Die Suche war lang. Sie begann mit der Erkennungsmarke eines Soldaten aus Haltern, die ein Australier fand. Nun können wir endlich den überraschenden Lebensweg von Robert Paul nachzeichnen.

Haltern

, 16.06.2019 / Lesedauer: 5 min

Sinead und Damian Williams können es noch immer nicht fassen. Vor mehr als einem Jahr hatte das Ehepaar aus dem australischen Melbourne Kontakt mit der Halterner Zeitung aufgenommen. Beim Ausräumen auf dem Dachboden des Hauses seines verstorbenen Vaters Vincent Williams hatte Damian die Erkennungsmarke eines deutschen Soldaten entdeckt. In einem alten Schuhkarton lag die verwitterte „Dog Tag“, wie die Australier die Stahlmarke zur Identifizierung von Soldaten nennen. Nur schwer konnte Damian die Schriftzüge Robert Paul, Hamm-Bossendorf, 26.2.98, darauf erkennen. Sinead und Damian Williams machten sich auf die Suche nach Angehörigen dieses Mannes.

Die überraschende Geschichte des lange gesuchten Halterner Soldaten Robert Paul

Sinead und Damian Williams aus Melbourne schicken die Erkennungsmarke nun wieder zurück an ihren Herkunftsort. © privat

Und sie baten die Halterner Zeitung um Hilfe. Robert Pauls Nachfahren sollten die Marke und damit ein Andenken an den Soldaten bekommen, der in den Krieg zog und nie wieder zurückkehrte. Nach aufwendiger Recherche steht nun endlich fest, woher Robert Paul stammte. Sein Lebensweg verblüfft.

Soldat in der Hölle der Somme

Robert Paul kämpfte in der Hölle der Somme. Die Schlacht war eine der größten an der Westfront des Ersten Weltkrieges. Vom Mordsommer ist die Rede: Nirgendwo starben in so kurzer Zeit so viele Menschen wie am Fluss Somme in der Picardie, einer Region im Norden Frankreichs. Das Inferno begann am 1. Juli 1916 und endete am 18. November 1916. Bis September 1918 wurden die deutschen Truppen schließlich im Somme-Abschnitt auf ihre Ausgangsstellungen um St. Quentin (Hindenburglinie) zurückgedrängt.

Die überraschende Geschichte des lange gesuchten Halterner Soldaten Robert Paul

Soldaten der zweiten australischen Division ruhen sich im Juni 1916 hinter Sandsackstellungen bei Armentières in Frankreich aus. © Australian War Memorial/dpa

Niemand weiß genau, wie viele Menschen dort den Tod fanden. Von mehr als einer Million getöteter, verwundeter und vermisster Soldaten ist die Rede. Mehr als 460.000 deutsche, rund 200.000 französische und über 450.000 Soldaten des Empires kamen bei Massenangriffen und Trommelfeuern um. Riesige Kraterlandschaften entstanden. Das menschliche Leid war unermesslich.

Australischer Soldat J.J. Williams fand die Erkennungsmarke in Frankreich

Der Australier Jack Joseph „J.J.“ Williams - Damian Williams´ Großvater - war im Rahmen des britischen Comonwealth freiwillig in den Krieg gezogen und hatte dort mehr als 34.000 Landsmänner verloren. Der zu dem Zeitpunkt etwa 20 Jahre alte Australier nahm die Erkennungsmarke des nur zwei Jahre älteren deutschen Soldaten Robert Paul an sich. In dem Glauben, dass der Deutsche in dem Krieg gefallen war. Die aus zwei Teilen bestehende Marke war allerdings noch vollständig und nicht auseinandergebrochen.

Die überraschende Geschichte des lange gesuchten Halterner Soldaten Robert Paul

Der australische Soldat J.J. Williams - hier ein Foto kurz bevor er an die Somme zog - hatte die Erkennungsmarke des deutschen Soldaten an sich genommen. © Jürgen Wolter

Später ging die Erkennungsmarke in den Besitz von J.J. Williams’ Sohn - Vincent Williams - über. Dessen Sohn Damian wiederum kramte sie schließlich nun aus dem Karton hervor.

Robert Pauls Schicksal nach dem Krieg ist zunächst unklar. In den Verlustlisten der im Ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten wird er nicht aufgeführt. Auch der Verein für Computergenealogie findet keine Spur. Weil die Daten aus dem Ersten Weltkrieg verloren seien, könne auch im Militärarchiv kein Mann namens Robert Paul ausgemacht werden, ist von dem Mitarbeiter in Freiburg zu erfahren.

Schwierige Suche nach dem Geburtsort

Auch die Suche nach dem Geburtsort des Hamm-Bossendorfers gestaltet sich schwierig. Dieser Ortsteil gehörte bis zur Gebietsreform 1975 zum Amtsbezirk Marl. In Haltern ist also keine Geburtsurkunde von Robert Paul vorhanden. Auch in Marl können keine entsprechenden Dokumente gefunden werden. Die in beiden Orten gemeldeten Familien Paul indes haben keine verwandtschaftlichen Beziehungen mit dem Gesuchten.

