Gelebte Inklusion: Ernst-Lossa-Haus baut WG-Angebot aus

Ernst-Lossa-Haus

Die Mitarbeiter des Ernst-Lossa-Hauses betreuen Menschen mit geistigen Einschränkungen, die in Wohngemeinschaften leben. Für die Zukunft ist bereits das nächste Projekt geplant.

Haltern

, 21.07.2020, 14:00 Uhr / Lesedauer: 2 min
Oliver, Thilo Wichmann, Christian, Anne Stock, Stephan, Sven und Jürgen managen die Ernst-Lossa-WG in Haltern.

Oliver, Thilo Wichmann, Christian, Anne Stock, Stephan, Sven und Jürgen managen die Ernst-Lossa-WG in Haltern. © Antje Bücker

In der Männer-WG an der Johannes-Grüther Straße in Haltern ist auf den ersten Blick alles „ganz normal“. Fünf Männer im Alter von 28 bis 53 Jahren teilen sich Bad, Küche und Wohnzimmer, gehen tagsüber arbeiten und während der Freizeit ihren Hobbys nach.

Sie haben ihr eigenes Einkommen und eigene Konten. Die Miete für ihr Wohnhaus bezahlen sie anteilig. Der Haushalt läuft, der Zusammenhalt untereinander klappt prima. Was die Männer von anderen unterscheidet, ist lediglich, dass sie alle eine geistige Einschränkung haben. Jeder auf andere Weise, jeder in einer anderen Ausprägung. Autark und selbstbestimmt leben können sie trotzdem. Die Betreuung des Ernst-Lossa-Hauses macht es möglich. Weil sich das Konzept bewährt hat, wird es in diesem Sommer ausgebaut. Eine inzwischen dritte Wohngemeinschaft wird eingerichtet.

Notfall-Telefonnummern sind zu jeder Tageszeit erreichbar

Die Handicaps der Männer werden durch die Mitarbeiter der nahe gelegenen Einrichtung für betreutes Wohnen kompensiert. Anne Stock, pädagogische Leiterin des hauseigenen Ambulanten Dienstes, Vorstandsmitglied Thilo Wichmann sowie Mitarbeiter des ambulanten Pflegedienstes stehen von morgens bis abends bereit, um bei alltäglichen Dingen zu assistieren oder zu beraten.

Eltern gründeten vor 20 Jahren Initiative
Beständiges Wachstum

  • Vor zwanzig Jahren als Initiative betroffener Eltern gegründet, ist die Einrichtung in den letzten Jahren beständig gewachsen und bietet heute in Zusammenarbeit mit Ambulanten Pflegediensten familienunterstützende Hilfen in allen Lebensbereichen an. Die Einrichtung versteht sich nicht als Heim oder Unterbringung, sondern ermöglicht weg von der stationären Wohnform besondere Lebensmodelle für besondere Menschen.
  • Wer selbst Interesse hat, in diese Wohngemeinschaft zu ziehen, kann sich telefonisch unter (02364) 9300717 oder per E-Mail an a.stock@ernstlossahaus.de oder t.wichmann@ernstlossahaus.de melden.

Während der Nacht gibt es eine Rufbereitschaft. Im Gemeinschaftswohnzimmer hängt eine Tafel mit Notfall-Telefonnummern, die jederzeit erreichbar sind.

Gemeinschaft kommt jeden Freitag an der Kaffeetafel zusammen

Am späten Freitagnachmittag steht das wöchentliche Gemeinschaftsgespräch auf dem Programm. Sven, Stephan, Jürgen, Oliver und Christian, die nicht mit vollständigem Namen genannt werden möchten, sitzen bereits an der Kaffeetafel, die Sven zuvor liebevoll mit Kuchen, Plätzchen und Obst gedeckt hat. Der Kaffee erfüllt mit seinem Duft den Raum.

Planung der Woche und viel Gesprächsstoff

Auch an diesem Freitag gibt es neben der Planung für die kommende Woche viel zu erzählen. Oliver hat den Tag in den Werkstätten Karthaus in Dülmen verbracht. Er arbeitet als Monteur und hat bereits außerhalb der Einrichtung ein Berufspraktikum absolviert. Christians Tätigkeit besteht darin, die Ruhr-Topcards in Kuverts zu verpacken und an Veranstalter und Ticket-Hotlines zu schicken. Andere sortieren und verpacken Werkzeuge. Sie alle erfüllt ihre Arbeit mit Stolz.

„Das ist wirklich gelebte Inklusion“

Die betreute Wohngemeinschaft ist ein großer Schritt in einen normalen Alltag, betonen Thilo Wichmann und Anne Stock. „Projekte wie dieses sind wirklich gelebte Inklusion. Das gilt nicht nur für die Bewohner, sondern für gesunde Menschen im gleichen Maße. Berührungsängste werden abgebaut, Hilfe angeboten - beiderseitig!“

Die gut funktionierende Nachbarschaft der Wohngemeinschaft beweist es. Man lädt sich gegenseitig zum Kaffee ein, grillt, backt gemeinsam Kuchen, versorgt sich mit Früchten aus dem Garten. Auch Familien und Angehörige kommen zu Besuch. Die Männer schaffen ein Ambiente, in dem man sich gerne aufhält. Ein Projekt, das beispielhaft ist.

160 Quadratmeter Wohnfläche in stadtnaher neuer WG

Aus diesem Grund hat das Ernst-Lossa-Haus nun ein weiteres Privatgebäude in Innenstadtnähe angemietet. Auf 160 Quadratmetern Wohnfläche mit einem 500 Quadratmeter großen Gartengrundstück sollen noch in diesem Sommer fünf weitere Menschen mit Handicaps betreut leben können. Derzeit werden die Wohnungen behindertengerecht eingerichtet. In gut vier Wochen soll alles fertig sein. Einzelzimmer und Gemeinschaftsräume sind vorhanden.

In der Männer-WG an der Johannes-Grüther Straße indes werden einige Bewohner am Abend noch ihren Hobbys nachgehen. Oliver ist noch nicht ausgepowert. Wenn das Wetter es zulässt, ist der 40-jährige mit dem Rad unterwegs. Stephan, der Jüngste im Bunde, engagiert sich im Judo-Club 66. Jürgen möchte auf sein Zimmer und Sven wird den Feierabend zusammen mit Christian vor dem Fernseher verbringen. „Ganz gemütlich auf der Coach“, sagt er und lacht.

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