Der Jude Jakob Meyer lebte auch in Haltern. Er gründete die Bochumer Metzgerei Dönninghaus und wurde von den Nazis ermordet. Puzzleteile seines Lebens fügen sich nun zu einem großen Ganzen.

Haltern

, 01.03.2019 / Lesedauer: 5 min

Auf dem Gedenkstein des jüdischen Friedhofs in Haltern ist der Name Jakob Meyer eingraviert. Bislang gab es in der Seestadt nicht viele Erkenntnisse über das Leben des Halterner Juden. Nur soviel: Jakob Meyer hat vorübergehend in der Seestadt gelebt. Viele kleine Puzzlestücke aus seinem Leben hat nun ein Bochumer Hobby-Historiker zusammengefügt. Der 25 Jahre alte Simon Zimmer sagt: „Jakob Meyer wurde im Konzentrationslager Auschwitz ermordet.“ Auch über die Zeit vor dessen Aufenthalt in Haltern herrscht inzwischen eine überraschende und zugleich erschreckende Klarheit: Jakob Meyer war der Gründer der Bochumer Kult-Metzgerei Dönninghaus. Der Betrieb, der über die Grenzen der Ruhrgebietsstadt hinweg bekannt ist und dessen Currywurst Jahre später sogar von Herbert Grönemeyer besungen werden sollte, ist von den Nazis „arisiert“ worden.

„Diese Geschichte bedrückt mich sehr“

Simon Zimmer versteht sich als persönlicher Verteidiger des Mannes, dessen Leben so unfassbar grauenvoll endete. „Jakob Meyer hatte niemanden, der ihm geholfen, der ihn unterstützt hat“, sagt er. „Seine Geschichte soll und muss erzählt werden.“ Die systematische Ausbeutung durch den Staat, das Unrecht, das ihm widerfahren sei, dürfe nicht vergessen werden. Simon Zimmer will in Zeiten, in denen Fremdenfeindlichkeit zunimmt und „in der die braune Gefahr wieder hochkocht“, eine öffentliche Debatte anstoßen. Einige Monate hat er sich mit dem Menschen, dessen Wurzeln in Haltern auszumachen sind, auseinandergesetzt. „Diese Geschichte bedrückt mich sehr“, sagt Simon Zimmer.

Zwangsenteignung im Jahr 1937

Jakob Meyer wird am 3. Juni 1885 in Wesel geboren. In Bochum macht er sich später an der Brückstraße als Metzger selbstständig. Nachdem die NSDAP in der Stadt bereits 1935 dazu aufgefordert hat, jüdische Geschäfte und Warenhäuser zu meiden (die Firma Jakob Meyer, Brückstraße 49, wird namentlich erwähnt), enteignet sie den Eigentümer zwei Jahre später.

Enteignet und ermordet: Dönninghaus-Gründer hatte familiäre Wurzeln in Haltern

SA-Männer klebten während des Dritten Reiches volksverhetzende Plakate mit der Aufschrift „Deutsche! Wehrt Euch! Kauft nicht bei Juden“ an die Schaufensterscheiben der Geschäfte jüdischer Besitzer (undatiertes Archivfoto). © dpa

Ein notarieller Kaufvertrag vom 6. Dezember 1937 bescheinigt die Übernahme der Metzgerei durch Otto Dönninghaus. Eine Kaufsumme wird nicht genannt. Es ist zu befürchten, dass der Betrieb zum Spottpreis zwangsverkauft wurde. Der Bochumer Historiker Hubert Schneider hatte die Enteignung nachgezeichnet. Die Chronik des Nachfolge-Eigentümers gibt indes nichts Entsprechendes her: „Die Fleischerei Dönninghaus wurde im Jahre 1935 von Otto Dönninghaus gegründet“, ist auf der Webseite zu lesen. Von Zwangsenteignung keine Rede. Jakob Meyer lebt noch fast ein Jahr in Bochum. Am 3. Oktober 1938 meldet er sich nach Haltern um.

