Belastetes Grubenwasser soll nicht mehr in die Lippe geraten, doch ausgerechnet Umweltschützer wollen gegen dieses Vorhaben klagen. Sie befürchten nicht absehbare Folgen.

Lippramsdorf

, 24.01.2019, 04:55 Uhr / Lesedauer: 4 min

„Der ganze Bergbau ist in den vergangenen Monaten total romantisiert worden“, sagt der Lippramsdorfer Heinrich Stegemann. Doch es bleiben viele Geschädigte, die jahrzehntelang mit den Folgen kämpfen. „Und jetzt wollen die Politiker noch als Andenken Ampelmännchen wie Bergleute aussehen lassen?“ Stegemann schüttelt den Kopf. In einigen Städten gibt es diese Ampelzeichen mit Grubenlampe bereits, die Halterner SPD hat einen entsprechenden Antrag für die nächste Stadtratssitzung gestellt.

In der Region oberhalb der Flöze der ehemaligen Zeche Auguste Victoria, zum Beispiel in Haltern-Lippramsdorf, haben viele Menschen mit Bergschäden zu kämpfen. Wenn in rund 1000 Metern Tiefe Tunnel einstürzen, sacken Häuser ab, es entstehen Risse in den Wänden. „Viele Anwohner sind bei der Schadensregulierung völlig hilflos“, sagt Heinrich Stegemann: „Die RAG hat aber eine jahrhundertealte Tradition, mit diesen Themen umzugehen.“ Zur Unterstützung dieser Grundstückseigentümer hat sich vor zehn Jahren die Bürgerinitiative für Lebensqualität und Umweltschutz (BLU) gebildet, mit Stegemann an der Spitze. Gemeinsam treten sie dem großen Unternehmen gegenüber.

Giftiges Grubenwasser soll nicht mehr in die Lippe fließen - Naturschützer klagen dagegen

Der Förderturm des Schachtes Auguste Victoria 8 liegt direkt an der Lippe. © Arno Specht

„Wenn mein Haus noch zwei Millimeter zur Seite absackt, läuft mir das Wasser aus der ebenerdigen Dusche raus“, sagt Rolf Barkowski, Anwohner der Eppendorfer Straße. Egal wo man in seinem Haus einen Ball auf den Boden legt, rollt er in eine Ecke des Zimmers. Dasselbe passiert natürlich auch Rollstühlen oder Rollatoren. Der Keller, in dem Heizöl gelagert ist, musste mit Estrich begradigt werden. Es gab Risse in Fußböden, im Wintergarten ist eine Scheibe geborsten. In der Nachbarschaft habe es durch die Schieflage schon Stürze mit Knochenbrüchen gegeben.

Video
Rolf Barkowski über Bergsenkungen in Eppendorf

Treten solche Schäden auf, können sich Betroffene bei einer Hotline der RAG melden, die die Bergwerke betrieben hat. „Dann beginnt das Warten auf den Sachbearbeiter“, sagt Rolf Barkowski. Die Gespräche zur Kostenübernahme laufen nicht wirklich, sie schlurfen eher.

Die RAG habe ein Abkommen mit dem Verband bergbaugeschädigter Haus- und Grundeigentümer (VBHG) aus Herten, dass Schieflagen erst ab einem festgelegten Wert als ernsthafte Probleme angesehen werden. Barkowski und seine Nachbarn liegen knapp unter diesem Wert. „Aber wir sind doch keine Mitglieder in diesem Verband“, ärgert sich Barkowski: „Wenn wir beide einen Vertrag machen, dann hat Ihr Nachbar als Dritter doch nichts damit zu tun.“ Außerdem sind die Nachbarn mit der Messmethode der RAG nicht einverstanden.

Teure juristische Schritte sind möglich aber unrealistisch

Juristische Schritte zur Entschädigung haben die Eppendorfer bereits prüfen lassen. „Die Prognosen sagen, dass wir ganz gute Erfolgsaussichten haben“, so Barkowski. Doch die Verfahrensdauer wurde auf mindestens vier Jahre geschätzt, die Kläger müssten mit knapp 50.000 Euro in Vorleistung treten. „Dieses Risiko geht doch niemand ein“, sagt der Hausbesitzer. Man habe schon eine Schlichtungsstelle zurate gezogen: Aber wenn eine Partei da nicht mitmachen will, muss sie es nicht. Und die RAG wollte nicht.

Vor etwa 20 Jahren habe er das Haus gekauft, da zog der Bergbau gerade erst unter der Lippe her in seine Nachbarschaft. Jetzt befürchtet er einen hohen Wertverlust seiner Immobilie. Mit dem Ende des Bergbaus sollte Ruhe einkehren, war immer wieder zu hören. „Aber morgen kann da unten wieder irgendein Flöz zusammenkrachen“, sagt Rolf Barkowski: „Dann passiert hier auch wieder etwas.“

Giftiges Grubenwasser soll nicht mehr in die Lippe fließen - Naturschützer klagen dagegen

Heinrich Stegemann (Bildmitte, mit schwarzer Weste) mit dem Vorstandsteam der BLU. © Horst Lehr

„Wir versuchen, mehr Öffentlichkeit für diese Themen zu schaffen“, sagt Heinrich Stegemann von der BLU: „Auch für das giftige Grubenwasser, das ansteigen soll.“ Versickerndes Regenwasser dringt in die Tunnel ein, bislang wurde es an 13 Stellen im Ruhrgebiet mit Pumpen nach oben gebracht und in Flüsse eingeleitet. Bei Haltern am See ging das Wasser aus Auguste Victoria in die Lippe. Und aus den Tunneln hat es Giftstoffe wie PCB ans Tageslicht gebracht.

