Februar geschlossen. Eine fast 125-jährige Geschichte endet mit dem Verkauf eines Hauses, aus dem es viel zu erzählen gibt.

Die Pläne für eine Gaststätte wurden in einer Werkstatt geschmiedet. Als Clemens Eggebrecht, 1871 in Gladbeck geboren, als Wandergeselle ins münsterländische Lavesum kam, lernte er sehr bald Caroline Hiltrop kennen. Die beiden fanden, dass sie gut zueinander passten. Deshalb bauten sie 1895 im Garten der Eltern Hiltrop ein Haus, traten 1896 vor den Traualtar und gründeten im Haus Eggebrecht an der Rekener Straße ihren Hausstand. Clemens Eggebrecht war Schmied und Schlosser, mit Hilfe seiner Schwiegereltern machte er sich angrenzend an das Wohnhaus mit einer Werkstatt selbstständig. Das Paar hatte noch weitere Pläne.

Johann Hiltrop und Elisabeth (geb. Homann) mit ihren sieben Kindern. Tochter Caroline heiratete  später Clemens Eggebrecht und gründete mit ihm die Gaststätte.

Johann Hiltrop und Elisabeth (geb. Homann) mit ihren sieben Kindern. Tochter Caroline heiratete später Clemens Eggebrecht und gründete mit ihm die Gaststätte. © Privat

Caroline Eggebrecht wollte unbedingt eine Schankwirtschaft eröffnen. Doch um eine Konzession zu erhalten, brauchte man zu jener Zeit einen Verein als „Stammgast“. Die 1874 gegründete Gastwirtschaft Hiltrop in der Nachbarschaft war Sammelpunkt aller Lavesumer Vereine. Johann Hiltrop trat seiner Tochter großzügig den Männergesangverein Einigkeit ab und der zeigte sich auch tatsächlich umzugswillig. Fortan war ein zweites wirtschaftliches Standbein gegründet. Eine Familie auch.

Dorfidylle: An der Schankwirtschaft Eggebrecht zieht die Kuh vorbei.

Dorfidylle: An der Schankwirtschaft Eggebrecht zieht die Kuh vorbei. Links ist noch die Schmiede von Clemens Eggebrecht zu sehen. © Privat

Clemens und Caroline Eggebrecht wurden Eltern von zehn Kindern, allerdings überlebten nur drei: Heinrich, Maria und Josef. Die anderen Kinder starben alle früh. Heinrich und Josef arbeiteten nach Schulabschluss in der Schmiede und Schlosserei mit - so wie auch August Hiltrop und Heinrich Meusener hier ihre Lehre als Hufschmied und Schlosser absolvierten. Maria heiratete in die Mühle van Lieshout ein.

Die Freiwillige Feuerwehr gründete sich bei Eggebrecht

In die Wirtschaft hielt derweil ein weiterer Verein Einzug. 1931 gründete sich bei Eggebrecht die Freiwillige Feuerwehr Lavesum, erster Brandmeister war sechs Jahre lang Clemens Eggebrecht. Auch die Lavesumer Landwirte und Jäger kamen gern auf einen Schnaps oder ein Bierchen vorbei. An der Theke brachten sie das Leben vor Ort zur Sprache.

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Richtig voll wurde es beim traditionellen Patronatsfest Swienetöns zu Ehren des Heiligen Antonius. Bei Hiltrops trafen sich vorwiegend die Jugendlichen, bei Eggebrecht die ältere Generation und die, die etwas auf sich hielten. Gewisse Tische und Stühle waren für die Honoratioren reserviert. Wer sich auf den Stammplatz des Bürgermeisters beispielsweise setzte, verstieß klar gegen die dörfliche Ordnung.

1946 feierten Clemens und Caroline Eggebrecht ihre Goldene Hochzeit.

