Brand vertreibt Nachbarin an ihrem 85. Geburtstag aus ihrem Haus

hzMünsterstraße

Ihren 85. Geburtstag wird die Nachbarin des zerstörten Hauses an der Münsterstraße nie vergessen. Die Seniorin musste fast fluchtartig das Haus verlassen. Das weckte Erinnerungen.

Haltern

, 10.05.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Vor Feuer und Gefahr flüchten, das erinnerte die Halternerin an ihrem 85. Geburtstag sehr an ihre Kindheit. „Wie oft mussten wir nicht vor den Bomben in den Bunker flüchten“, erzählt sie. Und dann kam ihr 11. Geburtstag, der 8. Mai 1945: Die Kapitulation Deutschlands und damit das Ende des Zweiten Weltkrieges wurden verkündet. Eine gute Nachricht. „Als im März die Amerikaner in Haltern einmarschierten, habe ich allerdings geweint. Die Menschen erschienen mir so fremd, vor allem die Soldaten mit der schwarzen Hautfarbe.“

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74 Jahre später, wieder an ihrem Geburtstag, beginnt der Tag schön und endet jäh mit einem traurigen Ereignis: Das Nachbarhaus brennt. „Sind wir hier gut aufgehoben?“, fragt sie die Rettungskräfte. Zunächst wird die 85-jährige Geburtstagsjubilarin beruhigt, aber am frühen Abend muss sie mit ihrer Familie doch aus dem Haus. Die Gefahr, dass Teile des verbrannten Dachgeschosses auf die beiden Wohnungen stürzen, ist zu groß. Die Feuerwehr bittet darum, Sachen zu packen und auf die Schnelle das Haus zu verlassen. Die 85-Jährige sagt: „Das erinnerte mich an den Krieg.“ Dieser Schreck hat sie psychisch mitgenommen. „Ich habe in der Nacht nicht gut geschlafen“, die Halternerin wird zurzeit im Krankenhaus versorgt.

Eine Katastrophe wie diese hat es auf der Straße noch nie gegeben

Seit 1963 wohnt die Halternerin im Haus an der Münsterstraße. Sie kennt hier jeden, hier lebt sie sehr gerne. Eine Katastrophe wie am Mittwoch hat es auf der Straße noch nie gegeben, sagt sie.

Das ihr vertraute Nachbarhaus wird möglicherweise abgerissen. Die Geschichte dazu kennt Harald Zahn (früher Steinmetz und Steinbildhauer, heute Gutachter) sehr gut. „Um die Jahrhundertwende gingen die Brüder Adolf, Ludwig und Karl Zahn als Stuckateure auf Wanderschaft. In Haltern blieben sie hängen. Adolf Zahn baute 1904 das dreigeschossige Haus an der Münsterstraße und im Hinterhof eine Werkstatt. Er hatte zwei Töchter, Hedwig und Hertha. Hertha heiratete den evangelischen Pfarrer Kunz und blieb in dem Haus wohnen.

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Als der Vater im Krieg fiel, endete die Firmengeschichte. Karl Zahn, der Großvater von Harald Zahn, gründete als Steinmetz eine Firma an der Römerstraße; Ludwig Zahn eröffnete ein Fliesengeschäft an der Weseler Straße. Die drei Wohnungen im Haus an der Münsterstraße wurden in den 80er-Jahren aufgeteilt und als Eigentumswohnungen verkauft.

Wenn die Halternerin wieder fit ist, kehrt sie in ihre vertraute Umgebung zurück. Sie ist zuversichtlich, dafür Kräfte sammeln zu können: „Ich bin ein Kriegskind. Bisher habe ich noch alles im Leben geschafft.“

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