Erst das Landesarchiv NRW mit Sitz in Detmold, das Ahnenforschung in ganz Westfalen betreibt, findet „gleich in der Nachbarschaft“ einen Geburtseintrag vom 26. Februar 1898 zur Person Robert Paul beim Standesamt in Datteln. Nach dem Marler prüft nun das Dattelner Stadtarchiv den Fall. Und fördert schließlich die gesuchte Geburtsurkunde zutage.

Die Überraschung

Demnach wird Robert Paul am 26. Februar 1898 in Datteln geboren. Er kann nur kurz vor dem Ersten Weltkrieg nach Hamm-Bossendorf umgezogen sein. Denn als der Krieg beginnt, ist Robert Paul gerade mal 18 Jahre alt. Der weitere Inhalt des offiziellen Dokuments verwirrt dann: Denn als Todesdatum des Gesuchten ist der 29. September 1970 angegeben. Robert Paul starb gar nicht im Ersten Weltkrieg. Er überlebte das Grauen in Frankreich und wurde 72 Jahre alt. Wie wir später erfahren, starb er in einem Dortmunder Krankenhaus.

Hochzeit in Dortmund und Familienleben in Kamen

Nach den Erkenntnissen des NRW-Landesarchivs heiratet Robert Paul auch in Dortmund - am 15. April 1921 gibt er Wilhelmine Christine Hinz das Ja-Wort. Wohnhaft ist das Ehepaar bis zu Pauls Tod in Kamen. Acht Kinder - fünf Jungen und drei Mädchen - gehen aus der Ehe hervor.

Doch auch die direkten Nachfahren von Robert Paul sind inzwischen gestorben - zuletzt die jüngste Tochter Christel im Jahr 2015 mit 71 Jahren. Deren Ehemann Hans-Udo Witte aber lebt. Auch der 75-jährige Witwer wohnt in Kamen. An seinen Schwiegervater kann er sich gut erinnern. „Er war Bergmann auf Zeche Monopol in Bergkamen“, erzählt Witte. „Ein waschechter Kumpel.“ Das Foto, das Hans-Udo Witte der Halterner Zeitung zur Verfügung stellt, zeigt einen älteren Mann, dessen trauriger, fast leerer Blick sich in der Weite verliert.

Die überraschende Geschichte des lange gesuchten Halterner Soldaten Robert Paul

Dieses undatierte Foto zeigt Robert Paul © privat

Robert Paul bleibt bis auf eine Unterbrechung in Zeiten des Nationalsozialismus’ immer treues SPD-Mitglied. Er ist aktiv in der Ortsgruppe Kamen, erinnert sich Witte. Die Nazis, von denen er sich nicht zur Mitgliedschaft in der Hitlerjugend zwingen lässt, bringen ihn schließlich ins Gefängnis. Und auch einen weiteren Krieg überlebt Robert Paul nach Darstellung seines Schwiegersohns als Soldat. „Vom Volkssturm am Ende des Zweiten Weltkriegs kehrte er erneut wohlbehalten zurück“, sagt Hans-Udo Witte.

„An den lieben Gott glaube ich, nur das Fußvolk taugt nichts“

Von seinen frühen Kriegserfahrungen habe Robert Paul niemals berichtet, erklärt sein verblüffter Schwiegersohn. „Er hat nie darüber gesprochen.“ Vermutlich sei es viel zu schwer für ihn gewesen, darüber zu reden, mutmaßt Witte.

Nur zu gerne dagegen habe sein Schwiegervater dagegen die Kirche kritisiert. Witte: „Die war nie sein Ding.“ Oft habe Robert Paul gesagt : „An den lieben Gott glaube ich, nur das Fußvolk taugt nichts“. Und trotzdem habe er jeden Sonntagmorgen die Messe im Radio verfolgt. „In der Kirche selbst aber war er nie.“

Robert Paul wurde 72 Jahre alt. Bis zuletzt sei er „geistig voll dagewesen“, erklärt Hans-Udo Witte. Auch der 75-Jährige ist froh, Neues aus dem Leben seines Schwiegervaters erfahren zu haben. An der Erkennungsmarke ist der Rentner nicht interessiert, auch wenn er die Geste des australischen Ehepaars sehr zu schätzen weiß.

Sinead und Damian Williams wollen die „Dog Tag“ der Halterner Zeitung überlassen. Und die wird das historische Stück Stadtarchivar Gregor Husmann überreichen. Als Demonstrationsobjekt für Schulklassen. Und als Erinnerung an den viel zu früh totgeglaubten Soldaten Robert Paul.

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