Die mit Preisen ausgezeichnete Ausstellung „Gesichter einer Flucht“ findet eine Fortsetzung. Vier Geflüchtete erzählen Gerburgis Sommer, wie es ihnen seit 2015 in Haltern ergangen ist.

Haltern

, 15.05.2020, 16:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Ausstellung „Schau mich an - Gesichter einer Flucht“ ist eine unendliche Geschichte. Anfang 2016 entstand die Idee, in Haltern angekommene geflüchtete Menschen zu porträtieren. Daraus wurde noch im gleichen Jahr eine Ausstellung mit 19 Porträts, die mittlerweile durch ganz Deutschland zieht und nebenbei etliche Nachahmer gefunden hat. Hinter der inzwischen vielfach ausgezeichneten Arbeit steckt Gerburgis Sommer, freie Journalistin und Mitarbeiterin der Recklinghäuser Beschäftigungsinitiative RE/init e.V.

Mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie allerdings müssen derzeit alle Buchungen abgesagt werden: die in der Fachhochschule Münster beispielsweise oder in Papenburg. Dennoch arbeitete Gerburgis Sommer weiter an ihrer Idee. Inzwischen sind vier neue Porträts entstanden, in denen geflüchtete Menschen, die seit vier bis sechs Jahren in Haltern leben, zum zweiten Mal erzählen. Sie beschreiben, was aus ihnen geworden ist.

Suleiman: „Ich habe 20 Vokabeln am Tag gelernt“

Suleiman (25) aus dem Irak zum Beispiel. Er sagt: „Ganz am Anfang war Deutschland wie eine andere Welt für mich. Die andere Sprache, die Körpersprache, alles war fremd. Ich war sehr neugierig auf die deutsche Kultur und habe mich bemüht, schnell Deutsch zu lernen. Damals bin ich nicht eher ins Bett gegangen, bis ich zwanzig Vokabeln am Tag gelernt hatte. Heute höre ich immer wieder von Deutschen, dass ich „eingedeutscht“ bin. Das freut mich sehr.“ Suleiman hat sein Fachabitur gemacht und möchte gerne Soziale Arbeit studieren. Als Vorbereitung absolviert er gerade ein Jahrespraktikum beim Caritasverband.

Oder Sabrieh (40) aus dem Iran. Die Mutter von zwei Söhnen hat den Realschulabschluss geschafft und möchte nun eine Ausbildung als Krankenschwester oder Kinderpflegerin anschließen. „Ich hätte nie erwartet, dass ich zu fremden Leuten Kontakt haben würde. Bei uns zuhause nimmt man sich keine Zeit für Fremde. Die Verwandten, die Familie sind wichtig. Als wir am Anfang im Camp waren, kamen einfach Leute, die helfen wollten. Sie hörten zu, obwohl wir uns nur sehr schlecht verständigen konnten. Sie nahmen sich Zeit für uns, das war sehr menschlich. Für mich ist es hier nach all den Schwierigkeiten im Iran wie ein neues Leben.“

Viele Geflüchtete haben große Schritte gemacht

„In den Jahren seit der Ankunft der Menschen aus den Krisen- und Kriegsgebieten in Haltern haben viele Geflüchtete große Schritte gemacht und im Willkommens-Café sind wunderbare Freundschaften entstanden“, sagt Gerburgis Sommer. Im Café sei ihr damals die Idee gekommen, aufzuschreiben, wer die geflüchteten Menschen sind, die in Halterns Straßen durch ihr fremdes Aussehen auffallen. Was hat sie in ihrem Heimatland in die Flucht getrieben? Wie „geht“ Fliehen überhaupt und was erhoffen sich die Flüchtlinge für ihre Zukunft? Unterstützt wurde sie dabei vor allem von David Schütz (Caritas) und Jennifer Grube (Fotografin) sowie Michael Buttgereit und Wolfram Heidenreich (Agentur „Gute Botschafter“) und Grafikdesignerin Michaela Kruse-Harbott.

Am 1. September 2016 war die Ausstellung anlässlich des Jubiläums 100 Jahre Caritas im Bistum Münster eröffnet. Inzwischen gibt es zwei identische Ausstellungen mit je 20 Roll-Ups. Unter den Gesichtern einer Flucht finden sich auch deutsche Vertriebene. Eine 92-jährige Halternerin erzählte Gerburgis Sommer ihre Geschichte von Vertreibung am Ende des Zweiten Weltkrieges. Gerburgis Sommer war glücklich: „Das gab dem Projekt eine neue Dynamik. Gretes Schilderungen lenkten den Blick auf die deutsche Geschichte. Viele Parallelen, aber auch Unterschiede wurden deutlich.“

Die Idee aus Haltern wurde vielfach ausgezeichnet

Die Idee berührte, vervielfältigte sich und wurde ausgezeichnet. So erhielt Gerburgis Sommer den Ehrenamtspreis des Bistums Münster, den Multi-Kulti-Preis Lünen/Hamm und den Preis „Aktiv für Demokratie und Toleranz“.

Für viele Projektteilnehmende war es eine gute Erfahrung, von sich erzählen zu dürfen. Einige haben auch live während einiger Ausstellungseröffnungen von sich berichtet. Deshalb waren sie auch zu einer Fortsetzung bereit. Neben Suleiman und Sabrieh kommen auch Hos-Oynga aus der Mongolei (19), Auszubildende im Seehof, und Zerspannungsmechaniker Majed aus Syrien noch einmal zu Wort. Die Porträts werden künftig die Ausstellung ergänzen. Hos-Oynga fühlt sich inzwischen sehr verwurzelt: „Haltern am See ist für mich schon meine Heimat. Wenn ich nach ein paar Tagen in einer anderen Stadt nach Haltern komme, dann ist da so ein tiefes Gefühl von „ich bin zuhause.“

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