Nach dem Ende des Bergbaus will die RAG jetzt das Wasser in den Bergwerken ansteigen lassen und nur noch an sechs Stellen in größere Flüsse leiten. So werden Energie und Geld gespart. Das Halterner Regenwasser füllt dann ein unterirdisches Tunnelsystem bis zum Rhein. Bei Dinslaken wird es nach oben gepumpt und in den Rhein eingeleitet, die Lippe bleibt verschont. Das Wasser pumpe man „weit unterhalb der Trinkwasserreservoirs“ ab, sagt Dr. Michael Drobniewski, Bereichsleiter bei der RAG: „Der Schutz des Grundwassers besitzt höchste Priorität.“

Doch Naturschützer sind von dem Vorhaben gar nicht begeistert. „Wir sind dabei, eine Klage vorzubereiten“, sagt Claudia Baitinger vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), ebenfalls Mitglied in der Bürgerinitiative BLU. Im Oktober hat die Bezirksregierung Arnsberg, die für ganz NRW als Bergbehörde zuständig ist, genehmigt, dass das Grubenwasser auf Auguste Victoria in den kommenden Jahren bis 600 Meter unter dem Meeresspiegel steigen darf. Dieses sogenannte Übertrittsniveau soll im Jahr 2035 erreicht werden.

Der BUND bemängelt, dass die ökologischen Auswirkungen dieses Grubenwasseranstiegs nicht ausreichend beleuchtet worden seien. „Die gesamten wasserwirtschaftlichen Gegebenheiten über die nächsten Hunderte von Jahren werden sich grundlegend verändern“, so Baitinger, Mitglied im Naturschutzbeirat des Kreises Recklinghausen. Zwar wurden einige Gutachten zum Thema erstellt, doch Baitinger sagt: „Das bisherige Verhalten der Bergbehörde muss als Verweigerung eines angemessenen Verwaltungshandelns angesehen sein.“ Die Klage richtet sich an die Bezirksregierung, der BUND will unter anderem eine Bürgerbeteiligung erstreiten.

Im Saarland muss die RAG die Pumpen laufen lassen

Claudia Baitinger verweist auf einen Gerichtsprozess der RAG aus dem Saarland. Bereits 2013 war dort der Anstieg des Grubenwassers genehmigt worden, die Gemeinde Nalbach zog vor Gericht. „Die Nalbacher befürchten durch den Grubenwasseranstieg Bodenbewegungen, Tagesbrüche und eine Kontaminierung des Grundwassers“, schreibt die Saarbrücker Zeitung. Nalbach bekam im Frühjahr 2018 Recht, die RAG muss das Wasser aktuell weiter abpumpen. Das Gericht gab an, es habe bei der Genehmigung an einer erfoderlichen Vorprüfung des Einzelfalls gefehlt. Das Unternehmen ging in Berufung, das Verfahren läuft weiter.

Die RAG hält dagegen: „Überall wo der Bergbau beendet wird, lässt man das Grubenwasser ansteigen“, sagt Sprecher Christoph Beike: „Nicht nur bei uns, das ist zum Beispiel auch in Frankreich so.“ Der Sicherheitsabstand für den Trinkwasserschutz sei mit rund 150 Metern durchaus ausreichend. „Ja, Bodenbewegungen können passieren“, sagt Beike: „Aber im Zentimeter-Bereich. Nicht wie bei den Absenkungen von 10 bis 20 Zentimetern.“

Die RAG will Schäden regulieren

Außerdem bewege sich der Boden flächendeckend, nicht so punktuell wie bei den Senkungen. „Und wenn etwas passieren sollte, wird das auch als Bergschaden behandelt und von der RAG reguliert“, so der Sprecher. Dadurch dass das Grubenwasser zukünftig deutlich weiter oben abgepumpt wird, sei es weniger belastet. Viele Schadstoffe sollen nach unten absinken.

„Wenn man nicht darüber diskutiert“, sagt Claudia Baitinger: „macht die Industrie mit uns was sie will.“ Und Heinrich Stegemann ist wichtig zu ergänzen: „Wir haben nichts gegen den Bergmann, der seine ehrliche Arbeit unter Tage verrichtet hat. Das Aktienunternehmen darf sich nur nicht aus seiner Verantwortung stehlen.“

Die Bürgerinitiative BLU hat etwa 230 Mitglieder. Für den 24. Januar (Donnerstag) plant sie zusammen mit dem Lippeverband eine Info-Veranstaltung zum Deichbau am Fluss. Beginn ist um 19 Uhr im Haus Teltrop, Dorstener Straße 649.
Lesen Sie jetzt
Lesen Sie jetzt