1946 feierten Clemens und Caroline Eggebrecht ihre Goldene Hochzeit. Caroline galt als großherzig und hilfsbereit, Clemens als zufrieden, anspruchslos und unermüdlich Schaffender für seine Familie.

Einige Lavesumer erinnern sich noch, dass manch ein Lavesumer mal eben schnell in Pantoffeln zur Theke hastete. Aus „mal eben“ wurden meistens Stunden. Lavesum war ein Dorf, damals mit gerade 1000 Einwohnern. Jeder kannte jeden und fast jeder war mit jedem verwandt. Da stand manchmal auch ein Fettnäpfchen offen.

Josef und Eugenie Eggebrecht waren die letzten der Familie, die das Gasthaus führten.

Josef und Eugenie Eggebrecht waren die letzten der Familie, die das Gasthaus führten. Danach übernahmen Pächter die Gastronomie, zuletzt Petra und Horst Peger. © Privat

Die nächste Generation zog ins Haus Eggebrecht: Eugenie König (1903 - 1993) heiratete Heinrich Eggebrecht. Der verstarb nach sechs Jahren durch einen Unfall, so nahm Eugenie dessen Bruder Josef (1910-1978) zum Mann. Beide Ehen blieben kinderlos. Josef van Lieshout war das Patenkind von Eugenie. Er und auch seine Frau Mariele erinnern sich bei einem Gespräch mit der Halterner Zeitung gern an Tante Eugi, wie sie sie nannten. „Sie war sehr lieb und strebsam“, sagen sie. Die Gaststätte öffnete erst ab 17 Uhr, außer sonntags. „Eggebrecht, das war Lavesums Dorfkneipe. Es gab Schnaps und Bier und das am Sonntag ohne Ende“, erzählt Josef van Lieshout. Als Stärkung reichte Wirtin Eugenie allenfalls ein Butterbrot. Nur zu Swienetöns servierte sie - oft in der Küche von Familienmitgliedern wie Mariele van Lieshout unterstützt - Koteletts und Töttchen.

Eine alte Ansicht von Haus Eggebrecht.

Die Wirtsleute Eggebrecht warben mit dieser Postkarte für ihre Restauration. Das Haus bauten sie 1895, im Juli 1896 heirateten Clemens und Caroline Eggebrecht. © Privat

Eugenie Eggebrecht übergab Ende der 70er-Jahre die Gaststätte in die Hände von Pächtern, die letzten - Horst und Petra Seger - ziehen jetzt aus. Das Haus gehört Inge Niederberghaus, deren Mutter vom Königshof in Hennewig stammte. Eugenie Eggebrecht starb 1993 in einem Pflegeheim in Darfeld.

Das Traditionshaus steht nun zum Verkauf

Ganz in der Nähe, in Billerbeck, wohnt die 82-jährige Erbin. Sie bietet das Haus Eggebrecht nun auf dem Immobilienmarkt an, will aber nicht, dass es abgerissen wird. Sie habe sechsstellig in Renovierungen investiert, zuletzt sei 1992 die Einrichtung im Thekenraum neu angeschafft worden. „Ich habe zwar keinen Einfluss auf das, was wird, aber dennoch ist mein größter Wunsch, dass Eggebrecht erhalten bleibt“, sagt sie gegenüber der Halterner Zeitung. Das wäre den Lavesumern auch am liebsten, denn mit der Schließung am 29. Februar endet die Kneipenkultur im Dorf.

Die letzten Pächter führten 28 Jahre das Lokal

„Hotti“ und Petra Peger, die nach der Wende von Dresden nach Lavesum zogen und die Gaststätte übernahmen, drehen nach 28 Jahren den Zapfhahn zu und den Herd ab. Die Stammgäste sind traurig. Sie sind überzeugt: Nirgendwo in Haltern konnte man bessere Schnitzel essen und nirgendwo schöner in gemütlicher Runde Dorfleben genießen, Doppelkopf kloppen und Lokal- und Weltpolitik an der Theke bei einem Bier betrachten.

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