Novemberpogrome nur gut einen Monat später

Wo die Recherchen des emeritierten Ruhr-Uni-Professors Schneider enden, helfen nun der Halterner Historiker Dieter Stüber mit seinen 2016 erschienenen Buch „Die Schicksale der jüdischen Familien in Haltern am See von 1925 bis 1945“ und Gregor Husmann vom Stadtarchiv Simon Zimmer weiter. Demnach lebt offenbar ein Großteil der Familie Meyer in der Seestadt - ein Teil in der Recklinghäuser Straße 33, ein Teil in der Rekumer Straße 18. Der damals 53 Jahre alte Jakob Meyer lebt mit einigen Verwandten in der Rekumer Straße.

Enteignet und ermordet: Dönninghaus-Gründer hatte familiäre Wurzeln in Haltern

Stadtarchivar Gregor Husmann entdeckte im Archiv die Meldekarten von Mitgliedern der Familie Meyer. © Ingrid Wielens

Es vergeht nur gut ein Monat, als die Nazis in Haltern bei den Novemberpogromen (9. bis 11. November 1938) alle Juden der Stadt aufsuchen - auch die Familie Meyer in der Rekumer Straße. Das Mobiliar wird zerstört, der Küchenherd und andere wichtige Gegenstände werden aus dem Fenstern hinunter auf die Straße geworfen - das Haus ist danach nicht mehr bewohnbar.

Rekumer Straße 18

Stolpersteine erinnern an Familie Meyer

Das Haus Nummer 18 in der Rekumer Straße im Zentrum Halterns wird im März 1945 bei einem Luftangriff zerbombt, später wieder aufgebaut. Heute befindet sich an der Stelle die Bären-Apotheke. Vor dem Haus sind zwei Stolpersteine für die Schwestern Caecilia und Dora Meyer in den Boden eingelassen. Auch vor der Recklinghäuser Straße 33 gibt es einen Stolperstein - für Rosalie Meyer.

„Es ist unglaublich, dass den Juden wenige Tage nach diesen Überfällen die Kosten für die ,Wiederherstellung des Straßenbilds’ in Rechnung gestellt wurden“. Auch Simon Zimmer kann die Ereignisse jener Jahre nicht fassen.

Die schreckliche Flucht beginnt

Am 3. Dezember 1938 wird der Zwangsverkauf der bis dahin nicht arisierten Gewerbebetriebe in Haltern angeordnet. Die Familie Meyer zerstreut sich auf der Flucht aus Haltern in alle Himmelsrichtungen. Das Gedenkbuch des Bundesarchivs in Koblenz zeichnet Jakob Meyers letzten Lebensabschnitt nach, der von der Angst vor den Nationalsozialisten, von unermesslichem Schmerz und Leid und schließlich von einem grauenhaften Tod gekennzeichnet ist.

Jakob Meyer zieht zunächst zurück in seine Geburtsstadt Wesel. Vor dem 10. Mai 1940 muss er dann nach Belgien geflüchtet sein, denn das Land wird an diesem Tag von der Wehrmacht überrollt und besetzt. Die Nazis spüren den Juden auf, mit dem Zug lassen sie ihn ins Internierungslager Saint-Cyprien in den Pyrenäen (Südfrankreich) bringen. Dort sind hauptsächlich jüdische Flüchtlinge kaserniert. Aber auch Tausende spanische republikanische Flüchtlinge, die vor dem Bürgerkrieg und der Diktatur Francisco Francos flohen, sind dort untergebracht.

Das Lager besteht aus 13 durch Stacheldraht voneinander getrennten Blöcken. Jeder Block ist 300 mal 500 Meer groß und besteht aus 28 Baracken. In jeder sind 75 Männer untergebracht. Theoretisch fasst das Lager insgesamt 27.000 Menschen.

