Eine Branche im Umbruch: Chemische Reinigungen schließen, neue werden nicht mehr eröffnet. Das hat nicht nur mit Umweltauflagen zu tun.

Haltern

, 27.09.2019, 12:35 Uhr / Lesedauer: 3 min

„Man kann davon ausgehen, dass in den letzten Jahren etwa 50 Prozent der Betriebe aufgegeben haben“, sagt Nils Laue. Der Halterner betreibt in Recklinghausen die Textilreinigung „Mutters Hilfe“. Heute hat sie noch ein Geschäft, es gab mal insgesamt 12 Standorte im Kreis Recklinghausen.

Das Familienunternehmen blickt schon auf eine lange Tradition zurück. Vor 52 Jahren wurde es von Nils Laues Großvater Kurt gegründet. In den 70er-Jahren übernahm dessen Sohn Peter Laue den Betrieb. Er baute ihn auf insgesamt 12 Standorte aus.

Umweltauflagen wurden strenger

„In den 80er-Jahren wuchs das Umweltbewusstsein, die Auflagen für die Betriebe wurden strenger“, so Nils Laue. „FCKW wurde verboten, Lüftungsanlagen mussten eingebaut werden.“ Die strengeren Umweltauflagen sind aber nicht der einzige Grund, warum es der Branche zunehmend schlecht geht. „Der Kleidungsstil der Menschen hat sich grundlegend geändert“, sagt Nils Laue. „Früher wurden mehr Anzüge und hochwertigere Stoffe getragen, die gereinigt werden mussten. Mit dem Siegeszug der Jeans und der Freizeitmode gab es immer mehr Wäsche, die zuhause selbst gewaschen werden konnte.“

Heute arbeiten die Maschinen der chemischen Reinigung mit geschlossenen Kreisläufen. „Eine solche Maschine anzuschaffen, das kostet zwischen 150.000 und 300.000 Euro“, sagt Nils Laue. „Das sind Kosten, die viele davon abhalten, eine neue Reinigung zu eröffnen.“

Inhabergeführte Geschäfte

Vor allem inhabergeführte Reinigungen würden überleben, das gelte für die gesamte Branche, sagt Nils Laue. Personal zu finden, sei nicht einfach. „Viele Inhaber finden auch keine Nachfolger, deshalb reduziert sich die Zahl der Reinigungen weiter.“ Erstmals seit Jahren seien allerdings die Umsätze leicht steigend. „Ob das aber ein Trend ist oder nur eine Momentaufnahme, kann man im Augenblick noch nicht sagen“, so Nils Laue.

„Man muss grundsätzlich unterscheiden zwischen Wäscherei und chemischer Reinigung“ sagt Uwe Jeromin. Er betreibt seit 20 Jahren einen Wäsche-Service an der Annabergstraße in Haltern. Gewaschen wird hier vor Ort, gereinigt aber nicht. „Die Teile für die chemische Reinigung nehme ich nur an“, sagt Jeromin. Die werden bei Nils Laue in Recklinghausen gereinigt.

Wäschereiservice, das sei Haushaltswäsche in großem Stil, so Jeromin. „Im Prinzip umweltfreundlicher als zuhause in der heimischen Waschmaschine, weil wir genauer dosieren. Es braucht nur einen winzigen Schaumfilm, um Schmutzpartikel aus der Wäsche zu transportieren, zuhause wird meist eher zu hoch dosiert“, so Jeromin.

Er hat seinen Meisterbrief als Textilreiniger erworben, bevor er sein Geschäft eröffnete. „Das war damals noch Vorschrift, also habe ich auch chemische Reinigung gelernt, obwohl das von der Wäschemenge her nur rund 20 Prozent ausmacht.“

Bei der Reinigung kommen Lösungsmittel zum Einsatz

Da bei der Chemischen Reinigung mit Lösungsmitteln gearbeitet werde, seien die Umweltauflagen sehr hoch, so Uwe Jeromin. Die chemische Reinigung erfolgt in einem geschlossenen System. „Wenn Sie die Maschine öffnen, dürfen lediglich 2 ppm (Parts per Million) der Lösungsmittel in einem Kubikmeter Luft enthalten sein. Die Reinigungsmittel müssen fachgerecht entsorgt werden.“ In Haltern gibt es zurzeit keine chemische Reinigung mehr vor Ort.

Durch normale Waschlauge quellen die Fasern mancher Stoffe auf. Vor allem hoch­wertige Business-, Freizeit- und Festkleidung ist deshalb oft ein Fall für die chemische Reinigung. Die meisten Betriebe reinigen „trocken“. Sie verwenden Lösungsmittel, die der Kleidung Schmutz und Fett entziehen, informiert die Stiftung Warentest. Daneben etabliert sich zunehmend aber auch die umweltschonendere „professionelle Nass­reinigung“, bei der als Lösemittel Wasser mit Waschmittel dient.

Rund 70 Prozent der Reinigungen arbeiten mit Perchlorethylen (Abkürzung: Per) – einer nicht brennbaren, leicht flüchtigen Flüssigkeit, die Augen und Atemwege reizt und im Verdacht steht, Krebs zu erregen. Seit 1991 darf Perchlorethylen nur noch in geschlossenen Anlagen verwendet werden, die Kleidung nach dem Reinigen auch trocknen.

Industrielle Großwäschereien

Die Textil-Dienstleistungsbranche ist sehr heterogen. „Von der kleinen Reinigung als Zweimannbetrieb bis hin zur industriellen Großwäscherei mit mehreren Hundert Angestellten sind eine Vielzahl unterschiedlichster Betriebsformen und -größen auf dem deutschen Markt vertreten“, so der Deutsche Textilreinigungsverband (DTV), der rund 800 Unternehmen vertritt.

Er informiert auf seiner Homepage darüber, dass die Zahl der Betriebe kontinuierlich abnimmt, allein zwischen 2010 und 2017 um rund 19 Prozent. 2017 zählte das Statistische Bundesamt erstmals weniger als 5000 Wäschereien und Reinigungen in Deutschland, nämlich nur 4918 Betriebe. „Neben der Schließung vieler Kleinstbetriebe – ohne dass im direkten Umfeld neue Betriebe entstehen – findet im Bereich der mittelständischen Betriebe eine immer weitere Marktkonzentrierung durch Fusionen, Zusammenschlüsse oder Aufkäufe statt“, heißt es dort weiter.

Gleichzeitig fällt die Umsatzentwicklung positiv aus. Die Umsätze der handwerklich organisierten Reinigungen und Wäschereien legten nach Angaben des Statistischen Bundesamtes auf 3 Milliarden Euro zu, ein Indiz, dass immer weniger Betriebe, immer mehr Aufträge abwickeln müssen. „Die Auftragsbücher sind voll und die Betriebsauslastungen hoch“, bestätigt der DTV.

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