Geflüchteter aus Syrien steht in Shakespeare-Inszenierung auf der Bühne

hzRuhrfestspiele

Ahmed Mardini ist 2015 aus Syrien geflüchtet und lebt seit drei Jahren in Haltern. Jetzt steht er für ein Theaterprojekt in Recklinghausen auf der Bühne. Der Weg dorthin war weit.

Haltern

, 28.09.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Der 35-jährige ist in Damaskus geboren und aufgewachsen. Hier machte er seinen Universitätsabschluss als Rechtswissenschaftler, betrieb einen Literatursalon, in dem er Lesungen gab und Schreibworkshops leitete, arbeitete bei einer libanesischen Zeitung, wechselte dann zu einem Radiosender und hatte als angehender Jurist gute Zukunftsperspektiven. Dann machte der Krieg alles zunichte.

2015 flüchtete er wie viele seiner Landsleute über die Türkei, Makedonien, Serbien und Ungarn nach Österreich, berichtete er. Es folgte die Weiterreise nach Thüringen und ein einjähriger Aufenthalt in einem Heim für Geflüchtete in Eisenberg.

Diese Zeit beschreibt Mardini als ausgesprochen bedrückend - umgeben von völlig fremden Menschen, zum Teil sehr rücksichtslosen Mitbewohnern, ohne Kenntnisse der Sprache und der Kultur des Gastlandes. Völlig desillusioniert, wollte er eigentlich auf schnellstem Wege zurück nach Syrien. Doch es kam ganz anders: Sein Asylgesuch wurde anerkannt und die Ausländerbehörde überführte ihn 2017 nach Haltern.

„Durch sie hat sich mein Leben komplett verändert“

Hier lernte er die Halternerin Helga Warsen kennen. „Durch sie hat sich mein Leben komplett verändert. Ich habe ihr so viel zu verdanken“, erzählt er. Es begann mit einem VHS-Sprachkurs im Rahmen seiner Integration als Geflüchteter. Helga Warsen, seine Deutschlehrerin, erinnert sich: „Ich erkannte schnell das Potenzial meines Schülers. Er lernte die Sprache schnell und zeigte zudem ein außerordentliches Talent zu moderieren und zu schauspielern.“

Sie empfahl ihn an das Ruhrfestspielhaus Recklinghausen, wo er unter der Leitung des Regisseurs Hansgünther Heyme in das inklusive Schauspielprojekt „Lebenskünstler 2019/2020“ aufgenommen wurde. Das Projekt wird von der Aktion Mensch gefördert und von der Lebenshilfe Mitte Vest e.V. in Kooperation mit den Ruhrfestspielen veranstaltet.

Proben für eine Shakespeare-Trilogie

Die Koordinatorin des Projektes, Bettina Kollecker, freute sich über den talentierten Zuwachs der nun 27 Personen umfassenden Schauspieltruppe: „Wie arbeiten derzeit an einer Shakespeare-Trilogie. Ahmed Mardini kam zu uns, als die Proben für das Stück „Fetzen aus dem Traum von W. Shakespeare“ auf dem Plan standen. Er hat sich von Anfang an gut in die Gruppe integriert und profitiert von unseren Erfahrungen ebenso gut wie wir von seinen.“

Ahmed Mardini (liegend) mit Raiden Dost bei der Probe im Schacht 7 zu „Narrenschiff“.

Ahmed Mardini (liegend) mit Raiden Dost bei der Probe im Schacht 7 zu „Narrenschiff“. © Projekt Lebenskünstler

Seit einem Jahr probt das Ensemble das Stück „Narrenschiff“. Die Inszenierung von Franz-Joseph Dieken greift Motive und Figuren aus Shakespeare-Werken auf. Premiere feiert das Stück am 18. Oktober um 16 Uhr im Rahmen eines Festivaltages auf der großen Bühne des Ruhrfestspielhauses. Wegen Corona gestalteten sich die Proben schwierig. Erst ab Juli konnten sich die Schauspieler wieder regelmäßig treffen. Nun aber ist das Stück aufführungsreif. Ahmed Mardini ist stolz: „Es ist sehr aufregend, auf einer Bühne aufzutreten, auf der schon Kevin Spacey und John Malkovich gestanden haben.“

Bewerbung für ein Stipendium zum Studieren

Nebenbei bewirbt sich Mardini gerade für ein Stipendium bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung und bereitet sich auf die C1-Deutschprüfung an der Universität Bochum vor. Sobald er sie bestanden hat, will er Sozialwissenschaften studieren. Sein nächstes Ziel ist die Eröffnung eines Lokals, ähnlich wie dem, welches er in Damaskus betrieben hatte. Ein Treffpunkt soll es werden, der sowohl für Lesungen, als Kaffeehaus, als Galerie und kleine Bühne genutzt werden kann. „Und wenn ich das alles geschafft habe, träume ich davon, meine Eltern hierher zu holen.“

Das „Narrenschiff“ wird am Sonntag, 18. Oktober, um 16 Uhr auf der großen Bühne des Festspielhauses Recklinghausen, Otto Burrmeister-Allee 1, aufgeführt. Einlass und Besichtigung einer Ausstellung rund um das Projekt ist ab 15 Uhr. Am Festivaltag (Auf der Wiese hinter dem Festspielhaus) wird es vormittags (11 bis 14 Uhr) zudem weitere Tanz- und Gesangsprojekte geben. Es spielt eine interkulturelle Band. Ahmed Mardini ist hier Mitglied einer Trommelgruppe. Weitere Infos unter: https://www.ruhrfestspiele.de/programm/2020/lebensk%C3%BCnstler-festival Tickets für die Aufführung „Narrenschiff“ sowie für den Festivaltag zum Preis von je 5 Euro können vorbestellt werden unter: lebenskuenstler@lh-mitte-vest.de.
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