Von Wiederaufbau- zu Kriegsberichten: Halterner bei einzig freiem Radiosender Nordsyriens

hzHalterner in Syrien

Ein Halterner mit kurdischen Wurzeln pendelt zwischen der Seestadt und Nordsyrien. Dort betreibt er einen Radiosender. In der aktuellen Krise mit der Türkei ist er besonders gefordert.

Haltern

, 18.10.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Siruan Hadsch Hossein ist erst vor zwei Wochen aus Syrien zurückgekehrt. Der 42-jährige gebürtige Kurde wuchs in Haltern auf. Seitdem lebt er hier zusammen mit seiner Frau und seinem sieben Jahre alten Sohn. Zumindest überwiegend. Denn die Koffer sind schon fast wieder gepackt. Die Militäroffensive, die der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan in diesen Tagen gegen die Kurden in Nordsyrien führt, versetzt Siruan Hadsch Hossein in Angst und Schrecken. „Wir analysieren gerade die Lage dort“, sagt er. „Ich muss so schnell wie möglich wieder zurück.“

„Die Stimme der Hoffnung“

Siruan Hadsch Hossein hat 2013 den syrischen Radiosender Arta FM gegründet. Seitdem pendelt er zwischen Haltern und Syrien. Arta FM hat sein Hauptquartier im nordsyrischen Amude. Weitere Radiostationen gibt es in fünf Städten. Die mehr als 140 Mitarbeiter nennen sich „Die Stimme der Hoffnung“. Sie berichten seit sechs Jahren über das Leben und den Alltag in Nordsyrien. Und über den Wiederaufbau.

„Amude liegt mittendrin“

Das hat sich nun schlagartig geändert. Denn plötzlich geht es nur noch um Kriegsberichterstattung. Siruan will seinen Freunden und Kollegen beistehen und sie bei der lebensgefährlichen Arbeit vor Ort unterstützen. „Wir sind eine große Familie. In Amude kann sich die Situation jederzeit ändern“, sagt er. Noch seien die Truppen nicht in der Stadt angekommen. „Aber wir hören das Bombardement in der Nacht und die Gefechte auf beiden Seiten.“ Die Türkei will entlang der syrisch-türkischen Grenze eine sogenannte Sicherheitszone einrichten und die Kurdenmilizen daraus vertreiben. „Amude liegt mittendrin“, macht Siruan Hadsch Hossein deutlich.

„Die Menschen in Nordsyrien haben große Angst um ihr Leben. Immer mehr Syrer fliehen aus dem Norden“, weiß er. Allein in der Region seien rund 300.000 Menschen auf der Flucht, darunter 70.000 Kinder. Radio Arta FM berichtet, wo gerade gekämpft wird, wer die Opfer sind, wie viele Menschen verletzt wurden, wo es Krankenhäuser gibt, wie die Welt auf den Krieg reagiert. „Vor allem aber versuchen wir, ganz praktisch zu helfen“, sagt der Radio-Manager. „Wir fragen, woran es den Flüchtlingen und der Bevölkerung mangelt und geben diese Informationen an die lokalen Hilfsorganisationen weiter.“ Internationale Hilfsorganisationen haben die Gegend nach Siruans Aussage längst verlassen.

Freie und unabhängige Berichterstattung ist von großer Bedeutung

Das Interesse der Menschen in Syrien nach einer freien und unabhängigen Berichterstattung sei gerade jetzt sehr groß, weiß der 42-Jährige. „Die Informationen eines lokalen Senders, der die Bedingungen vor Ort ganz genau kennt, sind da sehr wichtig.“ Siruan Hadsch Hossein weiß aber auch, wie die Arbeit des Senders sich außerdem noch auswirkt: „Wir geben den Menschen Mut.“

Zurzeit geht Arta FM täglich von morgens bis nachts auf Sendung. Über Facebook und soziale Medien ist der Sender, der sich unter anderem mit EU-Fördergeldern finanziert, sogar rund um Uhr aktiv. Wie lange das noch so gehen kann, weiß niemand. „Wenn das irgendwann nicht mehr möglich ist, werden wir versuchen, die Menschen anders zu erreichen“, sagt der Halterner mit kurdischen Wurzeln. Soziale Medien oder Satellitenfernsehen könnten dann vielleicht aus dem Ausland bespielt werden.

Die Angst ist immer dabei

Bei seiner Arbeit ist die Angst immer dabei - das verhehlt der 42-Jährige nicht. „Aber was ist die Alternative?“, fragt er. Man könne fliehen oder eben Widerstand leisten. „Seit es den Sender gibt, haben wir versucht, die Menschen hier vor Ort zu halten, ihnen Perspektiven zu geben, sie von der Flucht abzuhalten.“ Man habe Kurden, Araber, Christen zusammengebracht. Arta FM sendet auf kurdisch, arabisch, armenisch und aramäisch. „Wir sind ein multiethnisches und multireligiöses Team“, erklärt Siruan Hadsch Hossein. „Es gibt eine gegenseitige Akzeptanz.“ Die Region sei sechs Jahre lang stabil gewesen. Vieles sei wieder aufgebaut worden. „Die Gegend war befriedet.“ Bis vor gut einer Woche.

„Erdogan soll uns in Ruhe lassen“

Nun sei die Türkei dabei, alles in einem Schlag wieder zu zerstören. „Erdogan soll uns in Ruhe lassen“, fordert der engagierte Journalist. Der Krieg zerstöre die Menschen und die Region. „Kriege waren noch nie eine Lösung, nur im Dialog können Probleme gelöst werden“, sagt er. Von Europa und dem Westen wünscht er sich mehr Engagement, um den Krieg beenden zu können. „Damit die Menschen in ihrer Heimat bleiben und eben nicht flüchten.“

In wenigen Tagen - viel früher als erwartet - wird Siruan Hadsch Hossein wieder nach Nordsyrien fliegen. Seine Frau und sein Sohn bleiben in Haltern. Ihre Leben will er nicht gefährden.

Dokumentation Auslandsjournal berichtet über Radiosender Siruan Hadsch Hossein war im WDR-Funkhaus Europa - heute heißt das Programm Cosmo - als freier Journalist tätig. Das Zweite Deutsche Fernsehen hatte den 42-Jährigen vor zwei Wochen einige Tage in Nordsyrien begleitet. Der Bericht wurde im auslandsjournal ausgestrahlt. Zu sehen ist der Beitrag in der ZDF-Mediathek oder ab Minute 8:08 unter diesem Link.
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