Von Saint-Cyprien aus wird Jakob Meyer in das Sammel- und Durchgangslager Drancy nordöstlich von Paris gebracht. Phillippe Allouche, Direktor der Stiftung der Gedenkstätte, die dort viele Jahre später entsteht, wird das „Internierungslager für Juden und unerwünschte Elemente Drancy“ Jahre später das „Vorzimmer des Todes“ nennen. Von hier aus werden Zehntausende Juden in die Vernichtungslager gebracht.

Deportation nach Auschwitz am 31. August 1942

Am 31. August 1942 - nach mehr als zwei Jahren in den beiden französischen Massenlagern - wird Jakob Meyer mit etwa 1000 weiteren Personen - Männer, Frauen und Kinder - ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Dort wird Jakob Meyer ermordet. Ein genauer Todestag ist nicht bekannt.

Enteignet und ermordet: Dönninghaus-Gründer hatte familiäre Wurzeln in Haltern

Ein Häftlingstransport aus Ungarn trifft im Lager Auschwitz ein (undatierte Aufnahme). Auch Jakob Meyer kam hier zu Tode. © dpa

Jakob Meyer wird wie die meisten ermordeten Juden mit dem Datum 8. Mai 1945 - dem Tag des Kriegsendes - für tot erklärt. Auch das Amtsgericht Haltern dokumentiert das mit einem Beschluss vom 27. Juli 1950. Denn Jakob Meyer war offenbar verheiratet - seine Ehefrau Erna hatte den Beschluss des Halterner Gerichts beantragt. Sie lebte zu dem Zeitpunkt bereits in New York/USA.

Jüdische Familien in Haltern

Alexander Lebenstein überlebte als Einziger die Deportation aus Haltern

Im Jahr 1932 lebten 27 Juden in Haltern. Weniger als ein Drittel von ihnen erlebten die Reichskristallnacht 1938 noch in der Seestadt - sie waren zuvor geflüchtet. 1939, als der Krieg ausbrach, gab es nur noch sieben Juden in Haltern. Bis auf den damals 12 Jahre alten Alexander Lebenstein, der als einziger Halterner Jude die Deportation aus Haltern überlebte, kamen alle im Osten um.

Simon Zimmer hat die Ergebnisse seiner Recherchen Dönninghaus-Chef Dirk Schulz zukommen lassen. Noch habe er keine Reaktion bekommen, erklärt der 25-Jährige. Grundsätzlich habe Schulz aber bereits mitgeteilt, an der Aufarbeitung der Geschichte interessiert zu sein. Von einer „Arisierung“ indes habe er nichts gewusst, hieß es. „Die Bochumer Unternehmen sollten sich zu ihrer Geschichte bekennen“, meint Simon Zimmer. Insgesamt 28 wurden in der Stadt enteignet.

Der junge Finanzbeamte indes forscht weiter. Dafür wird er noch einige Male nach Haltern kommen und wohl auch Stadtarchivar Gregor Husmann aufsuchen. „Möglicherweise gibt es noch Nachfahren von Jakob Meyer“, sagt Simon Zimmer. „Auszuschließen jedenfalls ist das zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht.“

