Einige schreckliche Schicksalsschläge kann eine Halterner Familie nur durchstehen, weil viele Mitglieder zusammen halten. © Janis Czymoch
Corona-Helden

„Durch die Hölle gegangen“ – Halterner Familie erlebt Corona-Albtraum

Der Corona-Tod des Vaters war nicht der einzige Schicksalsschlag, den eine Halterner Familie verkraften musste. Viele Menschen halfen, die schwere Zeit zu überstehen.

Eine Woche vor Heiligabend werden Gisela König (77) und ihr 86-jähriger Ehemann positiv auf das Coronavirus getestet. Weil beide zur Hochrisikogruppe gehören, wollen sie in einem gemeinsamen Gespräch am Esstisch ihre Situation ganz nüchtern betrachten. „Wenn du überlebst, läuft alles so, wie es ist, aber wenn ich überlebe, habe ich wahnsinnige Angst“, sagt sie an diesem letzten Abend zu ihrem Gatten.

In 54 Ehejahren hat der 86-Jährige immer den „Papierkram“ übernommen. Also geht er mit seiner Frau in den Akten-Keller, um ihr für den Ernstfall alles Wissenswerte zu erklären.

Der Ernstfall tritt über Nacht ein

Als sich sein Zustand über Nacht drastisch verschlechtert, muss er am Morgen von Sanitätern ins St.-Sixtus-Hospital gebracht werden. Da er unter Vorerkrankungen leidet, sind Krankenhausaufenthalte für die Eheleute erst mal kein Neuland. Doch diesmal ist etwas anders. Denn bevor er geht, legt der 86-Jährige seinen Ehering auf den Tisch. Das hat er vorher noch nie gemacht.

Weil auch die 77-jährige Ehefrau positiv auf Corona getestet wird, muss sie zu Hause in Quarantäne bangen und hoffen, während ihre Tochter Iris Keller im St.-Sixtus-Hospital am Krankenbett ihres Vaters sitzt. „Da dachte ich noch, dass er zurückkommt“, sagt sie leise.

Vater stirbt am 22. Dezember 2020

„Ich saß dort komplett in Schutzkleidung am Bett meines Vaters und wusste gar nicht, was ich machen soll“, erzählt Iris Keller. Weil ihr Vater über 70 Jahre im Männerchor gesungen hat und ein großer Fan von Udo Jürgens ist, singt sie ihm in den letzten Stunden noch Lieder von dem Sänger vor. „Ich habe noch gehofft, dass er wach wird und sagt ‚Wann hörst du endlich auf zu singen?‘“, erzählt die 50-Jährige. Doch er wird nicht mehr wach. Ihr Vater stirbt am 22. Dezember 2020, als zweiter Halterner überhaupt mit Corona.

Iris Keller steht in diesen Tagen kurz vor dem Zusammenbruch. „Ohne die Hilfe meiner Patentante Petra, die auch die Schwester meiner Mutter ist, hätte ich die Zeit nicht überstanden. Sie ist meine Corona-Heldin“, sagt sie über ihre Tante.

Emotionale Botschaft beschleunigt Corona-Genesung

„Es war heftig“, erinnert sich Petra Ziel. „Wir konnten nach dem Tod meines Schwagers ja gar nicht zu meiner Schwester rein und haben dann vor dem Haus gestanden und mit ihr über das Handy kommuniziert“, sagt die 66-Jährige.

Nur zwei Tage später werden urplötzlich auch bei ihrer Schwester die Corona-Symptome stärker: An Heiligabend muss die 77-Jährige ebenfalls ins St.-Sixtus-Hospital eingeliefert werden. „Ich dachte ganz einfach, dass ich es nicht schaffe“, sagt die Halternerin heute.

In dieser hoffnungslosen Zeit eilen Tochter Iris und Schwester Petra ihr zu Rettung. Die beiden Frauen erstellen gemeinsam mit der Enkelin große Herzen aus Pappe und fahren zum Krankenhaus. „Ich sollte zum Fenster kommen und als ich sie dann unten mit den Schildern gesehen habe, wusste ich, dass ich es schaffen muss“, sagt die 77-Jährige. Für sie steht fest: „Meine Tochter Iris ist meine Corona-Heldin.“

Für ihre Mutter (r.) ist Iris Keller (l.) ihre größte Corona-Heldin. Außerdem ist sie den Mitarbeitern im St. Sixtus-Hospital unglaublich dankbar.
Für ihre Mutter (r.) ist Iris Keller (l.) ihre größte Corona-Heldin. Außerdem ist sie den Mitarbeitern im St.-Sixtus-Hospital unglaublich dankbar. © Janis Czymoch © Janis Czymoch

Mitarbeiter des St. Sixtus-Hospital ebenfalls Corona-Helden

Wenn Petra Ziel zurückdenkt, sind es immer noch schreckliche Erinnerungen: „In der Situation wussten wir gar nicht mehr, was wir tun sollen und haben einfach funktioniert. Da sind wir mit meiner Schwester durch die Hölle gegangen.“

Für König selber gibt es noch weitere Corona-Helden neben Tochter Iris: „Tamara, Birgit, Silvia und Ralf sind nur ein paar Namen von Mitarbeitern im Krankenhaus, die selber eine Familie haben und mir und anderen so sehr geholfen haben. Sie sind alle meine Corona-Helden.“

Wir suchen weiter echte Corona-Heldinnen und -Helden. Haben Sie Ihren Mitmenschen auf besondere Art und Weise durch die Krise geholfen? Oder gibt es jemanden, dem Sie für seine Unterstützung danken möchten? Dann melden Sie sich unter redaktion@halternerzeitung.de. Wir erzählen ab sofort kleine und große Helden-Geschichten.

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Ist passionierter und aktiver Sportler aus dem schönen Bergischen Land und seit 2011, ursprünglich wegen des Studiums, im Ruhrgebiet unterwegs. Liebt die Kommunikation mit Menschen im Allgemeinen und das Aufschreiben ihrer Geschichten im Speziellen.
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