Familie Meyer aus Haltern

Die Verwandtschaftsgrade sind zum Teil ungeklärt

Viele Mitglieder der Familie Meyer lebten in Haltern. Unklar ist mitunter die Art der verwandtschaftlichen Beziehungen. Einigen Aufschluss aber konnte Stadtarchivar Greogr Husmann auf Anfrage geben. Folgende Personen werden in den Beiträgen zur Stadtgeschichte von Autor Dietherd Aschoff/„Die Juden in Haltern“) genannt:
  • Jette Meyer kommt am 25. März 1878 in Wesel als Tochter von Hermann Meyer und Maria Elisabeth Meyer (geborene Suhsmann) zur Welt. Auch sie lebt eine Weile in der Rekumer Straße 18. Nach den Novemberpogromen flieht sie in die Brückstraße 49 nach Bochum. Von dort wird sie an einen unbekannten Ort deportiert und ermordet. Sie gilt als verschollen.
  • Elise Meyer wird als Tochter von Joel Meyer und Sara (geborene Michel) am 13. April 1882 in Haltern geboren. Sie wohnt in der Rekumer Straße 18 und ist berufslos, was damals üblich war. Sie stirbt am 29. März 1937.
  • Marie Anna Meyer, wird ebenfalls als Tochter von Joel Meyer und Sara (geborene Michel) am 30. April 1875 in Haltern geboren. Sie heiratet 1930 und zieht nach Coesfeld. Ihr Schicksal blieb im Dunkeln. Sie wird für tot erklärt.
  • Max Meyer, am 1. Februar 1888 in Haltern geboren, lebt ebenfalls in der Rekumer Straße 18. Er heiratet Doris Michel und zieht mit ihr nach Koethen (Sachsen-Anhalt). Die Kinder Vera und Gusti werden geboren. Die gesamte Familie wird deportiert. Max wird für tot erklärt.
  • Nathan Meyer, geboren am 8. April 1885 in Haltern. Er stirbt 1908 in Dinslaken.
  • Rosalie Meyer, am 8. Mai 1874 als Rosalie Hertz in Coesfeld geboren, wohnt bis zum Tod ihres Ehemanns Sigmund Meyer 1938 in der Recklinghäuser Straße 33 in Haltern. 1939 zieht sie nach Coesfeld zurück. Sie wird später von Lüdinghausen aus nach Auschwitz deportiert und für tot erklärt.
  • Sara Meyer, am 7. Juli 1870 in Haltern als Tochter von Rosalie und Sigmund Meyer in Haltern geboren, heiratet in Dülmen Hugo Pins. Sie wurde nach Auschwitz deportiert und für tot erklärt.
  • Caecilia (Cella) Meyer wird am 8. März 1877 als Tochter von Meyer Meyer und Jeanette (geborene Wolff) in Haltern geboren. Sie ist die Schwester von Dora Meyer. Am 28. Juni 1938 zieht sie in die Recklinghäuser Straße 33 zur Witwe Rosalie Meyer um. Am 25. Oktober 1939 flüchtet sie zunächst nach Lüdinghausen. Ihr Schicksal ist unbekannt, sie gilt als verschollen.
  • Dora Meyer, am 10. Oktober 1874 in Haltern als Tochter von Meyer Meyer und Jeanette (geborene Wolff) geboren, ist die Schwester von Caecilia Meyer. Auch sie zieht offenbar zunächst in die Recklinghäuser Straße und dann später nach Lüdinghausen. Ihr Schicksal ist nicht bekannt, sie gilt ebenfalls als verschollen.
  • Fanny Meyer, geboren am 6. September 1878 in Haltern, ist die Tochter von Joel Meyer und Sara (geborene Michel) und Schwester von Elise, Marie Anna und vermutlich Jette Meyer. Sie lebte seit 1906 in den Niederlanden.
  • Selma Meyer, am 4. August 1883 in Haltern geboren, lebte seit 1915 in Remscheid und seit 1939 in den Niederlanden.
  • Henriette Hegt, geborene Meyer, kommt am 4. März 1877 als Tochter von Joel Meyer und Sara (geborene Michel) in Haltern zur Welt. Sie ist die Schwester von Fanny, Elise und Marie Anna Meyer. Henriette heiratet später Isidor Hegt. Das Ehepaar lebte viele Jahre in Amsterdam und kam erst im Alter wieder zurück in die Seestadt. Beide starben hier im Jahr 1934.
  • Jakob Meyer wird am 3. Juni 1885 in Wesel als Sohn von Bernhard Meyer und Regine (geborene Marx) geboren.
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